Giftköder-Anschläge in Kiel

Ein Nagelstück im Leckerli brachte Hündin Lilly den Tod

Malteser-Hündin Lilly war eine kuschelige kleine Hundedame mit schwarzen Knopfaugen und der Liebling der Kieler Familie.

Malteser-Hündin Lilly war eine kuschelige kleine Hundedame mit schwarzen Knopfaugen und der Liebling der Kieler Familie.

Kiel. Aufgeschreckt, panisch, verunsichert, wütend: So reagieren Hunde- und Katzenbesitzer auf Meldungen in einschlägigen Chat-Gruppen, wenn es um aufgefundene Köder geht, die ihren Tieren den Tod bringen sollen – wie dieser Tage im beschaulichen Kieler Stadtteil Hasseldieksdamm.

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Was passiert, wenn ein Tier einen solchen Köder frisst, hat kurz vor Weihnachten Familie Fürstenberg aus dem benachbarten Russee erleben müssen: Ihre Malteser-Hündin Lilly verendete qualvoll an einem präpariertem Leckerli, das sie höchstwahrscheinlich beim Gassigehen am Wegesrand fand und auffraß.

Hündin Lilly war der Liebling der Kieler Familie

Es ist Sonnabend, der 18. Dezember 2021, der Tag vor dem vierten Advent. Margarete Fürstenberg geht, wie so oft, mit Lilly auf dem Bürgersteig entlang der Köpenicker Straße spazieren. Das ist gleich bei ihr um die Ecke, es soll nur eine kurze Runde werden, zu Hause warten Mann und Kinder.

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Lilly, eine muntere kleine Hundedame mit schwarzen Knopfaugen, ist der Liebling der Familie, seit sie vor dreieinhalb Jahren als Welpe ins Haus kam. Sie ist friedlich, freundlich, verspielt, schmust mit den Kindern (6, 10 und 13) und dem Kater, und kommt zu jedem Ausflug, in jeden Urlaub mit. Manchmal darf sie im Oldtimer von Benjamin Fürstenberg auf dem Beifahrersitz sitzen. Zu Hause liegt sie tagsüber am liebsten auf dem Sofa, und nachts schläft sie neben dem Bett von Margarete Fürstenberg.

Als Margarete Fürstenberg ein Stück von einem Nagel entdeckt, ahnt sie Schlimmes

Als Lilly sich bald nach dem Spaziergang zweimal übergibt, denkt sich die 42-Jährige noch nichts, weil das manchmal vorkommt. Ihr ist auch nicht aufgefallen, dass das Hündchen beim Spaziergang etwas gefressen hat. Als sie jedoch am nächsten Morgen an mehreren Stellen im Haus Speichel und Magenflüssigkeit mit Blut vermischt entdeckt, ist sie alarmiert – erst recht, als sie in einer der Lachen ein Stück von einem Nagel findet.

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Margarete Fürstenberg schnappt sich noch jenem Sonntag das inzwischen sichtlich entkräftete Hündchen und fährt zur Bereitschafts-Tierärztin Johanne Scholtissek nach Molfsee. „Ihr Hund“, bestätigt die Tierärztin den Verdacht, „wurde vergiftet.“ Das Röntgenbild zeigt eine stark angeschwollene Leber und einen entzündeten Magen, die Körpertemperatur ist abgesunken. Lilly bekommt Infusionen und Medikamente. Zurück zu Hause schläft sie mit einer Wärmflasche auf ihrem Sofaplatz. Es scheint ihr besser zu gehen.

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Das Röntgenbild zeigt eine stark vergrößerte Leber und Entzündungen.

Das Röntgenbild zeigt eine stark vergrößerte Leber und Entzündungen.

Gegen 23 Uhr aber verkriecht sich Lilly unter einen Sessel. Wieder fährt Margarete Fürstenberg mit ihr los – diesmal in die Kleintierklinik nach Wasbek. Die Lage sei dramatisch, er würde ihren Hund drei bis vier Tage in der Klinik behalten wollen, sagt ihr der Tierarzt nach einer Ultraschalluntersuchung. Wieder bekommt Lilly Infusionen und Medikamente. Doch nichts schlägt mehr an. Sie stirbt am Montagmorgen um vier Uhr. „Zwei Tage“, sagt Margarete Fürstenberg, „haben die Kinder geweint.“ An Schule sei nicht mehr zu denken gewesen. „Und Weihnachten, na ja, Sie können sich ja vorstellen, was hier los war.“

Giftköder: Schutz und Verhalten im Notfall

Mit Gift präparierte Wurst- oder Fleischstückchen, zusätzlich gespickt mit scharfen und spitzen Gegenständen auslegen – in Internetforen finden Hundehalter deutliche Worte für die Täter. Doch wie können sie vermeiden, dass ihre Tiere die Köder aufnehmen? Und was ist zu tun, wenn sich ein Tier dennoch vergiftet hat?

