Interview mit der Schauspielerin

Karoline Herfurth: „Ich würde Männern nicht absprechen, Frauen zu verstehen“

„Für die Filmbranche gibt es eine klare zeitliche Trennlinie vor und nach #MeToo“: Karoline Herfurth bei der Kinopremiere von „Einfach mal was Schönes“.

„Für die Filmbranche gibt es eine klare zeitliche Trennlinie vor und nach #MeToo“: Karoline Herfurth bei der Kinopremiere von „Einfach mal was Schönes“.

Sie zählt zu den erfolgreichsten deutschen Schauspielerinnen und Regisseurinnen: Mit ihren Filmen „SMS für Dich“, „Sweethearts“ und „Wunderschön“ erreichte Karoline Herfurth ein Millionenpublikum. Nun bringt Herfurth, 1984 in Ost-Berlin geboren, die Komödie „Einfach mal was Schönes“ über eine Frau mit dringendem Kinderwunsch ins Kino – und diese Frau spielt sie selbst.

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Frau Herfurth, kaum eine andere Regisseurin knöpft sich Lust und Frust von Frauen so intensiv vor wie Sie. Warum tummeln sich so wenige Ihrer Kolleginnen auf diesem Feld?

Ach, ich weiß gar nicht, ob das so ist. Mich hat eine ganze Reihe von Regisseurinnen geprägt, Doris Dörrie oder Caroline Link zum Beispiel. Katja von Garniers Roadmovie „Bandits“ war für mich einer der wichtigsten Filme meiner Jugend. Schauspielerinnen wie Katja Riemann oder Corinna Harfouch waren Vorbilder. Aber natürlich ist es in der Kinobranche so wie überall: Das weibliche Narrativ kam lange zu kurz. Ich habe aber das Gefühl, das sich das gerade ändert. Und das ist ein schönes Gefühl.

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Wie weit war der Weg für Sie vom blutjungen „Mirabellenmädchen“ in Tom Tykwers Thriller „Parfum“ zu einer Regisseurin mit Millionenpublikum?

15 Jahre liegen dazwischen – viele, viele Erfahrungen und tolle Menschen, die mich auf dem Weg hinter die Kamera begleitet haben. Es fing an mit der Schnapsidee einer Freundin. Ich sollte ihr bei ihrem Demoband helfen. Das hat uns so Spaß gemacht, dass wir direkt noch einen Kurzfilm gedreht haben. Den sah Willi Geike, der damalige Warner-Chef, und fragte mich, ob ich mich auch an einem Langfilm versuchen würde. Vor- und Postproduktion waren völlig neu für mich. Zum Glück bin ich in einem familiären und schulischen Umfeld groß geworden, in dem ich immer Fragen und auch Fehler machen durfte. Dieses Selbstverständnis hat mir geholfen – und ich hatte das Glück, von Anfang an mit den Besten arbeiten zu dürfen.

Vor knapp sieben Jahren kam Ihr Langfilmdebüt „SMS für Dich“ heraus: Haben sich seitdem die Türen für Frauen geöffnet?

Ich würde sogar sagen, dass diese Türen kraftvoll eingetreten worden sind. Es ist normal geworden, über all diese Ungleichheiten zu sprechen, jedenfalls in meiner Berliner Blase. Für die Filmbranche gibt es eine klare zeitliche Trennlinie vor und nach #MeToo. Dafür bin ich dieser Bewegung dankbar.

Wie haben Sie diese Veränderungen erlebt?

Ich habe mit 23 angefangen, an der Humboldt-Uni Soziologie zu studieren. Die Ungleichheit nicht nur zwischen den Geschlechtern, sondern auch zwischen Schichten und anderen Gruppen hat mich damals überrollt. Ich war geschockt. Ich wusste das alles nicht. Erst an der Uni bin ich aufgewacht. Und dann hat es gefühlt noch mal zehn Jahre gedauert, bis diese Ungleichheit auch im öffentlichen Diskurs spürbar angekommen ist.

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In Ihrem Film „Einfach mal was Schönes“ geht es um ein frauenspezifisches Thema: Die biologische Uhr einer knapp 40-Jährigen tickt. Sie will unbedingt ein Kind. Hätte auch ein Mann diesen Film drehen können?

Ich würde Männern nicht absprechen, Frauen zu verstehen und liebevoll und empathisch von ihnen zu erzählen. Es gibt ja unglaublich tolle Regisseure, die genau das tun. Vermutlich wäre es aber ein anderer Film geworden weil jeder Mensch anders erzählt.

Schauen Ihre Filme mehr Frauen als Männer?

Bestimmt. Aber das ist ja auch okay so. Ich erzähle nun mal aus weiblicher Perspektive. Lustigerweise habe ich bei meinem vorigen Film „Wunderschön“ auch viele Zuschriften von älteren Männern bekommen, die mit ihren Frauen und Töchtern im Film und von diesem berührt waren.

