Osterfestspiele Salzburg

„Will ohne Meister selig sein!“

Foto: Klaus Florian Vogt (Mitte) in einer Probe zu "Die Meistersinger von Nürnberg". Mit der Wagner-Oper wurden die Salzburger Osterfestspiele 2019 eröffnet.

Klaus Florian Vogt (Mitte) in einer Probe zu "Die Meistersinger von Nürnberg". Mit der Wagner-Oper wurden die Salzburger Osterfestspiele 2019 eröffnet.

Salzburg. Herzog inszeniert Richard Wagners Oper als eine sehr menschliche, manchmal auch weise Komödie mit tragischem Hintergrund, als ein Stück, das dem Zuschauer so viel Freude bereitet, dass die fünf Stunden Musik wie im Fluge vergehen. Hat man je den sehr langen dritten Akt derart kurzweilig erleben können wie hier?

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Meistersinger mitten im Opernhaus-Betrieb

Jens-Daniel Herzog lässt die Handlung im Foyer oder Zuschauerraum eines Opernhauses spielen, während hinter dem Vorhang der normale Betrieb weiter geht. So ist Stolzings erster Auftritt in einer Szenerie, die an „Tosca“ denken lässt, ein andermal taucht der Bär aus „Siegfried“ auf, ein komplett eingerichteter Frisiersalon erinnert an Rossinis „Barbier“ und drei übermäßig dicke und nackte Frauen scheinen direkt aus einer üppig inszenierten Barockoper zu kommen: Fröhliches Opernraten ist also angesagt!

Hans Sachs als Regisseur

Gleich zu Beginn der Oper, bevor er etwas zu singen hat, betätigt sich Hans Sachs als eine Art Regisseur, der sich um allerlei Dinge kümmern muss. Rechts und links auf der Bühne sind opulent verzierte Zuschauerlogen zu sehen, die in die Handlung dann und wann einbezogen werden. Sie sind der Semperoper in Dresden nachgebaut, der Rest des Bühnenraumes aber entspricht dem der Nürnberger Oper.

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Drehbühne sorgt für Szenenwechsel

Eine häufig benutzte Drehbühne sorgt für schnellen Kulissenwechsel, mal scheint es zu passen, mal nicht: Die Stube des Hans Sachs entpuppt sich als Arbeitszimmer des Intendanten der Oper Nürnberg, mit zahlreichen Akten und Büchern, mitsamt Computer, Spielplan und Dürer-Druck. Später aber ist die richtige Schusterstube dann doch zu sehen. Dass der Friseursalon direkt darüber liegt, ermöglicht pikante Doppelhandlungen: Unten macht sich Sachs allerlei Gedanken über sein Verhältnis zu Eva, während oben Eva und Stolzing frisiert werden und der ehrenwerte Pogner, Evas Vater, eine Liebschaft mit der Friseuse anfängt – was für ein eindringlicher Kontrast!

Wanderbursche Stolzing: Klaus Florian Vogt

Von den insgesamt heutigen Kostümen hebt sich das des Stolzing, der im Libretto ein vornehmer Ritter aus Franken ist, ab: Er tritt als Wanderbursche in Zimmermann-Outfit auf und benimmt sich entsprechend grob. Seinen Merker und Konkurrenten um die Hand Evchens zerrt er so kräftig an den Ohren, dass dieser sich schmerzerfüllt krümmt, die Porträts der Meister missachtet er, indem er sie wutentbrannt zertrümmert, bei Sachs legt er die Füße auf den Tisch und in der Schlussszene, wenn alle fein ausstaffiert sind, erscheint er betont lässig mit offener Fliege. Das passt alles gut zu jemandem, der schließlich die überlieferten Normen einer im Laufe der Zeit zu konservativ gewordenen Gesellschaft über den Haufen wirft.