Die Kieler Tierärztin Dorothea Schlüter vom Kleintierzentrum Kiel rät zuallererst zur Prävention durch genaues Beobachten der Hunde beim Spaziergang und das Meiden verdächtiger Stellen. Schützen können Giftköder-Schutznetze, die wie Maulkörbe zu tragen sind. Eine konsequente Erziehung dahin, dass die Hunde unterwegs nichts aufnehmen, reiche leider bei den meisten nicht aus. „Bei Fleisch und Wurst werden fast alle schwach.“

Beim begründeten Verdacht einer Vergiftung blieben eine, maximal anderthalb Stunden Zeit, den Magen des Tieres vollständig zu entleeren – bevor der Körper das Gift aufgenommen hat. „Dies geschieht durch die Gabe eines Medikamentes, das für Erbrechen sorgt“, erklärt Dorothea Schlüter. Von Hausmitteln rät die Tierärztin ab: Salz führt nicht unbedingt zum Erbrechen, Aktivkohle bindet handelsübliche Gifte nicht oder schlecht. Deshalb unbedingt und sofort eine Tierarztpraxis aufsuchen! Die Tierärztekammer (www.tieraerztekammer-schleswig-holstein.de) hat Anfang Januar eine neue Notrufnummer (0481-85823998) eingerichtet, über die man nach Eingabe der Postleitzahl mit der räumlich nächsten Kleintiernotdienstpraxis verbunden wird. Außerdem ist die für Kiel nächste Tierklinik in Wasbek 24 Stunden besetzt (04321-66006). Je nach Gift und Schädigung des Verdauungstraktes durch Fremdkörper muss das Tier nach der Erstversorgung weiter behandelt bzw. operiert werden.

Lilly wurde in einem Tierkrematorium eingeäschert. Die Behelfs-Urne aus Pappe steht auf einem Schrank im Wohnzimmer der Familie Fürstenberg, daneben ein Gläschen mit einer Locke, ein gerahmtes Bild von Lilly, Keramikengel und die Figur einer Frau mit einem Hund auf dem Arm. Bald kommt Lillys Asche in eine neue, richtig schöne Urne, die am selben Platz stehen wird. Margarete Fürstenberg hat sie schon bestellt – und sie hat die Polizei eingeschaltet.

Einen Monat nach der Tat: Familie Fürstenberg trauert noch immer um ihre Hündin Lilly, im Bild von links Frederik (10), Margarete (42) und Leo (6) Fürstenberg mit der Behelfs-Urne, dem Gläschen mit einer Locke von Lilly, einem Erinnerungsbild, einer Keramikfigur und der Einäscherungsurkunde.

Einen Monat nach der Tat: Familie Fürstenberg trauert noch immer um ihre Hündin Lilly, im Bild von links Frederik (10), Margarete (42) und Leo (6) Fürstenberg mit der Behelfs-Urne, dem Gläschen mit einer Locke von Lilly, einem Erinnerungsbild, einer Keramikfigur und der Einäscherungsurkunde.

Wird der Täter gefasst, drohen ihm bis zu drei Jahren Haft, mindestens aber eine hohe Geldstrafe. Es handelt sich um eine Straftat und einen Verstoß gegen das Tierschutzgesetz, erklärt der Kieler Staatsanwalt Henning Hadeler. „Weil es jedoch schwierig ist, Täter ausfindig zu machen, die wahrscheinlich im Schutz der Dunkelheit vergiftete Köder auslegen, können wir nur dazu auffordern, jeden Fund und jede Beobachtung der Polizei zu melden. Über vermehrte Anzeigen könnten wir dann Schnittmengen ermitteln.“

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Giftköder-Warnungen werden in Kieler Facebook-Gruppe gesammelt

In der Facebook-Gruppe „Giftköder Meldungen Kiel und Umgebung“ stehen mehrere Hinweise auf Giftköderfunde in jüngerer Vergangenheit, im Oktober in Russee, im September auf dem Eichhoffriedhof. Und im April hatten die Polizeistationen Dietrichsdorf und Wellsee nach gemeldeten Funden von mehreren mit Teppichmesserklingen präparierten Wurststückchen eine Warnung für zwei Straßenzüge herausgegeben und die Bevölkerung um Mithilfe gebeten.

Post der Familie Fürstenberg in der Russeer Facebook-Gruppe "Dorf bleibt Dorf" am 19. Dezember 2021, vierter Advent.

Post der Familie Fürstenberg in der Russeer Facebook-Gruppe "Dorf bleibt Dorf" am 19. Dezember 2021, vierter Advent.

Ende vergangener Woche sollen im Wisentgehege Hasseldieksdamm Giftköder gefunden worden sein. Das Tierheim Uhlenkrog bestätigt, einen Anruf erhalten und seine „Gassigeher“ gewarnt zu haben. Ein Hundehalter berichtet, dass er das Ehepaar getroffen habe, das die Köder einsammelte. Allerdings ist nach Auskunft von Maike Saggau, Sprecherin der Polizeidirektion Kiel, noch keine Anzeige bei einer der zuständigen Polizeidienststellen eingegangen.

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