Gutes tun im Advent

Kaltenkirchen: Rentnerin Ina F. müsste ohne die Tafel hungern

Tafel-Vorsitzende Karla Röttger (links) kennt Abnehmerin Ina F. schon lange. Röttger ist sich sicher, dass viel mehr Rentnerinnen die Hilfe der Tafel bräuchten, sich aber nicht trauen, sie in Ansprcu zu nehmen.

Tafel-Vorsitzende Karla Röttger (links) kennt Abnehmerin Ina F. schon lange. Röttger ist sich sicher, dass viel mehr Rentnerinnen die Hilfe der Tafel bräuchten, sich aber nicht trauen, sie in Ansprcu zu nehmen.

Kaltenkirchen. „Wenn ich die Tafel nicht hätte, sähe es sehr traurig aus bei mir“, sagt Ina F. aus Kaltenkirchen. Die Rentnerin ist seit fünf Jahren Abnehmerin der Tafel, ihre Mini-Rente muss sie aufstocken lassen. Ohne zusätzliche Hilfe würde sie es nicht schaffen. „Ich müsste hungern“, sagt sie selbst.

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Sie gehe heute mit Freude zur Tafel: „Alle, die hier ehrenamtlich arbeiten, sind so nett“, schwärmt sie. Doch der Schritt zur Tafel vor fünf Jahren sei „ganz grausam“ gewesen, erzählt die 74-Jährige: „Es war zwei Wochen vor dem Ersten und ich hatte kein Geld mehr, gar nichts mehr zu Essen zu Hause.“

Von der Tafel hatte Ina F. schon gehört, kannte ungefähr die Adresse, die Öffnungszeiten aber nicht. Da die Rentnerin sich weder ein Handy noch ein Telefon leisten kann, machte sie sich eines Mittags einfach auf den Weg. „Mir bleib nichts anderes übrig, wenn ich etwas essen wollte.“

Tafel in Kaltenkirchen: Vor dem ersten Gang zitterte die Rentnerin an Händen und Füßen

Vor der Tafelabnahmestelle in der Werner-von-Siemens-Straße sei sie dann auf eine Helferin gestoßen. „Ich habe an Händen und Füßen gezittert vor Scham und Angst“, erinnert sich Ina F. Die Frau habe sie angesprochen und gefragt, ob sie helfen könne. „Da habe ich erstmal geweint.“ Die Helferin habe dann mit ihr die Karte ausgefüllt, die sie als Abnehmerin der Tafel benötigt. „Und sie hat mir gleich zwei Tüten voller Lebensmittel mitgegeben.“ Die Scham wich der Erleichterung.

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Ina F. hat immer gearbeitet, meistens in Fabriken als Aushilfskraft. Oder sie hat geputzt. Mit 16 bekam sie ihr erstes Kind, mit 19 ihr zweites. „Ich habe früh geheiratet und mich nach 42 Jahren Ehe scheiden lassen“, erzählt sie. Heute bekommt sie nur 489 Euro Rente, die sie mit Hartz IV aufstocken lässt.

Da ihr mittlerweile verstorbener Ex-Mann noch weniger verdient hatte, musste sie ihm nach der Scheidung Renten-Punkte abgeben, so will es das Gesetz. „Aber dass ich die nicht zurückbekomme, nachdem er gestorben ist, verstehe ich nicht.“

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Durch die Aufstockung hat die Rentnerin 760 Euro im Monat zur Verfügung. „Ich zahle zum Glück nur 360 Euro Miete, dann noch 120 Euro Strom. Da bleibt nicht viel übrig.“ Ihr einziger Luxus ist ein 30 Jahre altes Auto, für das sie Versicherung und Steuern zahlen muss – und das sie noch so lange fährt, bis es auseinanderfällt.

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Am Ende bleiben ihr im Monat 200 Euro zum Leben. „Das ist nicht viel. Allein für Kaffee und Hygieneartikel geht schon Geld weg. Wie soll ich da noch für vier Wochen Essen kaufen?“ Dinge wie ein Friseur- oder einen Cafébesuch verbietet sich Ina F. komplett. „Das wäre ja Verschwendung“, sagt sie.

