Sonderbericht

Frühe Hilfen: So unterstützt das Netzwerk eine Familie in Kiel

Paula Marku (links, hier mit Schwägerin Matilda Hdoj) in der Kleiderkammer des Sozialdienstes Katholischer Frauen.

Paula Marku (links, hier mit Schwägerin Matilda Hdoj) in der Kleiderkammer des Sozialdienstes Katholischer Frauen.

Kiel. Sie braucht nicht nur Pullover und Jacken, sondern auch Hosen und Schuhe für ihren Sohn Henry, 6, und ihre kleine Tochter Hamla, 13 Monate alt. Die Grundausstattung für den Winter bekommt Paula Marku (30) in der Kleiderkammer des Sozialdienstes katholischer Frauen (SKF) in Kiel. „Baby-Kleidung ist teuer“, weiß die Hausfrau. Sie stammt aus Albanien, lebt seit zweieinhalb Jahren mit ihrem Mann, ein Koch, in Kiel-Mettenhof. Über Bekannte hörte sie von der Unterstützung des SKF – und freut sich nicht nur über gespendete Kinderausstattung, sondern auch Hilfe beim Ausfüllen von Anträgen.

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Diese Unterstützung ist Teil der Frühen Hilfen in Kiel, ein Netzwerk von Akteuren und Organisationen mit inzwischen mehr als 120 Gruppen-Angeboten und weiteren Beratungsmöglichkeiten für Eltern und Kinder ab Beginn der Schwangerschaft und in den ersten Lebensjahren. Was 2006 in Neumühlen-Dietrichsdorf begann und auf Gaarden und Mettenhof ausgedehnt wurde, gibt es mittlerweile stadtweit – und gilt auch für Flüchtlingsfamilien. In einem Sonderbericht blicken die städtischen Akteure mit Partnern nun auf 15 Jahre Frühe Hilfen in Kiel zurück.

Hintergründe und Fakten zum Hilfs-Netzwerk

Im vergangenen Jahr lebten in Kiel genau 6474 Kinder unter drei Jahren, darunter 1728, deren Eltern Arbeitslosengeld II bekommen – rund 26,7 Prozent. Im Jahr 2020 sind insgesamt 977 Gefährdungsmeldungen beim Allgemeinen Sozialdienst (ASD) der Landeshauptstadt Kiel eingegangen, 241 Meldungen davon betrafen Kinder unter drei Jahren. Im Jahr 2021 verringerte sich die Anzahl der Meldungen auf 221 Gefährdungsmeldungen für Kinder unter 3, und 823 Meldungen insgesamt. Nach Angaben der Stadt wurden 2021 insgesamt 123 Gruppenangebote im Bereich „Frühe Hilfen“ durchgeführt.

Als „Frühe Hilfen“ gelten demnach „lokale und regionale Unterstützungssysteme mit koordinierten Hilfsangeboten für Eltern und Kinder ab Beginn der Schwangerschaft und in den ersten Lebensjahren.“ Dazu wollen die Akteure werdende Eltern und Familien mit Kleinkindern möglichst so frühzeitig erreichen, dass bereits bestehende familiäre Belastungssituationen aufgefangen werden können – um Kindern ein gutes Aufwachsen zu ermöglichen.

Ausgangspunkt der Frühen Hilfen in Kiel waren zu Beginn des neuen Jahrtausends Todesfälle wie die des kleinen Kevin (2006) aus Bremen, die zu einer gesellschaftlichen Debatte über den Kinderschutz führten. Jugendhilfe und Gesundheitswesen sollten enger verzahnt werden, Netzwerke entstehen. Die Kinderschutzgesetzgebung wurde angepasst, Förderprogramme standen seit 2006 auf Bundes- und Landesebene bereit.

Im Jahr 2006 fiel dann auch der offizielle Startschuss in Kiel. Zunächst begrenzt auf einzelne Stadtteile, entstand später ein stadtweites Unterstützungsnetz. Zum städtischen Leitungsteam Frühe Hilfen gehören Dr. Angelika Hergeröder vom Amt für Gesundheit (Abteilungsleiterin Kinder- und Jugendärztliche Untersuchungen und Beratungen) und ihr Kollege Fritz Schultz (Leiter Gesundheitsberichterstattung) sowie Corsi Peters (Abteilungsleiterin Allgemeiner Sozialdienst) und die Netzwerkkoordinatorin Frühe Hilfen, Janine Fregin, vom Jugendamt.

