Protest gegen Schließung

200 Menschen gehen gegen Geburtshilfe-Aus in Henstedt-Ulzburg auf die Straße

Gut 200 Menschen nahmen an der Demonstration gegen die Schließung der Geburtshilfe und Gynäkologie in der Paracelsus-Klinik Henstedt-Ulzburg teil.

Gut 200 Menschen nahmen an der Demonstration gegen die Schließung der Geburtshilfe und Gynäkologie in der Paracelsus-Klinik Henstedt-Ulzburg teil.

Henstedt-Ulzburg. Klein beigeben wollen die Hebammen und Mitarbeitende der Geburtsstation und der Gynäkologie in der Paracelsus-Klinik Henstedt-Ulzburg so schnell nicht, auch wenn die Ankündigung der Klinikleitung, diese Bereiche zum Jahreswechsel dicht zu machen, alle zunächst in einen Schock versetzt hat. Am Mittwoch demonstrierten die Para-Mitarbeitenden zusammen mit etlichen Müttern, Vätern sowie geborenen und ungeborenen Kindern und mit Politikern aus Gemeinde, Kreis und Land und zeigten ihren Unmut.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Große Plakate, Gesang, Trillerpfeifen und Rufe: Die Kundgebungsteilnehmer machten auf sich und ihr Anliegen aufmerksam, als sie vom Rhener Markt die Wilstedter Straße bis zur Paracelsus-Klinik marschierten. Auch viele Kommunal- und Landespolitiker reihten sich ein. Alveslohes Bürgermeister Peter Kroll beispielsweise übergab dem CDU-Landtagsabgeordneten Ole-Christopher Plambeck (CDU) eine lange Unterschriftenliste. In den vergangenen Tagen war in Alveslohe die Liste rumgegangen. Extra nach Alveslohe seien Bürger gefahren, um sich auf der Liste gegen das Aus der Geburtsstation auszusprechen. „Alles mögliche wie Banken und anderes wird gerettet, aber die ländliche Grundversorgung nicht“, sagte Kroll, der von einem Unding sprach.

Bewusst für die Geburtsstation der Paracelsus-Klinik entschieden

Gerade die Mütter im Demonstrationszug hatten viel zu berichten. Luisa Knuth aus Bad Bramstedt schob ihre Zwillinge Carlo und Emilius vor sich her. Beide sind in der Paracelsus-Klinik zur Welt gekommen. „Mein Mann und ich wollten von Anfang an, dass unsere Kinder hier geboren werden“, berichtete die Bad Bramstedterin. Bereits das erste Kind war in der Para zur Welt gekommen. Sie habe nie das Gefühl gehabt, in der Klinik schlecht versorgt gewesen zu sein. „Die Station ist so schön, das ist wie nach Hause kommen. Ein Nest und viel Wärme“, beschrieb Luisa Knuth.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Aljona Holzmann, mit Sohn Felix vor der Brust, ist mit ihrem Mann aus Hamburg-Schnelsen nach Henstedt-Ulzburg gezogen. „Wir wollten erst im Albertinen Krankenhaus entbinden, aber die Paracelsus-Klinik ist viel persönlicher und familiärer“, berichtete sie. „Mein Herz hat mir gesagt, dass ist die richte Wahl.“ Ihr Sohn tat dann auch in der Para seinen ersten Schrei. „Hebammen und Ärzte haben sich rührend um mich gekümmert“, erzählte Aljona Holzmann. Es sei so traurig, dass sie das mit ihrem vielleicht nächsten Kind nicht so erleben könne.

In der Paracelsus-Klinik kommen 800 Kinder zur Welt, im Albertinen 3100

Anja Wöhlbier aus Henstedt-Ulzburg war mit Tochter Frieda Lovis zur Kundgebung der Klinikmitarbeitenden gekommen und zeigte ihre Solidarität. Ihre beiden älteren Töchter seien in Henstedt-Ulzburg geboren, die Jüngste als Frühchen im Albertinen Krankenhaus. Deshalb könne sie gut vergleichen. Auch wenn sie sich im Kreißsaal der Hamburger Klinik gut aufgehoben fühlte, gab sie zu, dass das Albertinen „eine Fabrik ist“. Über 3100 Kinder erblicken dort im Jahr das Licht der Welt – in der Paracelsus-Klinik Henstedt-Ulzburg etwa 800 Mädchen und Jungen. „Die weiteren Anfahrtswege zur Klinik sorgen dafür, dass die Mütter sich nicht richtig auf den Geburtsvorgang konzentrieren können“, gab sie zu bedenken. Denn zur Klinik fahre man, wenn die Wehen einsetzen. Jede längere Strecke im Auto sei großer Stress für die Frau.

Gleichstellungsbeauftragte schlagen Alarm

Die beiden Gleichstellungsbeauftragten Svenja Gruber (Henstedt-Ulzburg) und Claudia Eckhardt-Löffler (Kaltenkirchen) liefen im Demonstrationszug mit. „Wieder sind Frauen die Leidtragenden“, erklärte Gruber, die von einem kranken Gesundheitssystem sprach. Sie forderte, dass Kooperationen mit anderen Krankenhäusern in Erwägung gezogen werden müssten. Die Henstedt-Ulzburger Klinik arbeitete bis vor kurzem mit dem UKE zusammen und konnte so auf das bessere ausgestattete Krankenhaus ausweichen bei Komplikationen. Dieser Vertrag wurde von den Hamburgern aber gekündigt.

