Polizeitrick-Prozess

Betrüger fühlen sich selbst betrogen

Foto: Sie legten zum Prozessauftakt umfassende Geständnisse ab: die beiden Angeklagten mit Strafverteidigerin Emily Henriette Imbusch gestern im Kieler Landgericht.

Sie legten zum Prozessauftakt umfassende Geständnisse ab: die beiden Angeklagten mit Strafverteidigerin Emily Henriette Imbusch gestern im Kieler Landgericht.

Kiel. Zum Prozessauftakt gestanden die 23 und 27 Jahre alten Angeklagten, von gutgläubigen Geschädigten im Villenviertel Düsternbrook Gold, Schmuck und Bargeld im Wert von mindestens 200 000 Euro abgeholt zu haben. Allerdings wollen die Angeklagten nicht annähernd geahnt haben, was für Werte ihnen die wohlhabenden Senioren im März 2018 aushändigten. Nach eigenen Angaben wurden sie in Hannover von einem türkischstämmigen Landsmann (26) angeheuert und kurzfristig als falsche Polizeibeamte oder Fahrer eingesetzt. Dieser Verbindungsmann, der die Beute später in die Türkei transferiert haben soll, wurde Ende Februar vom Kieler Landgericht zu vier Jahren und vier Monaten Freiheitsstrafe verurteilt.

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Drahtzieher saßen in der Türkei

Ihn kannten die beiden Angeklagten aus der Hannoveraner Gastronomie-Szene. Wie die Polizei ermittelte, war auch er als „Logistiker“ nur ein Rädchen im Getriebe der auf drei Ebenen organisierten Betrugsmasche. Die Drahtzieher saßen in der Türkei und wollten Senioren in ganz Deutschland um ihre Ersparnisse bringen. Aus Callcentern riefen sogenannte „Keiler“ Hunderte potenzielle Opfer an, die sie in Telefonverzeichnissen an typischen Vornamen der älteren Generation erkennen. In zwei Fällen gelang es den Anrufern, Kieler Senioren durch frei erfundene Schreckensbotschaften massiv zu verunsichern und zur Übergabe hoher Werte zu drängen. Den Geschädigten stellten sich die Anrufer in akzentfreiem Deutsch als Kriminalkommissare oder Staatsanwälte vor und teilten ihnen mit, ihr Hab und Gut sei in akuter Gefahr. Mithilfe einer Software manipulierten sie das Telefondisplay der Senioren, die dort vermeintliche Nummern lokaler Polizeibehörden zu erkennen glaubten.

Das Paar leerte sein Schließfach bei der Förde Sparkasse

Einer Kieler Millionärswitwe erklärten die Anrufer, sie sei von einer bulgarische Einbrecherbande als Opfer eines Überfalls vorgesehen: Man habe ihren Namen auf einer sichergestellten Liste potenzieller Zielpersonen entdeckt. Im zweiten Fall glaubte ein älteres Kieler Paar aus dem Niemannsweg an das Szenario, ihr Bankschließfach stehe unmittelbar vor der Räumung durch Kriminelle. Die falschen Freunde und Helfer rieten den bis zu 84 Jahre alten Senioren, umgehend ihre Wertsachen abzuholen und zur sicheren Verwahrung ins LKA am Mühlenweg zu bringen. Das Paar leerte wie gewünscht sein Bankschließfach bei der Förde Sparkasse, verließ die Hauptstelle am Lorentzendamm mit drei Goldbarren und vier Krügerrand-Münzen im Gesamtwert von 100 000 Euro. Unterwegs teilte man dem Paar plötzlich mit, es werde im Pkw verfolgt. Eine Zivilstreife werde ihren kostbaren Besitz übernehmen, versprachen die angeblichen Retter. Bei strömendem Regen, so berichtete gestern der 27-jährige Angeklagte, habe er zwei Komplizen zur Übernahme des 2,5 Kilo schweren Goldes in einer schwarzen Laptoptasche chauffiert.

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"Wollt Ihr mich verarschen?"

„Ich habe die Goldbarren gesehen“, sagt der Angeklagte. Daraufhin habe er einen Streit mit den Auftraggebern angezettelt, die ständig Handy-Kontakt mit den Abholern gehalten hätten. „Wollt ihr mich verarschen!?“, habe er ins Telefon gerufen, als man ihn für die einträgliche Tour erneut mit ein paar Hundert Euro abspeisen wollte. Ganze 300 Euro will der 27-jährige Fahrer für seinen ersten Einsatz bekommen haben. Nach der zweiten Tour wenige Tage später habe man das erlangte Gold von einem Juwelier in Hannover schätzen lassen – auf mindestens 80 000 Euro. Danach habe er 2000 Euro als Belohnung herausgehandelt, sagt der Angeklagte. Später erfuhren die beiden Angeklagten, dass sie damals selbst von ihrem inzwischen verurteilten Verbindungsmann betrogen wurden: Ihnen gegenüber hatte er behauptet, man müsse sich 1000 Euro Belohnung zu dritt teilen. Tatsächlich habe er von den Drahtziehern 2000 Euro erhalten und die Hälfte in die eigene Tasche gesteckt. Für den Prozess hat die 10. Große Strafkammer drei weitere Verhandlungstage eingeplant. Das Urteil könnte Ende Juni gesprochen werden.

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