Persönlicher Bericht übers Armsein

Armutsbetroffene aus Kiel: „Am 20. eines Monats ist das Konto leer“

Renate Antonie Krause (69) aus Kiel ist von Armut betroffen. Hier berichtet sie darüber, was das eigentlich bedeutet.

Renate Antonie Krause (69) aus Kiel ist von Armut betroffen. Hier berichtet sie darüber, was das eigentlich bedeutet.

Kiel. Mit der Aktion #IchBinArmutsbetroffen setzen sich bundesweit Menschen für höhere Grundsicherungssätze in Deutschland ein. Auch Renate Antonie Krause ist Teil der Bewegung. Sie wohnt in Kiel und ist im Vorstand des Vereins Groschendreher, ein Kieler Bündnis gegen Altersarmut. Krause ist selbst armutsbetroffen und Grundsicherungsempfängerin. In diesem persönlichen Text erzählt sie, was das für sie eigentlich bedeutet.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Renate Antonie Krause schildert ihre Erfahrungen:

449 Euro plus Miete und Heizkosten. So wenig Geld steht mir im Monat zur Verfügung. Ich bin Renate Antonie Krause, 69 Jahre alt, wohne in Kiel. Meine Rente ist so gering, dass sie vom Staat aufgestockt wird. Grundsicherung nennt sich das. Was das bedeutet, ist vielen Menschen nicht bewusst. Ich bin armutsbetroffen.

Von den 449 Euro sind 155 Euro für Nahrungsmittel vorgesehen. Das heißt: Fünf Euro für Essen und Trinken den ganzen Tag. Fünf Euro bedeutet die Verwaltung ständigen Mangels. Nicht erst seit dem Kriegsausbruch in der Ukraine hat die ständig steigende Inflation, aber seitdem noch viel intensiver und galoppierender, die Anpassung der Grundsicherungssätze überholt.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Ich kann mir keine gesunde Ernährung leisten, ich kann mir zu besonderen Anlässen keine Flasche Wein kaufen, mir nicht einmal „etwas Gutes“ gönnen. Ich kann es mir nicht leisten, irgendjemanden zum Essen einzuladen. Auch die Kinder und Enkelkinder nicht! Auch nicht zu Hause!

Armutsbetroffene aus Kiel: Die Rente reicht nach langjähriger Selbstständigkeit nicht

Über Altersvorsorge habe ich mir früher nicht viele Gedanken gemacht. Es war zu weit weg, die Zeit fehlte. Ich bin gelernte Buchhändlerin, bin 1974 nach Kiel gekommen, habe einige Jahre lohnabhängig gearbeitet. Dann habe ich mich selbstständig gemacht, das war mit dem Muttersein besser vereinbar. Ich habe ein Geschäft für Naturwaren in Blumenthal bei Kiel eröffnet, mit der Zeit wurde es immer schwerer mit den Umsätzen.

1998 begann ich, mit einem eigenen Marktstand auf historische Märkte in ganz Deutschland zu fahren und verkaufte dort Textilien, die nach historischem Vorbild geschneidert waren. Der Job ist ein sehr anstrengender, mit einer 80-Stunden-Woche. Aber das Geld reichte, um das Leben zu finanzieren. 2015 bin ich sehr krank geworden. Seit vier Jahren bin ich zurück in Kiel, musste Grundsicherung beantragen und lebe jetzt von 449 Euro im Monat.

Meinen Leidensgenossinnen und -genossen gegenüber bin ich trotzdem in einer relativ privilegierten Situation. Ich habe einen Schrebergarten, in dem ich Gemüse anbaue. Und ich habe gelernt, wie man Lebensmittel haltbar macht. Das ist auch der Grund, weshalb ich nicht zur Tafel gehe. Weil es Menschen gibt, die es noch viel nötiger haben und die diese Techniken nie erlernt haben. Wenn – wie so oft – am 20. eines Monats das Konto leer ist, lebe ich von Marmeladenbrot und Eingemachtem, wobei ich das Brot auch noch selbst backe.

Armutsbetroffene aus Kiel: „Armut zerstört Freundschaften“

Oft leihe ich mir bei mir selbst ein bisschen Geld. Im Regelsatz sind bestimmte Gelder für konkrete Verwendungen vorgesehen. Konstanten bilden mit 122,16 Euro die Ausgaben für Post- und Telekommunikation, Verkehr und Wohnraumkosten. Dort kann ich mir kein „Geld leihen“, um mir Besonderheiten zu finanzieren, erst recht nicht vor dem Hintergrund, dass auch diese Sätze den tatsächlichen Begebenheiten lange nicht mehr entsprechen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Kundgebung am Sonnabend in Kiel

Laut werden für ein Anheben der Regelsätze auf ein lebenswürdiges Niveau: Das ist eines der Ziele der Bewegung #IchBinArmutsbetroffen. Menschen wie Renate Antonie Krause wollen auf ihre Situation aufmerksam machen und ein klares Signal an Gesellschaft und Politik senden. In Kiel findet die nächste öffentliche Kundgebung der Bewegung am Sonnabend, 6. August, um 14 Uhr auf dem Asmus-Bremer-Platz statt. Auch in vielen anderen Städten gibt es Aktionen.