„Ich denke, so wie Ina geht es vielen Rentnerinnen und Rentnern. Leider trauen sich die meisten nicht, zur Tafel zu kommen“, sagt Karla Röttger, Vorsitzende der Kaltenkirchener Tafel. Auch wenn Senioren längst nicht die Mehrheit der Kunden bilden, sei die Zahl der abnehmenden Rentner in diesem Jahr leicht gestiegen, berichtet Röttger.

Da die Tafel aktuell einen Aufnahme-Stopp aussprechen musste, gibt es eine Warteliste, auf der auch Senioren stehen. Mit Stand September dieses Jahres hat die Tafel 1172 Kunden. Im April waren es rund 900, vor dem Krieg in der Ukraine zwischen 600 und 700 Kunden.

Bedarf steigt: Tafel in Kaltenkirchen ist auf regelmäßige Spenden angewiesen

Für das kommende Jahr sieht Röttger schwarz. „Jetzt geht es noch ganz gut. Der Kreis unterstützt uns und die Spendenbereitschaft vor Weihnachten ist immer groß.“ Doch von Januar bis Ostern gebe es immer ein großes Loch. „Wir leben von Spenden“, betont sie. Krisen und Inflation werden die Spendenbereitschaft verringern.

Gleichzeitig steige der Bedarf an Hilfe von der Tafel. „Unsere Gesellschaft steuert dahin, dass Menschen nicht mehr von ihrer Rente oder ihrem Lohn leben können. Das ist traurig.“ Die Tafel versuche zu helfen, wo es geht, habe aber auch Grenzen.

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Spenden Sie für die Tafeln im Land

Die Tafeln im Land stoßen an ihre Grenzen. Immer mehr Menschen sind auf die Ausgabe von Lebensmitteln angewiesen. Der Verein „KN hilft“ startet deshalb in diesem Jahr eine große Spendenaktion. Sämtliche Einnahmen der Aktion „Gutes tun im Advent“ wird den Tafeln zur Verfügung gestellt.

Ab sofort ist das Spendenkonto bei der Förde Sparkasse freigeschaltet. Möchten Sie nicht, dass Sie als Spender in der Zeitung erwähnt werden, schreiben Sie bitte hinter Verwendungszweck „kein Name“. Möchten Sie eine Spendenbescheinigung, vermerken Sie „Spendenbescheinigung“ und Ihre Adresse. Spendenkonto KN hilft: Förde Sparkasse IBAN DE05 2105 0170 1400 2620 00

Ina F. kommt jeden Mittwoch zur Tafel, das ist ihr fester Tag. Und sie kommt längst nicht mehr nur, um sich Lebensmittel zu holen: Sie hat hier auch Freunde gefunden, mit denen sie vor der Ausgabe immer noch „ne Runde sabbelt“. Mit den Lebensmitteln, die Ina F. von der Tafel bekommt, geht sie übrigens sehr sparsam um. „Von dem Suppengrün und dem Gemüse koche ich immer in einem großen Topf Suppe, die ich dann portionsweise einfriere“, sagt sie: So habe sie jeden Tag eine warme Mahlzeit.

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Während der Pandemie war die Tafel allerdings einige Zeit lang geschlossen. „Das war ganz schlimm“, erinnert sich die 74-Jährige: „Ich hatte nur noch ein paar tiefgefrorenen Portionen Suppe, sonst nichts.“ Doch eines Tages sei eine Helferin bei ihr zu Hause aufgetaucht. „Ich habe ja kein Telefon, niemand konnte mich erreichen. Also wurde mir eine große Kiste mit Lebensmitteln gebracht. Da habe ich Rotz und Wasser geheult.“

Ina F. ist der Tafel unglaublich dankbar. „Ich habe eine warme Wohnung und durch die Tafel genug zu Essen. Mir fehlt nichts.“ Sie könne anderen Rentnern, bei denen das Geld ebenfalls knapp ist, nur raten: „Geht zur Tafel, dafür muss man sich nicht schämen. Es geht so vielen von uns so.“ Und bei der Tafel in Kaltenkirchen werde niemand von „oben herab“ behandelt. „Die Helferinnen hier haben Herz, sind einfühlsam und denken mit.“

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