"Kleiner Mann, was nun"

Stimmiges Stück mit vielstimmiger Revue

Foto: Das Theater Augenblicke zeigte "Kleiner Mann, was nun" in Kiel (v.l.n.r.): Silke Böttcher, Benjamin Ostwald, Charlotte Menzer

Das Theater Augenblicke zeigte "Kleiner Mann, was nun" in Kiel (v.l.n.r.): Silke Böttcher, Benjamin Ostwald, Charlotte Menzer

Kiel. In der „Zeit“ schrieb Hellmuth Karasek zur Bochumer Premiere, „Zadek verschleudert den Stoff, so genau er ihn auch ausbreitete, hemmungslos (...) an die Operetten- und Show- und Kintoppträume jener Jahre.“

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Regisseur und Theaterleiter Detlef Götz sowie Musiker Tino Jacobs sind da zurückhaltender. Sie ziehen zwei voneinander getrennte, aber dramaturgisch klar aufeinander bezogene und realitätsnahe Ebenen ein.

Kampf um Würde und Menschlichkeit

Auf der Vorbühne wird das von Götz einfühlsam verfasste Handlungsextrakt des Buches "Kleiner Mann, was nun" als stimmiges Theaterstück aufgeführt. Der Angestellte Johannes Pinneberg (Benjamin Ostwald begeistert als linkischer, etwas naiver aber herzensguter Unglücksrabe)  und seine Frau Emma, genannt Lämmchen, die Charlotte Menzer berührend als starke und kämpferische aber ebenso milde und treu liebende Frauenfigur zeichnet, werden von den Nachwehen der Weltwirtschaftskrise erfasst.

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Im Deutschland der Weimarer Republik, herrscht hohe Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot, allgemeine Armut und politische Orientierungslosigkeit.  Äußerlich unaufgeregt-minimalistisch, dafür in der Figurenzeichnung umso eindrücklicher erzählt Götz vom sozialen Abstieg des jungen Paares, von seinen Sehnsüchten, seinem Kampf um Würde und Menschlichkeit.

Gleichzeitig  probt  im Hintergrund eine Theatergruppe eine Fallada Revue. Der bunte Haufen will die Themen des Romans in die Gegenwart transportieren, an den heutigen Missständen spiegeln und so musizierend ihre Allgemeingültigkeit deklarieren. Es wird angeregt über die richtige inhaltliche und musikalische Interpretation diskutiert, es werden verschiedene Stile ausprobiert und zwischendurch immer wieder von Tino Jacobs wirklich toll geschriebene, nicht selten sehr witzige Songs von Musical über Gospel und Couplet bis Liedermacher-Pop und Ballade zum Besten gegeben.

"Kleiner Mann, was nun": Das Gesamtgebilde hält

Der Regisseur und der Komponist sind sich des Wagnisses dieser Mischform unter Einsatz von achtzehn (durchweg hervorragenden) Darstellern in Mehrfachrollen durchaus bewusst. Das Programmheft füllt ein einziger langer Beitrag, der das Risiko dieses Wechselspiels von parallel verlaufenden sich kommentierenden und illustrierenden Formen beschreibt. „Dass das entstehende Gesamtgebilde fragil sein würde, war von vornherein klar“, heißt es darin. Nun, man darf getrost Entwarnung geben.

Der knapp dreistündigen Abend zeigt eine sinnstiftende, unterhaltsame und bewegende Gesamt-Komposition.  Und wenn am Ende die beiden Ebenen sogar ineinanderfließen und das Revue-Ensemble gewissermaßen den Probenraum verlässt, um auf der Szene den eben von einem Polizisten zu Boden geknüppelten Pinneberg zu besingen, dann hat das Tiefe und inhaltliche Relevanz. Also, keine Sorge, dieses Gesamtgebilde hält.

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