In Deutschland erhalten rund sieben Millionen Menschen die sogenannte Mindestsicherung. Dahinter verbirgt sich in den meisten Fällen Hartz IV. Etwa eine Million Menschen leben von der Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung. Der Regelsatz liegt in beiden Fällen für Alleinstehende bei 449 Euro im Monat. Heizkosten und Unterkunft werden bezahlt.

Also knabbere ich die anderen Verwendungszwecke an. Mit dem Ergebnis, dass verschlissene Kleidung nicht ersetzt werden kann, ein Friseurbesuch nicht möglich ist. Von der Teilnahme am öffentlichen Leben ist gar nicht zu sprechen. Fünf Euro am Tag macht einsam! Es vermittelt das Gefühl von „nichts mehr wert sein“. Das Selbstwertgefühl, die Akzeptanz seiner selbst, sinkt dramatisch, es macht krank.

Armut zerstört Freundschaften. In Gemeinschaften, in denen ich öfter einmal einen ausgegeben bekomme, kann ich mich nicht revanchieren. Es fehlt das Geld, für fünf bis zehn Menschen einen Schnaps zu spendieren, selbst wenn der nur einen Euro kostet!

Armut sorgt oft für sehr unangenehme Situationen

Bei einem gemütlichen Beisammensein schwenkte das Gesprächsthema darauf, wo man auswärts so essen gehe. Jeder erzählt, dann gucken mich alle an und fragen: „Und Renate, wo gehst du denn so hin?“ Ich erzähle von einem Restaurant, in das ich vor Kurzem eingeladen wurde. Und: „Ansonsten kann ich nichts weiter berichten. Ich kann es mir nicht leisten, Essen zu gehen, ich bin nämlich arm.“

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Es ist mucksmäuschenstill in der ganzen Runde. Nach einer sehr peinlichen Schweigeminute steht der eine oder andere auf und stellt fest, dass er nun unbedingt für eine Zigarette vor die Tür muss oder mal die Örtlichkeit aufsuchen muss. Zack! Die Runde ist gesprengt. Das muss man aushalten können.

Für mich bedeutet Einsamkeit, immer knapp am Totalzusammenbruch vorbeizuschrammen. Mit Einsamkeit kommt ein Suchtdruck, manchmal würde ich gerne eine rauchen, eigentlich will ich es nicht, aber es beruhigt. Geht aber sowieso nicht. Denn in den 155 Euro für Nahrungsmittel sind auch Tabakwaren enthalten. Bei diesem Betrag muss ich mich entscheiden: Will ich essen oder will ich rauchen? Ich habe mich für Essen entschieden.

Armut in Kiel: Forderung nach höherem Grundsicherungssatz

Wie gerne würde ich mich mit den sogenannten schönen Dingen befassen: ins Konzert gehen, Theater besuchen, beim Bootshafensommer gemütlich ein Glas Wein trinken oder mal in den Urlaub zu fahren. Ich würde so gern einmal die Weser entlangradeln, an der Donau bis Wien radeln, das Nordlicht sehen. Alles Träume, die ich in diesem Leben nicht mehr erfüllt bekomme. Außer es geschieht ein Wunder. Aber Warten auf Wunder ist Illusion. Und die macht nicht satt!

Trotzdem möchte ich kämpfen. Wir haben in der Regel unser Bestes gegeben, um diese Gesellschaft zu fördern, weiter zu bringen, die meisten sicherlich nicht mit Bewusstsein. Wir haben Lebenserfahrungen, Fertigkeiten entwickelt und Wissen angehäuft, das wir weitergeben. Keiner hat es verdient, so behandelt zu werden.

Lesen Sie auch

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Ganz dringend muss der Satz von 449 Euro aufgehoben werden. Der Paritätische Gesamtverband fordert 678 Euro. Das ist der Betrag, welcher nach einem aktuellen Warenkorb berechnet wurde. Der derzeitige Satz fußt auf einem Warenkorb von 2017. Das funktioniert nicht!

Es gibt zu viel Scham, zu wenig Selbstbewusstsein, zu wenig Kenntnis bei Betroffenen und in der Gesellschaft über das Phänomen „arm sein“. Ich engagiere mich, um das zu ändern.

Protokoll: Jonas Bickel

Von Renate Antonie Krause

Mehr aus Kiel

 
 
 
 
 
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Spiele entdecken