Auch Gynäkologie steht in der Para vor dem Aus

Kinderarzt Uwe Thiede war über fünf Jahre in der Paracelsus-Klinik, bevor er vor wenigen Tagen in Ruhestand gegangen ist. "Was die Bevölkerung braucht, ist die Geburtshilfe und die Gynäkologie", betonte er. Der Mediziner erinnerte daran, dass krebskranke Frauen sich künftig eine andere Klinik suchen müssten, um behandelt zu werden. Die Gynäkologie in Henstedt-Ulzburg wird ebenso wie die Geburtsstation geschlossen. "Wer eine Chemo braucht, steht da jetzt ohne Klinik in Henstedt-Ulzburg", sagte Thiede. Ihm tue es auch um das Team der Abteilungen leid. "Das ist eine Katastrophe und beschämend."

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Hebamme und Betriebsrätin Lore Scheier berichtete, dass eine normal verlaufende Geburt einer Klinik zwischen 1000 und 1500 Euro einbringe. Dafür stehe dann Hebamme, Arzt und weiteres Personal sowie Equipment zur Verfügung. „Die Geburtshilfe wird so schlecht bezahlt, dass sie sich für kleine Kliniken nicht lohnt“, bemängelte sie. Die Hebamme appellierte zusammen mit ihren Kolleginnen und Kollegen an die Politik, das Abrechnungssystem zu überdenken und kleineren Häusern so eine Chance auf den Erhalt der Geburtsstation zu geben. Am finanziellen Tropf von lukrativeren Abteilungen hängen wolle die Geburtshilfe nicht.

Betriebsrat hat Fachanwalt und Gewerkschaft an der Seite

Als Betriebsrätin gehe es Lore Scheier nun darum, einen Sozialplan mit der Geschäftsführung auszuhandeln. „Ich sage unseren Leuten, dass sie die Ruhe bewahren sollen“, berichtete Scheier. Ein Fachanwalt und die Gewerkschaft Verdi seien an der Seite des Betriebsrates. So schnell, wie die Klinikleitung es gerne hätte, gehe die Schließung der Abteilungen nicht. Letztlich gehe es unter anderem auch darum, dass die Mitarbeitenden lange Kündigungsfristen hätten. „Das Aus zum Ende des Jahres ist gewagt“, meinte Lore Scheier.

Noch nicht das Ende der Schließungen der Geburtshilfe im Land

Anke Bertram, Vorsitzende des Hebammenverbandes Schleswig-Holstein, sieht das Ende der Schließungen von Geburtsstationen im Land noch nicht gekommen. Das werde weitergehen, betonte sie im Gespräch mit KN-Online. Alleine in den vergangenen acht Monaten seien die Stationen in Eckernförde, Ratzeburg, Preetz und in Kürze in Henstedt-Ulzburg dicht gemacht worden. "Dabei bleiben die Bedürfnisse der Frauen außen vor." Die Sparmaßnahmen würden Frauen und Kinder gefährden.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Im Kreis Segeberg gibt es nach dem Aus für die Henstedt-Ulzburger Geburtshilfe nur noch die Segeberger Kliniken in Bad Segeberg, in der Kinder zur Welt gebracht werden können. Die Segeberger Kliniken arbeiten mit dem UKSH in Lübeck zusammen.

Lesen Sie auch

Hebamme Stephanie Fischer aus Kaltenkirchen berichtete von einer Schwangeren, die sie gerade am Mittwochfrüh betreut habe. Drei Kliniken hätten der Frau, die in den Wehen lag, abgesagt, darunter zwei Hamburger Krankenhäuser, die noch vor wenigen Tagen gesagt hätten, wie sehr sie sich auf die Frauen aus Schleswig-Holstein freuen würden. Erst in Hamburg-Barmbek sei die Schwangere aufgenommen worden, erzählte Fischer kopfschüttelnd. „Soviel dazu, dass die Geburten aus Henstedt-Ulzburg locker aufgefangen werden können.“

Regina Schmidt-Scheben, ebenso wie Lore Scheier seit 40 Jahren in der Geburtshilfe der Paracelsus-Klinik Henstedt-Ulzburg als Hebamme tätig, betonte, wie unendlich traurig sie sei, „dass das hier vorbei sein soll“. Ihre Stimme stockte. „Wir arbeiten so gerne hier.“ Und sie glaube an Wunder. Auch an das Wunder einer Abkehr von der Schließung „ihrer“ Station.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Klinikleitung der Para kann Demo nachvollziehen

Die Klinikleitung der Para verschickte kurz nach dem Ende der Demonstration auf dem Fußweg vor der Klinik eine Pressemitteilung. Die Demonstration könne man gut nachvollziehen. "Die Entscheidung, unsere Geburtshilfe und Gynäkologie letztendlich zu schließen, war für uns ein einschneidender Schritt. Ein Schritt, der uns alle schmerzt. Die Schließung einer wohnortnahen geburtshilfliche Abteilung ist immer mit besonderen Emotionen verbunden – auch bei uns als Verantwortliche", heißt es in der Erklärung.

Die Entscheidung sei nach „einem langen Abwägungsprozess und im Hinblick auf zukünftige Entwicklungen“ getroffen worden. „Dabei sind wir als Klinikleitung aufgerufen, den gesamten Klinikstandort mit seinen mehr als 450 Beschäftigten im Auge zu haben.“ Die Entscheidung sei „also eine Entscheidung im Sinne des Erhalts einer wohnortnahen Krankenhausversorgung im Kreis Henstedt-Ulzburg und Umgebung und unserer 450 Mitarbeiter. Für uns geht es jetzt darum, mit aller Kraft den Transformationsprozess unserer Klinik weiter voranzutreiben“.

Mehr aus Segeberg

 
 
 
 
 
Anzeige
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Verwandte Themen

Letzte Meldungen

 
 
 
 
 
 
 
 
 

Spiele entdecken