Kämpfer wirft Vonovia vor

„Sie reizen Ihre Marktmacht aus“

Foto: Uneinig in vielen Fragen: Vonovia-Vorstandsmitglied Klaus Freiberg (links) und Kiels Oberbürgermeister Ulf Kämpfer.

Uneinig in vielen Fragen: Vonovia-Vorstandsmitglied Klaus Freiberg (links) und Kiels Oberbürgermeister Ulf Kämpfer.

Kiel. In einem Streitgespräch, das am Donnerstag, 16.5.2019, in der Vonovia-Zeitschrift „Wohnen und Gesellschaft“ erscheint, wirft Kämpfer dem Spitzenmmanager vor, seine Marktmacht auszureizen, in Kiel keine neuen Wohnungen zu bauen, intransparente Nebenkostenabrechnungen zu verschicken und mit Modernisierungen und Mietsteigerungen Menschen zum Auszug zu zwingen.

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Streitpunkt: kommunale Beteiligung an Vonovia

Freibergs Vorschlag einer Beteiligung der Landeshauptstadt an dem Aktienkonzern Vonovia inklusive einer „kommunalen Sperrminorität von 25 Prozent“ trifft bei Kämpfer auf Unverständnis. „Wie bitte: Wir sollen Miteigentümer von Vonovia werden?“, antwortet er dem Vonovia-Vorstand. Dieser begründet seinen Vorschlag mit Wirtschaftslogik: „Warum soll sich eine Kommune nicht mit dem zusammenschließen, der das operative Geschäft beherrscht und die Ressourcen hat, zum Beispiel Grundstücke und Bauingenieure?“ So könne die Stadt ihre Ziele viel schneller erreichen als mit dem mühsamen Aufbau einer eigenen Firma. Doch Kämpfer sieht darin „keinen großen Vorteil“. Er meint vielmehr: „Ihr Fall zeigt, dass der Markt allein weder das Mengenproblem löst noch die Mieten dämpft.“ Deswegen will Kiel im Herbst eine eigene kommunale Wohnungsgesellschaft gründen, die Kiwog.

Streitpunkte: Marktmacht, Modernisierungskosten, Mieten und Renditen

Kämpfer kritisiert, dass der Dax-Konzern auf einem aus den Fugen geratenen Markt zweistellige Eigenkapitalrenditen einfährt: "Sie können Mieten erhöhen, Wohnungen teuer neu vermieten oder sie teuer modernisieren, und Sie reizen das aus", wirft er Freiberg vor. Dieser wehrt ab: "Ich kenne mehr als genug Marktteilnehmer, die das ausreizen wollen. Wir hingegen haben im letzten Jahr unsere Mieten im Bestand um nur 1,3 Prozent erhöht – also unter dem Inflationsniveau." Manche Mieter seien gezwungen, sich bis zum Existenzminimum einzuschränken, so Kämpfer, andere müssten sogar ausziehen, weil Vonovia Modernisierungskosten mit zwei Euro pro Quadratmeter auf die Miete umlegt. "Warum bieten Sie nicht wenigstens Mietern, die sich die teurere Wohnung nicht mehr leisten können, nebenan eine unsanierte bezahlbare an?", fragt der Oberbürgermeister. Freiberg verspricht: "Nach einer Modernisierung muss bei uns niemand ausziehen, sondern wir gestalten die Miete so, dass jeder sie bezahlen kann."

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Streitpunkt: Nebenkostenabrechnungen

Auch das Thema Nebenkostenabrechnungen spricht Kämpfer an: „Da haben Sie teils extrem intransparente Abrechnungen, das können 500 Seiten mit Formulierungen sein, die nur Experten verstehen.“ Freiberg gibt zu, dass die Abrechnungen „komplex sind“: Aber er relativiert auch: Vonovia erstelle rund 715.000 Betriebs- und Heizkostenabrechnungen im Jahr. In fünf Prozent aller Fälle melde sich der Mieter wegen unverständlicher Kosten. In 0,7 Prozent entdecke der Konzern den Fehler bei sich und zahle zu viel gezahlte Leistungen zurück. Und: Die Zahl der Rechtsstreitigkeiten gegen Vonovia zum Thema Nebenkosten liege über die letzten vier Jahre bei 0,03 Prozent im Verhältnis zum Gesamtbestand.

Streitpunkte: Bau(un)tätigkeit und Baugenehmigungen

Einig sind sich beide über den aktuellen Wohnungsmangel. Freiberg: „Den Druck verstärken immer mehr Singles oder Paare mit zwei Wohnungen an ihrem Arbeitsort und einer dritten für gemeinsame Wochenenden.“ Kämpfer wirft Freiberg vor, das Problem zwar richtig zu beschreiben, „aber ich kenne von Ihnen keinen Neubau in Kiel, obwohl sie doch bestimmt das Kapital hätten“. „Und auch den Willen“, entgegnete der Vonovia-Kundenchef. „Aber wir bekommen sie zu langsam und aufwendig genehmigt.“ Für seine Stadt sieht Kämpfer großes Potenzial für Nachverdichtung in relativ locker gebauten Nachkriegsquartieren: „Das genehmigen wir, wo immer es geht, in schlanken Verfahren. Aber das kann ich Ihnen erst beweisen, wenn Sie Bauanträge einreichen“, sagte er und schob die Frage nach: „Oder ist Ihnen das Kieler Mietniveau noch nicht hoch genug?“ Freiberg entgegnet: „Wir wollen ja auch geförderte Sozialwohnungen bauen, bei denen es nicht um ein Marktniveau geht.“ Den Mix mit 30 Prozent geförderten Wohnungen „finden wir völlig in Ordnung“, so der Manager. „Dass es noch kein Projekt in Kiel gibt, ist Zufall. Und ich höre gern ihr Willkommenssignal.“

Freiberg räumt Posten

Freiberg wird seine Versprechen allerdings nicht mehr selbst einlösen können. Am Donnerstag findet die Vonovia-Hauptversammlung statt. Wie das Unternehmen mitteilt, wird Klaus Freiberg seinen Posten dann „auf eigenen Wunsch“ niederlegen.

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Vonovia in Kiel

Die Landeshauptstadt Kiel verkaufte 1999 die kommunale Wohnungsgesellschaft KWG mit rund 11.000 Wohnungen für 250 Millionen DM an die WCM AG. Nach zwei Weiterverkäufen an Blackstone und Vitus gingen die Wohnungen 2014 an Vonovia. Die Vonovia AG ist der größte Vermieter in ganz Deutschland. Nach Angaben des Unternehmens ist Kiel einer der größten Standorte in Deutschland. Über 15.000 Mietwohnungen besitzt Vonovia in der Landeshauptstadt, davon werden rund 2.000 Wohnungen öffentlich gefördert. Insgesamt beschäftige das Unternehmen in der Stadt rund 300 Mitarbeiter.

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