Trotz steigender Fallzahlen

Corona im Kreis Rendsburg-Eckernförde: Professor Ott gibt Entwarnung

Der Mediziner Prof. Stephan Ott leitet Fachbereich Gesundheit beim Kreis Rendsburg-Eckernförde. (Archivfoto)

Der Mediziner Prof. Stephan Ott leitet Fachbereich Gesundheit beim Kreis Rendsburg-Eckernförde. (Archivfoto)

Rendsburg. Die Coronazahlen im Kreis Rendsburg-Eckernförde sind zuletzt wieder deutlich gestiegen. Lag die Inzidenz vor vier Wochen noch bei 453, meldeten das Kreis-Gesundheitsamt Mitte dieser Woche einen Wert von mehr als 882. Dies sei jedoch nicht besorgniserregend, sagt Prof. Stephan Ott, Leiter des Fachbereichs Arbeit, Gesundheit und Soziales im Gespräch mit den Kieler Nachrichten.

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Wie beurteilt das Gesundheitsamt die Corona-Lage? Ist das eine Sommerwelle?

Ich halte nicht viel von solchen Begrifflichkeiten. Die Infektionszahlen waren ja auch in den vergangenen Monaten auf hohem Niveau. Die Dynamik, die wir jetzt verzeichnen, ist unter anderem bedingt durch die zunehmende Verbreitung neuer Omikron-Varianten (BA.4 und vor allem BA.5), aber sicherlich auch durch die Lockerungen der Corona-Maßnahmen, die wieder mehr soziale Kontakte ermöglichen, sowie den nachlassenden Immunschutz der Booster-Impfung. Die Booster-Impfung liegt ja bei den meisten Menschen Monate zurück. Die neuen Omikron-Varianten sind noch einmal ansteckender als die bisher verbreiteten Varianten (vor alle BA.2). Die hohe Inzidenz in Schleswig-Holstein und vor allem im Kreis führen wir auf die unterschiedliche Test- und Meldedisziplin in den einzelnen Bundesländern zurück. Das Netz an Teststationen ist in SH noch vergleichsweise dicht, wenngleich die Zahl an Teststationen im Hinblick auf das Auslaufen der aktuellen Testverordnung (nach dem 30. Juni sind keine Bürgertests mehr vorgesehen) deutlich abnimmt. Auch herrscht in SH noch eine hohe Meldedisziplin.

Und im Kreis Rendsburg-Eckernförde?

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Für unseren Kreis kann ich berichten, dass wir aufgrund von Digitalisierungsmaßnahmen noch immer jede Meldung tagesaktuell an das RKI weitergeben. In anderen Bundesländern melden die Gesundheitsämter seit Monaten nicht mehr oder nur noch unvollständig. Die reinen Inzidenzzahlen sind also nicht mehr miteinander vergleichbar. Die Dunkelziffer an Infektionen dürfte erheblich sein.

Welche Bedeutung hat vor diesem Hintergrund die Inzidenz?

Die Inzidenzen als solche haben an Aussagekraft verloren. Ich erwarte, ähnlich wie wir es bei den anderen Omikron-Varianten erlebt haben, auch wieder einen Rückgang der Zahlen, wenn sich BA.5 flächendeckend ausgebreitet hat. Insofern besteht für uns aktuell kein Grund zur Besorgnis. Natürlich beobachten wir die Lage sehr genau.

„Die Zahlen für Hospitalisierung, Intensivbelegung und Todesraten sind weiterhin niedrig“

Ist das Virus überhaupt noch gefährlich?

Erfreulich ist, dass die nach aktuellem wissenschaftlichen Stand auch die neuen Omikron-Varianten keine schweren Krankheitsverläufe verursachen, sondern eher weiter an Gefährlichkeit verloren haben. Zudem haben wir in Schleswig-Holstein und damit auch im Kreis sehr gute Impfquoten. Dazu passt, dass die Zahlen für Hospitalisierung, Intensivbelegung und Todesraten weiterhin konstant niedrig sind. Dies wird ja auch von führenden Intensivmedizinern bestätigt. Das sind für uns als Gesundheitsamt die momentan entscheidenden Indikatoren. Der Kreis Rendsburg-Eckernförde liegt in den Statistiken mit einer Todesrate von 37,5 pro 100 000 Einwohner nur knapp hinter der kreisfreien Stadt Oldenburg (36,6 pro 100 000 Einwohner). Am anderen Spektrum finden sich Zahlen von 655 pro 100 000 Einwohner in Görlitz. Das zeigt auch, dass die vulnerablen Gruppen hier offenbar sehr gut geschützt sind.

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Werden neue Corona-Maßnahmen seitens des Kreises ergriffen?

