Vom Drogendealer zum Musiker

Wilder Ritt: Fatih Akin verfilmt in „Rheingold“ das Leben des Rappers Xatar

Jetzt bloß nicht zucken: Emilio Sakraya als Giwar Hajabi alias Xatar in einer Szene des Films „Rheingold“.

Jetzt bloß nicht zucken: Emilio Sakraya als Giwar Hajabi alias Xatar in einer Szene des Films „Rheingold“.

Einen gewaltigen Bogen spannt dieser Film. Er reicht vom Irak über den Iran, legt einen kurzen Zwischenstopp in Paris ein, bis er dann in die alte Bundeshauptstadt Bonn geht, dem Hauptschauplatz. Und dabei war von späteren Abstechern in die Niederlande und in die syrische Wüste noch gar nicht die Rede.

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Das ist ein ziemlich weiter Weg für ein Leben und ein noch längerer für einen Kinofilm, zumal wenn in wenigen Filmminuten schon knapp zwei Jahrzehnte vergangen sein sollen. Kurze Schlaglichter und geradezu aufdringlich eingeblendete Jahreszahlen müssen für die einzelnen Stationen reichen.

Fatih Akin, Regisseur und Drehbuchautor, nimmt in „Rheingold“ einen langen Anlauf, um seinem Helden, dem Deutschrapper Xatar, nahezukommen. Vielleicht braucht es diesen Hintergrund tatsächlich, um Xatar zu verstehen. Dessen früheste Erinnerungen stammen aus einem iranischen Gefängnis als Kind seiner für Freiheit kämpfenden und gefolterten kurdischen Eltern. Und doch: Der Auftakt von „Rheingold“ wirkt bebildert und nicht erzählt. Lebensstationen werden nur abgespult.

„Der Gefährliche“

Auch in Deutschland wird Xatar später als Dealer, Schläger und vor allem als Goldräuber Jahre hinter Gitter verbringen. In deutscher Haft heißt der junge Mann zunächst noch Giwar Hajabi, was so viel bedeutet wie „Im Leid geboren“. Erst nach der Entlassung beginnt seine eigentliche Zeit als Musiker. Aus Giwar Hajabi wird Xatar. Und das heißt „Der Gefährliche“.

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Es dauert, bis Regisseur Fatih Akin endlich da ist, wo er sich schon immer am wohlsten fühlte: auf der Straße, bei den Multikultigangs – und bei dem manchmal skurrilen Humor, der der rauen Wirklichkeit abgelauscht ist. Das war schon so in seinem Spielfilmdebüt „Kurz und schmerzlos“ (1998). Seitdem genießt Akin wie kaum ein zweiter deutscher Regisseur das, was man „street credibility“ nennt.

Grundlage für „Rheingold“ ist Xatars 2015 erschienene Autobiografie „Alles oder Nix: Bei uns sagt man, die Welt gehört dir“. Darin schildert der Musiker seinen Aufstieg vom Kriminellen zum Musiker und Geschäftsmann – ein wilder Ritt nach dem Geschmack von Akin.

Kämpfer und Draufgänger

Xatar ist ein Kämpfer, ein Draufgänger, einer, der sich nichts gefallen lässt. Als er immer wieder zum Opfer wird, trainiert er sich Boxermuskeln an. Vielleicht ist der spätere Xatar ein bisschen zu naiv für diese Welt. Ein böser Mensch ist er nicht. Bloß lehnt die Welt ihn als Neuankömmling ab. Sie lässt einem Einwanderer wie ihm wenig Chancen – erst recht als der erfolgreiche Dirigentenvater die Familie für eine andere Frau verlässt und kaum mehr Geld für das Nötigste vorhanden ist.

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Der Teenager beginnt mit dem Verkauf von VHS-Kassetten, auf die er Pornofilme überspielt. Seine Mutter Rasal (Mona Pirzad) soll nicht als Putzfrau schuften müssen, um seinen teuren Klavierunterricht zu finanzieren. Diese Episode endet mit dem Rauswurf von der Schule, zeigt aber schon mal das ausgeprägte geschäftliche Talent Xatars.

Hauptdarsteller Emilio Sakraya – ebenso wie seine Kinofigur tätig als Schauspieler und Musiker – verleiht Xatar die nötige physische Präsenz. Der leibhaftige Xatar hat aber noch deutlich mehr Körpervolumen zu bieten.

Der Goldraub als Husarenstück

Bei aller Härte und Brutalität wird auch dieser Akin-Film durchpulst von Romantik – und von viel Musik, darunter selbstverständlich Rap von Xatar, von Schwester Ewa (die Xatar in einem Bordell entdeckte), aber auch von klassischer Musik. Ein paar Takte lang lauschen wir auch der Richard-Wagner-Oper „Rheingold“, die gerade im Bonner Konzerthaus geprobt wird.

Denn da ist ja noch der Goldraub, durch den es der echte Xatar 2009 zu einiger Berühmtheit brachte. Im Film erzählt Akin dieses Husarenstück erstaunlich spät: Xatar und seine Kumpel verkleiden sich als Polizisten und lotsen einen Goldtransporter von der Autobahn herunter.

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250 Kilogramm Zahngold von Toten hat der Wagen geladen, mehr als sich in einem Pkw abtransportieren lässt. Eine verrücktere Episode könnte kein Drehbuchautor ersinnen. Da hätte gewiss auch Quentin Tarantino seinen Spaß gehabt.

Im Knast erleben wir Xatars Verwandlung in einen Musiker und Komponisten. Unter einer Decke mit einem eingeschmuggelten Aufnahmegerät entsteht sein „Album 415″, benannt nach seiner Gefangenennummer. Endlich erlebt Xatar das, was einer seiner Vernehmer im Gefängnis ihm vorausgesagt hat: „Das Leben schreibst du!“ Xatar hörte mit großen Augen und jungenhaftem Ausdruck zu. Er wird seine Lektion lernen.

Und wo ist Xatars Goldschatz nun abgeblieben? Akin unternimmt einen spektakulären Kameraflug über Bonn und hinab in den Rhein, um eine romantische Antwort anzubieten. Wo steckt das Gold wirklich? Im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) hat Akin gesagt: „Ich habe Xatar nie danach gefragt. Ich komme genau wie er ja auch von der Straße. So etwas fragt man da nicht.“

„Rheingold“, Regie: Fatih Akin, mit Emilio Sakraya, Mona Pirzad, Denis Moschitto, 138 Minuten, FSK 16

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