Premiere in Kiel

Luise Kautz verlegt Mozarts Oper „Cosi fan tutte“ ins Altbau-Loft

Sie verlegen Mozarts Opera buffa ins Loft: Regisseurin Luise Kautz und GMD Benjamin Reiners.

Sie verlegen Mozarts Opera buffa ins Loft: Regisseurin Luise Kautz und GMD Benjamin Reiners.

Kiel. Überholt findet Luise Kautz die verwickelte Geschichte von Liebe, Täuschung und Untreue, die Librettist Lorenzo Da Ponte 1789 in „Cosi fan tutte“ (So machen’s alle) entworfen hat, überhaupt nicht. „Die Figuren haben eine erstaunlich moderne Psychologie“, sagt die Regisseurin, die Mozarts letzte Opera buffa, die lange als unmoralisch umstritten war und erst im 20. Jahrhundert auf den Bühnen populär wurde, am Opernhaus Kiel inszeniert. „Sie sind einfach menschlich in ihrer Verwirrung und ihren Sehnsüchten.“

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So war für Luise Kautz, die in Kiel schon mit „Die tote Stadt“ und „Die Jüdin“ brillierte, nur folgerichtig, die Inszenierung im Hier und Jetzt anzusiedeln, um „das Moderne der Figuren zu betonen“. Zusammen mit Bühnenbildner Valentin Mattka hat sie als Setting ein schickkühles Altbau-Loft erdacht, in dem der zynische Strippenzieher Don Alfonso zwei jung verliebte Herren überredet, kurz vor der Hochzeit noch mal die Treue ihrer Auserwählten zu testen. Verkleidung und Intrige inklusive.

Luise Kautz entdeckt in der Mozart-Oper Abgründe und Seelentiefen

Ein gutes Bild, wie sie sagt, für ein kulturelles Phänomen unserer Zeit, die dem ausgestellten Individualismus folgt und dem Bedürfnis, sich das Leben zu kuratieren. „Geschrieben ist das als Komödie“, sagt die Regisseurin, „aber darunter tun sich immense Abgründe und Seelentiefen auf, die ich ausloten möchte.“ In den sechs Hauptfiguren, zu denen neben den beiden Liebespaaren und Alfonso noch die Zofe Despina gehört, sieht sie den Menschen in seiner Gesamtheit konzentriert, schwankend „zwischen dem Wunsch nach Sicherheit und der Sehnsucht nach Lust, Erotik und Abenteuer“.

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Bei Hieronymus Bosch und dem „Garten der Lüste“ hat Luise Kautz ebenso Inspiration gefunden wie in der Serie „Stranger Things“ mit ihrer Welt hinter der Realität. Und vor allem in Stanley Kubricks letztem Film „Eyes Wide Shut“ (1999), nach Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“. Und auch das Bühnenbild in Kiel hat eine heimliche Kehrseite, auf der sich eine labyrinthische Struktur öffnet, in der die Protagonisten im zweiten Akt, ähnlich wie bei Kubrick, auf eine surrealistische Party-Gesellschaft treffen. „Da wird auch die animalische Seite sichtbar.“

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Benjamin Reiners, der am Dirigentenpult mit „Cosi fan tutte“ nach „Die Gärtnerin aus Liebe“ und „Die Zauberflöte“ seine Beschäftigung mit Mozart fortsetzt, sieht die Musik ähnlich doppelbödig wie die Geschichte. „Die Oper hat eine Sonderstellung in Mozarts Werk“, sagt der GMD, „auch wegen der „typischen Cosi-Farbe“ aus Klarinette und Bratschen im Orchester. Am schönsten aber klingt sie in den verbotenen Figurenkonstellationen.“ Also dann, wenn die jeweils falschen Partner miteinander turteln. „Diesen doppelten Boden herauszuarbeiten, ist die Herausforderung.“

GMD Benjamin Reiners schätzt an „Cosi fan tutte“ die besondere Klangfarbe

„Mozart lockt mit seiner Musik immer auf eine falsche Fährte“, sagt Luise Kautz, „aber es ist nie so, wie es zunächst klingt. Unter der Schönheit ist etwas ganz anderes verborgen.“ Benjamin Reiners fällt dazu das berühmte Terzett „Soave“ ein, von dem aus das Täuschungsspiel der Männer seinen Anfang nehmen kann: „Da schreibt Mozart auf das Wort „desir“, Verlangen, die krasseste Dissonanz, die er je geschrieben hat: Sieben Töne erklingen da gleichzeitig. Das ist eine enorme Kluft.“ Und Dramaturg Ulrich Frey ergänzt: „Es gibt keinen schöneren Ausdruck für Sehnsucht als hier.“

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Auch die Sechserkonstellation der Figuren reizt das Regieteam. „Eigentlich“, so Reiners, „sind das sechs Hauptfiguren – eine Konstellation, die sich Mozart immer gewünscht hat.“ Und für Luise Kautz besteht die Herausforderung darin, die Figuren unterschwellig miteinander zu vernetzen. Einen Fall für MeToo sieht die Regisseurin in den beiden Frauen, die zum Spielmaterial der Männer werden, dabei nicht. „Hier werden alle mitgerissen von der Täuschung“, sagt sie. Bis zum bitteren, offenen Ende, an dem sich die Untreue als in der Liebe schon angelegt erweist. „Keiner kann dabei schließlich sein Gesicht wahren.“

Premiere am 17. September, 19.30 Uhr, im Opernhaus Kiel. www.theater-kiel.de , Kartentel. 0431/901901

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