Momentan sind keine allgemeinen Maßnahmen von Kreisseite geplant. Für unsere Mitarbeiter werden weiterhin kostenlos Selbsttests und Masken für den Eigenbedarf zur Verfügung gestellt. Die Möglichkeit zu mobilem Arbeiten wurde, soweit es die Arbeitssituation hergibt, eingerichtet. Mitarbeiter, die für sich selbst eine Gefährdung sehen, tragen im Kreishaus auch weiterhin eigenverantwortlich Masken. Eine Einschränkung des Publikumsverkehrs oder gar eine erneute Schließung des Kreishauses ist nicht geplant.

Auf Bund-Länder-Ebene werden derzeit Maßnahmen evaluiert und auf ihre Wirksamkeit geprüft. Das halte ich für eine gute Initiative, denn Maßnahmen, die 2020 oder 2021 noch richtig und verhältnismäßig waren, müssen es für den Herbst 2022 nicht mehr sein. Auch vom Land haben wir keine Hinweise erhalten, dass Maßnahmen aktuell angedacht sind.

Gibt es denn Vorbereitungen für den Herbst?

Unser Gesundheitsamt ist gut aufgestellt. Durch weitgehende Digitalisierung der Meldewege und des Verwaltungsaufwandes im Zusammenhang mit Quarantäne/Isolierung können wir auch größere Fallzahlen problemlos bewältigen. Wir werden – wie auch in den vergangenen zwei Jahren – eine gewisse Anzahl an Mitarbeitern (etwa zehn sind geplant) über den 30. Juni hinaus behalten, um jederzeit flexibel auf neue Herausforderungen reagieren zu können. Auch haben wir eine neue Fachgruppe im Gesundheitsamt geschaffen. Die Fachgruppe „Gesundheitsprävention“ hat unlängst ihre Arbeit aufgenommen und wird sich zum einen mit Themen der Pandemievorsorge beschäftigen, zum anderen aber auch personell zur Verfügung stehen, sobald sich eine bedrohliche Lage ergeben sollte. Die neue Gruppe hat eine Stärke von fünf Mitarbeitern. Ansonsten haben wir ausreichend Schutzausrüstung und Testmaterial gelagert.

Was ist mit den Impfzentren?

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Das Land wird eine Impfstelle pro Kreis über den 30. Juni hinaus weiter geöffnet halten, bei uns wird dies das Impfzentrum in Büdelsdorf sein. Weiterhin wird es mobile Impfteams des Landes geben, sodass auch hier eine Infrastruktur besteht, die jederzeit wieder schnell hochgefahren werden könnte.

Haben die steigenden Coronazahlen Auswirkungen auf die Arbeit im Rendsburger Kreishaus? Gibt es Ausfälle beim Personal oder Einschränkungen für den Publikumsverkehr?

Derzeit haben die hohen Infektionszahlen keine Auswirkungen auf die Arbeit im Kreishaus. Wir haben – wie in den vergangenen Wochen und Monaten auch – einzelne Ausfälle unter den Mitarbeitenden, die aber durch entsprechende Arbeitsorganisation gut kompensiert werden können. Dies betrifft insbesondere die publikumsintensiven Bereiche. Wir bieten unseren Mitarbeitern in den Bereichen, die keine Anwesenheit erfordern, die Möglichkeit, auch mobil im Homeoffice zu arbeiten, sodass der laufende Betrieb derzeit in keiner Weise gefährdet ist. Obwohl wir auch bisher immer Beschäftigte „zwischendurch“ geimpft haben, werden wir unseren Mitarbeitern noch einmal zwei Impfaktionen in der nächsten und übernächsten Woche anbieten. Hier bieten wir die Booster-Impfung (3. Impfung) an, aber auch die 4. Impfung.

„Ich sehe trotz steigender Fallzahlen keinen Grund zur Besorgnis“

Was sollten die Menschen im Kreis jetzt beachten?

Ich sehe derzeit trotz steigender Fallzahlen keinen Grund zur Besorgnis oder für Panik. Ich sehe aus infektiologischer Sicht auch keine Notwendigkeit für erneute umfassende und einschneidende Maßnahmen. Eigenschutz ist trotz der weitgehenden Lockerungen möglich und anzuraten für alle, die sich Sorgen machen, zum Kreis der älteren Personen gehören oder vorerkrankt sind. Der Schutz der vulnerablen Gruppen muss weiterhin gewährleistet bleiben.

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Trotz fehlender beziehungsweise noch ausstehender allgemeiner Empfehlung durch die Stiko empfehle ich, dass nicht nur die über 60-Jährigen und Pflegekräfte zum 4. Mal geimpft werden, sondern mindestens auch diejenigen unter 60 und über 18 Jahre, deren Booster-Impfung mehr als sechs Monate zurückliegt und die eine gesundheitlich bedingte oder berufliche Gefährdung sehen.

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Den Bürgerinnen und Bürgern im Kreis möchte ich gerne mitgeben, dass das Gesundheitsamt die Lage sehr genau beobachtet und sich natürlich auch im Austausch mit Land und anderen Gesundheitsämtern sowie dem RKI befindet. Im Falle einer sich abzeichnenden Bedrohung durch Corona kann so schnell reagiert werden.

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