 

Die gibt es nicht ohne Grund. Es waren Todesfälle von Kindern wie Kevin aus Bremen, die vor vielen Jahren für einen Aufschrei in der Gesellschaft sorgten. Sie schufen ein Bewusstsein für die Notwendigkeit der Prävention. Der zweijährige Junge wurde 2006 tot im Kühlschrank seines Ziehvaters gefunden, sein Körper wies zahlreiche Misshandlungen auf.

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Dr. Angelika Hergeröder vom städtischen Leitungsteam Frühe Hilfen betont allerdings: „Immer wird nur von Toten gesprochen. Das Thema sind aber die vernachlässigten Kinder.“ Sie spricht über Familien, „die es gut machen wollen, aber nicht gut machen können“. Insbesondere die wolle man unterstützen und befähigen. Ob durch die Schwangerenberatung, das „Willkommensbuch“ in der Geburtsklinik, ob durch Hausbesuche, eine entwicklungspsychologische Beratung, Tipps zur Zahngesundheit oder Angebote wie Frühstückstreffs und stillfreundliche Orte.

Esther Stachow ist Sozialpädagogin beim Sozialdienst katholischer Frauen in Kiel.

Esther Stachow ist Sozialpädagogin beim Sozialdienst katholischer Frauen in Kiel.

Mal sind es Familienhebammen, die helfen, mal Kinderärzte oder Pflegekräfte, mal Sprachmittler, die unterstützen, und mal ehrenamtliche Haushaltshilfen. Regelmäßig kommen auch Sozialpädagoginnen wie Esther Stachow und Andrea Dörr vom Sozialdienst Katholischer Frauen in der Muhliusstraße ins Spiel. Im ersten Stock beraten sie Frauen wie Paula Marku und deren Schwägerin Matilda Hdoj (37), die ein kleines Baby hat. „Wie beantragt man Kinder- und Elterngeld? Wie bekomme ich eine Geburtsurkunde? Bei solchen Fragen helfen wir“, so Stachow.

Paula Marku will ihre Deutschkenntnisse verbessern. „Ich möchte einen Deutschkurs B2 machen“, sagt sie. Sie könne sich eine Ausbildung vorstellen, zum Beispiel als Erzieherin. Doch noch dringender braucht sie jetzt Winterkleidung für die Kleinen.

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Mütter und Schwangere erhalten beim SFK in Kiel Beratung und Kinderkleidung

Auf mehrere Kellerräume verteilt können sich Mütter und Schwangere in finanzieller Not in der „KinderKleiderKiste“ mit gespendeten Klamotten, Spielen und Ausstattung wie Babyschalen ausrüsten. Paula Marku und ihre Schwägerin suchen einen kuscheligen Overall heraus. Pro Kind gibt es einmal im Monat bis zu zehn Teile. Rund 15.000 Teile im Jahr gibt die Kammer aus, sagt Esther Stachow vom SKF.

Wenn man Lidija Baumann vom Kinderschutz-Zentrum Kiel nach dem größten Erfolg der Frühen Hilfen in Kiel fragt, antwortet sie so: „Dass die Frühen Hilfen in Kiel aus einer Trägervielfalt bestehen und alle Hand in Hand miteinander arbeiten. Jeder macht das, was er am besten kann. Es gibt einen grundlegenden kooperativen Gedanken. Und nur so kann Kinderschutz sinnvoll als Verantwortungsgemeinschaft getragen werden“. Nachzulesen ist das im Sonderbericht der Stadt.

Ulf Kämpfer unterstützt Frühe Hilfen in Kiel

Die Frühen Hilfen sind nach Ansicht der Akteurinnen und Akteure weiterhin notwendig – damit es vielleicht in Kiel nicht zu dramatischen Vorfällen kommt. Kiels Oberbürgermeister Ulf Kämpfer (SPD) unterstützt das, wie er betont: „So lange ich OB bin, haben Sie meine Solidarität.“

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