Prozess in Kiel

"Falscher Polizist" steht vor Gericht

Foto: Mit einem Aktenordner vor dem Gesicht und in Handschellen wird ein Angeklagter in den Saal des Landgerichtes geführt. Er soll als Organisator einer Bande vor allem ältere Menschen um insgesamt 200 000 Euro im Raum Kiel betrogen haben. Mittäter aus Callcentern in der Türkei und vor Ort sollen sich als Polizisten bzw. Staatsanwälte ausgegeben haben, um an Wertsachen zu gelangen. 

Mit einem Aktenordner vor dem Gesicht und in Handschellen wird ein Angeklagter in den Saal des Landgerichtes geführt. Er soll als Organisator einer Bande vor allem ältere Menschen um insgesamt 200 000 Euro im Raum Kiel betrogen haben. Mittäter aus Callcentern in der Türkei und vor Ort sollen sich als Polizisten bzw. Staatsanwälte ausgegeben haben, um an Wertsachen zu gelangen.

Kiel. In Schleswig-Holstein hat der - nach Angaben der Staatsanwaltschaft - erste Prozess um falsche Polizisten begonnen, die Senioren um ihr Vermögen bringen. Vor dem Kieler Landgericht muss sich ein 26-jähriger Angeklagter wegen banden- und gewerbsmäßigem Betrug in zwei Fällen verantworten. Er soll im Oktober 2018, im Auftrag eines Drahtziehers aus der Türkei, falsche Polizisten angeworben haben, um die Beute von drei wohlhabenden Kieler Senioren in Empfang zu nehmen und an seinen Auftraggeber in die Türkei weiterzuleiten. Allein in Schleswig-Holstein beträgt der Schaden durch derartige Kriminalität seit 2016 mindestens drei Millionen Euro, wie die Staatsanwaltschaft im Vorfeld des Verfahrens mitteilte. Die Dunkelziffer dürfte erheblich höher sein, da viele Betroffene aus Scham schweigen. Bundesweite Zahlen gibt es derzeit nicht.

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Beim Abzocken der Senioren gehen die Täter laut Ermittlungsbehörden immer gleich vor. Wie in den beiden angeklagten Fällen werden die als Opfer ausgesuchten Senioren telefonisch über Stunden und sogar tagelang in Angst und Schrecken versetzt, berichtet ein Experte als Zeuge. Die Drahtzieher geben sich dabei als Ermittlungsbeamte aus, ihre Rufnummern scheinen von deutschen Polizeibehörden zu stammen. Den Senioren spiegeln sie vor, ihr Eigentum müsse umgehend in Sicherheit gebracht werden. Auf der darunter liegenden Hierarchieebene werden dann die sogenannten Logistiker, wie etwa der Angeklagte, aktiv. Sie werben die dritte Ebene an, die als falsche Polizeibeamte die Wertsachen entgegennehmen sollen.

Sieben Stunde Dauer-Telefonate

Jeweils 100.000 Euro waren der Schmuck einer Kieler Witwe und die 2,5 Kilogramm Goldbarren und Goldmünzen aus dem Bankschließfach eines Seniorenpaares wert, um die es in der Anklage geht. Die damals 84-jährige Witwe war nach fast sieben Stunden Dauer-Telefonaten so sehr verunsichert, dass sie ihre Schmuckstücke noch in der Nacht den vermeintlichen Polizeibeamten aushändigte - angeblich, um sie vor einem unmittelbar bevorstehenden Einbruch einer bulgarischen Bande in Sicherheit zu bringen.

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Das Seniorenpaar wird über Tage mit der Drohung gefügig gemacht, ein Mitarbeiter der Sparkasse wolle ihr Bankschließfach plündern, schildert Staatsanwalt Benedikt Bernzen. Sie leeren es schließlich selbst und überlassen den Inhalt den falschen Beamten. Zunächst sollen sie den Inhalt in das Landeskriminalamt in Kiel bringen. Doch unterwegs werden sie telefonisch aufgefordert, anzuhalten und ihr Vermögen vermeintlichen Zivilbeamten zu geben, angeblich würden sie in ihrem Fahrzeug verfolgt und womöglich beraubt.

Der Angeklagte, ein Deutscher mit türkischen Wurzeln, will sich auf Rat seiner beiden Verteidiger nicht im Prozess äußern. In einer richterlichen Vernehmung bei der Haftprüfung Anfang November war er aber nach Worten des Vorsitzenden Richters Stephan Worpenberg geständig. Den türkischen Drahtzieher kannte er demnach aus Hannover, wo er selbst geboren ist und mit seiner Familie lebt.

Geblendet von den Möglichkeiten

Er sei damals drogensüchtig gewesen und habe in der Türkei zur Ruhe kommen wollen. Als er den Bekannten besuchte, lernte er dessen Call-Center kennen, von dem aus der Mann nach Erkennntnissen der Ermittlungsbehörden quasi per Standleitungen  mit den ausgewählten Opfern telefoniert und seine Mittäter parallel dazu dirigiert.

Die Möglichkeiten hätten ihn geblendet, zitierte Worpenberg den Angeklagten. Der Mann entschuldigte sich demnach bei den Senioren. Er habe sich ihnen gegenüber sehr schäbig verhalten. In der Untersuchungshaft sei ihm auch klar geworden, was er ihnen angetan habe. Mit seiner Aussage wolle er dazu beitragen, dass sie nicht vor Gericht erscheinen müssten.

Das Verfahren wird am 7. Januar fortgesetzt. Bis dahin wird die Kammer voraussichtlich auch über eine Besetzungsrüge der Verteidigung entschieden haben, nach der die Kammer vorschriftswidrig besetzt sei. Würde dem stattgegeben, könnte das bedeuten, dass der Prozess platzt.

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Von RND/dpa

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