Idealer, humorvoller Stolzing

Durch seine schlanke Figur, sein lässiges Auftreten und seine überragend schöne Tenorstimme ist Klaus Florian Vogt der ideale Stolzing. Die Regie aber zeigt ihn auch von der humorvollen Seite, wenn er zusammen mit Eva die Flucht ergreift und im Fundus der Oper landet. Was er da an lustigen und albernen Eskapaden anstellt, ist köstlich anzusehen.

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Lyrische Glanzleistungen

Gleichermaßen gut besetzt ist Eva mit der Sopranistin Jacquelyn Wagner, die die Pogner-Tochter ebenso willensstark wie liebenswert porträtiert. Sie stimmt das Quintett „Selig, wie die Sonne“  derart klangschön und so innerlich an, dass, wenn die anderen erst einmal eingestimmt haben, daraus ein wundervoll harmonisches Gespinst von fünf vorzüglich klingenden Stimmen wird. Der helle Tenor des Sebastian Kohlhepp in der Rolle des Lehrbuben David und der runde, samtene Mezzosopran der Christa Mayer als Magdalene tragen auch dazu bei, dass dies ein lyrischer Höhepunkt eines an Glanzleistungen reichen Opernabends wird.

Starke Männerstimmen

Vitalij Kowaljow, der in Thielemanns „Ring“ den Wotan gesungen hat, verleiht hier dem Veit Pogner eine gewichtige Statur mit seinem prächtigen Bassbariton – was für eine Luxusbesetzung für eine nicht gerade sehr große Partie!  Beckmesser hat sich zwar bis auf die Knochen blamiert, hat als Sänger und Dichter ebenso versagt wie als Liebhaber und wird in seiner Frustration sogar für kurze Zeit gehässig. In dieser Inszenierung aber bleibt er dennoch Teil der Gesellschaft. Adrian Eröd spielt und singt diese Partie derart detailgenau, dass jede Bewegung und jeder Ton mit der Musik übereinstimmt: ein höchst amüsantes und komplexes Porträt!

Grandios: Georg Zeppenfeld als Hans Sachs

Georg Zeppenfeld hat lange gezögert, bevor er sich an den Hans Sachs herangewagt hat, ist dies doch eine der schwierigsten Rollen im gesamten Opernrepertoire. Aber das Warten hat sich gelohnt, denn seine gleichermaßen ausgefeilte wie spontan wirkende Darstellung dieses weisen Schusters und Poeten, der mit beiden Füßen im Leben steht, kann man nur grandios nennen. Seinem kräftigen, stets gut fokussierten Bass kann er eine weitgefächerte Palette an Ausdrucksnuancen abverlangen. Erst nach schmerzhaftem inneren Kampf verzichtet er auf Eva, weil er sich eingestehen muss, dass er für ein junges Mädchen wie sie zu alt ist. Das ist, so wie er das spielt und singt, ungemein ergreifend!

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Sarkasmus und Verzicht

Und wenn er dann auch noch erleben muss, dass sein Appell an Stolzing, die deutschen Meister zu ehren, von diesem nicht akzeptiert wird, dann bleibt ihm nur ein sarkastisches Hohnlachen. Evas Liebe ist Stolzing halt wichtiger als die Aufnahme in die Gilde der Meister. Er will „ohne Meister selig sein“, und dabei bleibt's. Damit wird das gesamte Pathos von Sachsens Schlussmonolog relativiert und als unzeitgemäß abgetan.

Staatskapelle Dresden unter Thielemann in Bestform

Dass die Staatskapelle Dresden die „Meistersinger“ sozusagen im Blut hat, weiß man seit langem, dass sie aber so außerordentlich sensibel und feinnervig diese großartige Partitur bewältigen kann, das ist dann doch ein kleines, nein: ein großes Wunder! Christian Thielemann ist der Zauberer, der bereits im Vorspiel zum ersten Akt mit einer Differenziertheit des Klanges und einer phänomenalen Transparenz aufhorchen lässt und seinem Orchester während der Oper Töne entlockt, die an purem Schönklang und dramatischer Wahrhaftigkeit ihresgleichen suchen. Das Premierenpublikum bedankte sich mit enthusiastischem Applaus bei allen.

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