Aktion „Licht zeigen“

Antisemitismus in Kiel: Kirchenkreis erstattet Anzeige wegen Vandalismus

Die Fensterscheiben der Verwaltung des Kirchenkreises Altholstein werden regelmäßig bespuckt und sind bereits zerkratzt worden. Der Kirchenkreis erstattete Anzeige.

Die Fensterscheiben der Verwaltung des Kirchenkreises Altholstein werden regelmäßig bespuckt und sind bereits zerkratzt worden. Der Kirchenkreis erstattete Anzeige.

Kiel. Es sind Vorfälle, die Pröpstin Almut Witt als „erschreckend“, „erbärmlich“ und „ein Trauerspiel“ bezeichnet: Der Kirchenkreis Altholstein, genauer gesagt das Kieler Verwaltungsgebäude im Sophienblatt 60, ist seit Januar dieses Jahres mehrfach Ziel von antisemitischen Taten geworden. Vier aufgehängte Plakate mit jüdischem Symbol werden regelmäßig bespuckt, die Scheiben, hinter der sie hängen, sind allesamt zerkratzt worden. Vor wenigen Wochen erstatteten die Betroffenen Anzeige gegen Unbekannt.

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Dabei will der Kirchenkreis nur Solidarität zeigen: Anfang des Jahres beteiligt sich dieser an der Aktion „Licht zeigen“ von Kieler Nachrichten und Freundeskreis Yad Vashem, lässt auf eigene Kosten ein großes Plakat mit dem Chanukka-Leuchter drucken und hängt es in die gläserne Eingangstür seiner Verwaltung. Nachdem dieses mehrfach abgerissen und beschädigt wird, weicht der Kirchenkreis auf die zur Straße gelegenen Schaufenster aus. Seit etwa einem halben Jahr kleben dort vier quadratische Plakate, gut einen Meter groß. Doch die Vorfälle werden seitdem nicht weniger – im Gegenteil.

Antisemitische Vorfälle beim Kirchenkreis Altholstein

„Sobald die Reinigung der Scheiben erledigt ist, wird der Davidstern wieder bespuckt“, berichtet Christoph Donner, Verwaltungsleiter beim Kirchenkreis Altholstein. Mittlerweile werden die Fenster jeden Monat und nicht mehr nur halbjährlich geputzt. Die unbekannten Vandalen hält das nicht von erneuten Attacken ab, zerkratzen sogar die Scheiben. Der materielle Schaden ist das eine, aber das Entscheidende, wie Pröpstin Witt sagt: „Ich verstehe nicht, dass Menschen so wenig Selbstbewusstsein haben, sich über ein solches Plakat aufzuregen.“

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Christoph Donner, Leiter der Kirchenkreisverwaltung, und Pröpstin Almut Witt sind wütend über die zerkratzten Fensterscheiben.

Christoph Donner, Leiter der Kirchenkreisverwaltung, und Pröpstin Almut Witt sind wütend über die zerkratzten Fensterscheiben.

Die Plakat-Aktion des Kirchenkreises hat unabhängig von der engen Beziehung zur jüdischen Gemeinde in Kiel einen guten Grund: An der Adresse Sophienblatt 60 wohnte einst die Familie Posner. Vater Arthur war der letzte Kieler Rabbiner vor dem Holocaust, seine Frau Rosi diejenige, die das weltberühmte Foto vom Chanukka-Leuchter und den Nazi-Flaggen im Hintergrund schoss, das zudem der Aktion "Licht zeigen" zugrunde liegt. Im Krieg wurde das Wohnhaus zerstört, heute gehört das Gebäude dem Kirchenkreis Altholstein. "Wir haben eine Verantwortung dafür, an die Geschichte, die an diesem Ort geschah, zu erinnern", sagt Witt.

Deutlich mehr Vorfälle in Schleswig-Holstein gemeldet

Für Joshua Vogel ist der Fall beim Kirchenkreis Altholstein ein „hervorragendes Beispiel dafür, wie beim Vorbeigehen und ohne große Hemmschwelle Antisemitismus stattfindet“. Der Leiter der landesweiten Informations- und Dokumentationsstelle für Antisemitismus (Lida) in Schleswig-Holstein kann anhand von Daten aufzeigen, dass dies längst kein Einzelfall ist: Im vergangenen Jahr wurden in Schleswig-Holstein 70 Vorfälle dokumentiert, 30 davon in Kiel.

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Der Großteil lässt sich unterhalb der Schwelle zum Angriff verorten, meist handelt es sich um verletzendes Verhalten (53 Fälle), also antisemitische Äußerungen, nur selten um Massenzuschriften (8), Bedrohungen (5) oder tatsächlich tätliche Angriffe (3) und Sachbeschädigung (1).

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Antisemitismus sichtbar machen: Joshua Vogel von der landesweiten Informations- und Dokumentationsstelle Antisemitismus in Schleswig-Holstein hat für das Jahr 2021 insgesamt 70 Vorfälle registriert.

Antisemitismus sichtbar machen: Joshua Vogel von der landesweiten Informations- und Dokumentationsstelle Antisemitismus in Schleswig-Holstein hat für das Jahr 2021 insgesamt 70 Vorfälle registriert.

„Diese Vorfälle passieren nicht im luftleeren Raum, sondern sind vielmehr Ausdruck eines gesamtgesellschaftlichen Klimas“, erläutert Vogel. Diese Personen machten ihm zufolge die Erfahrung, dass sie keine Konsequenzen erleiden oder sogar Zuspruch erhalten, obwohl die meisten Vorfälle nach wie vor im öffentlichen Raum geschehen: „Die Leute fühlen sich im Recht.“

Die Gesamtzahl der Vorfälle ist im Vergleich zu den Vorjahren (2020: 47 Fälle, 2019: 51) deutlich angestiegen. Besonders israelbezogener Antisemitismus war im vergangenen Jahr auf dem Vormarsch, es gab dreimal mehr Vorfälle als noch 2020 – 23 statt acht. „Gerade im Juli 2021, als der Nahost-Konflikt neu entfacht wurde und in Kiel einige Kundgebungen stattfanden, trat dies vermehrt auf. Es scheint sozial adäquat“, sagt Vogel.

Stele oder Gedenktafel für Familie Posner am Sophienblatt 60?

Der Kirchenkreis Altholstein will standhaft bleiben. „Es gibt für uns keinen Grund nachzugeben. Die Plakate bleiben hängen“, macht Pröpstin Almut Witt deutlich. „Die Thematik ist nicht Geschichte. Aufklärung und Erinnern ist offensichtlich nach wie vor wichtig.“ Deshalb steht der Kirchenkreis im Austausch mit der Stadt Kiel: Gemeinsam möchten sie vor dem Gebäude an die Familie Posner erinnern – ob mit einer Stele oder Gedenktafel ist noch unklar. Nur eins sei, so ahnt es Almut Witt, unvermeidlich: „Dass auch dieser Erinnerungsort beschädigt wird.“

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