Was hat diese Männer so angesprochen?

Es geht in dem Film um Rollenbilder, sowohl männliche als auch weibliche, ebenso um belastende Leistungsprinzipien. Und die betreffen alle Geschlechter.

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Lachen Männer und Frauen über dieselben Witze?

Ich würde das ungern verallgemeinern. Aber ich bin mir sicher, dass Humor etwas mit Sozialisation zu tun hat. Und die ist unterschiedlich bei Männern und Frauen. Das lässt sich schon an den Algorithmen sehen, die einem angeboten werden: Viele Inhalte sind geschlechtsmäßig eingefärbt. Und das hat tiefere Ursachen.

Welche?

Von klein auf wird die geschlechtliche Zuordnung gepusht. Das ist der reinste Horror. Es gibt sogar Überraschungseier für Mädchen, die sind alle rosa und blumig. Es wäre schön, sich langsam von dieser Zuordnung zu verabschieden. Das heißt nicht, dass plötzlich alle gleich sein müssen. Warum gibt es zum Beispiel immer noch Mädchen- und Jungenabteilungen in Kaufhäusern? Warum nicht einfach nur Kinderabteilungen?

Wie viel Tiefe braucht ein Film? Und wie zwingend ist ein Happy End?

Ich mag diese Mischung von schmerzhaften, komischen und auch romantischen Momenten. Dieser Mix entspricht für mich dem Leben. Ich finde es extrem wichtig, die Figuren nie zu verraten, egal wie absurd das ist, was sie gerade erleben. Eine Szene kann schon sehr weh tun, sollte dann aber auch mit Humor und Leichtigkeit aufgefangen werden.

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Können Sie den biologischen Druck nachempfinden, unter dem Ihre Filmfigur Karla steht?

Wenn sich eine Frau ein Kind wünscht und mit 40 noch keines hat, ist dieser Druck Fakt. Ab einem gewissen Alter ist es nicht mehr so leicht, schwanger zu werden. Und dann muss man sich mit dem Thema auseinandersetzen.

Es gibt noch ein anderes wichtiges Filmthema: die Loslösung von den Eltern. Kennen Sie das aus Ihrem eigenen Leben?

Ich erzähle von drei Schwestern, die ihren jeweils ganz eigenen emotionalen Familienrucksack mit sich herumschleppen. Ich selbst habe das Gefühl, dass es so zwischen 30 und 40 ein Erwachsenwerden 2.0 gibt. Dann löst man sich noch einmal aus den Bildern und Idealen, mit denen man groß geworden ist und beginnt gewissermaßen, sich aus einer selbstständigen Kraft heraus zu gestalten. Das Verhältnis zu den Eltern verändert sich noch einmal, ich übernehme eine neue Verantwortung für mich und die Beziehung zu ihnen. Von diesem Gewinnen der Unabhängigkeit wollte ich in „Einfach nur was Schönes“ erzählen.

Ihre Filmmutter lädt die Kuscheltiere aus den Kindertagen ihrer Tochter vor deren Wohnungstür ab: Wo sind denn Ihre Kuscheltiere abgeblieben?

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Ich hab keine mehr. Aber vor ein paar Jahren habe ich an einer Tankstelle eine kleine Kuh als Maskottchen gekauft. Damals habe ich mit der Regisseurin Caroline Link „Im Winter ein Jahr“ gedreht Ich habe die Kuh gesehen und gedacht: Du Kuh bleibst bei mir! Carolines Film erzählte von einer großen Schwester, deren kleiner Bruder sich umgebracht hat. Vielleicht brauchte ich damals etwas, was mich tröstet. Ich habe die Kuh immer noch.

Wie viel Karoline Herfurth muss in einem Filmstoff stecken, damit er Sie interessiert?

Mich kenne ich ja schon. Aber was mich interessiert, sind die kleinen alltäglichen Auseinandersetzungen, in denen große gesellschaftliche Strukturen exemplarisch sichtbar werden – egal ob es um umkämpfte Gebiete wie den weiblichen Körper oder die Reproduktion geht. Herz, Seele, Schmerz: An allem, was das Leben mit sich bringt, docke ich an. Aber ich bin da offen. Ich hab Lust, immer wieder neue Welten zu entdecken. Vermutlich stecken in denen dann auch wieder Teile von mir drin.

Wann sehen wir einen Film von Karoline Herfurth mit einem Mann im Zentrum?

Wenn es eine geile Geschichte ist, kann das auf jeden Fall passieren. Ich weiß aber nicht, ob ich die männliche Perspektive so ehrlich und authentisch einnehmen könnte. Ich würde mir auf jeden Fall einen Mann in die Stoffentwicklung holen. Momentan will ich eher Geschichten aus weiblicher Perspektive erzählen. Am allerschönsten sind aber solche Geschichten, bei denen es einfach um Menschen geht, und alle fühlen sich angesprochen.

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