Zeitzeuge

KZ-Überlebender berichtet an Gymnasium in Bad Segeberg vom Grauen des Holocaust

Jurek Szarf überlebte drei Konzentrationslager und erzählte darüber in der Dahlmannschule. Hannah Haisch (von links) und Mandana Khaloghi aus der Q1 sowie Mustafa Belen und Kian Brunke aus der Q2 überreichten ihm Geschenke - neben ihm die Geschichtslehrerin Ruth Finken

Jurek Szarf überlebte drei Konzentrationslager und erzählte darüber in der Dahlmannschule. Hannah Haisch (von links) und Mandana Khaloghi aus der Q1 sowie Mustafa Belen und Kian Brunke aus der Q2 überreichten ihm Geschenke - neben ihm die Geschichtslehrerin Ruth Finken

Bad Segeberg. Er hat drei Konzentrationslager überlebt. Eindringlicher als Jurek Szarf kann heute kaum noch jemand über die Schrecken des Holocaust berichten. Und das tat der heute 88-Jährige bei seinem Besuch in der Dahlmannschule vor Schülerinnen und Schüler der Oberstufen-Jahrgänge Q1 und Q2 (11. und 12. Klassen).

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„Aufgabe des Geschichtsunterrichts ist es, die eigene Geschichte aufzuarbeiten. Man hat einen anderen Bezug dazu, wenn man hört, wie Zeitzeugen darüber berichten“, betonten Direktor Timm Emser und Geschichtslehrerin Ruth Finken, die den alten Herrn, der 2020 für sein Engagement das Bundesverdienstkreuz am Bande erhielt, nach Bad Segeberg eingeladen hatten.

Mit sechs Jahren wurde der in Lodz geborene Szarf zusammen mit seiner wohlhabenden und gebildeten Familie ins dortige Ghetto verschleppt, wo alle kräftigen Juden Zwangsarbeit leisten mussten. Die Schwächeren, wie zwei seiner Onkel, wurden in Konzentrationslager deportiert und ermordet.

Zwangsarbeiter einfach aus dem Auto erschossen

„Als mich einmal meine Mama auf einen Tisch setzte, um mir die Schuhe zuzubinden, stürmten Männer in unser Wohnzimmer, packten mich und schleuderten mich gegen eine Wand. Das war mein erstes Erlebnis mit den Nazis. Danach raubten sie unsere Wertsachen.“ Szarf berichtete von dem immer alkoholisierten Gauleiter Hans Biebow, der sich jeden Morgen spazieren fahren ließ und Spaß daran hatte, zwei bis drei Zwangsarbeiter aus dem Autofenster heraus zu erschießen.

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Für diesen Mann arbeitete Szarfs Tante dank ihrer guten Deutsch- und Polnisch-Kenntnisse als Sekretärin und konnte so dem kleinen Jurek das Leben retten. Biebow hatte im Alkoholrausch die Lebensbescheinigung unterzeichnet – und der Junge kam nicht gleich nach Auschwitz oder Treblinka.

Tante rettete Jurek Szarf zweimal das Leben

Als er elf war, wurde die Familie in einem überfüllten Eisenbahnwaggon ins KZ Ravensbrück gebracht; und erneut rettete die Tante, deren Foto aus der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem Jurek Szarf in der Aula zeigte, sein Leben, indem sie die Nazis glauben ließ, dass er ihr Sohn sei, der in diesem Alter schon als Tütenkleber arbeiten konnte. „Für diese Zwangsarbeit bekomme ich jetzt 270 Euro Rente“, kommentierte der 88-Jährige ironisch.

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Ins Lager Königs Wusterhausen kam er in einem Waggon zwischen aufgestapelten Leichen. Seine kranke Tante wurde aus dem fahrenden Zug geworfen und seine Mutter verhungerte. Man warf sie in ein Massengrab, aus dem sie nach dem Krieg exhumiert wurde, um in Berlin-Weißensee auf dem jüdischen Friedhof beerdigt zu werden.

Kurz vor der Erschießung befreit

Im letzten Moment vor der drohenden Erschießung wurde Jurek Szarf 1945 zusammen mit seinem Vater im KZ Sachsenhausen von russischen Soldaten befreit. Mit von Läusen zerfressenen Beinen wurde er mit 60 Überlebenden nach Berlin gebracht, um wieder zu Kräften zu kommen. Er ernährte sich ein ganzes Jahr lang von Pellkartoffeln und Margarine, denn richtiges Essen behielt er nicht bei sich. „Wenn man mich nach meinem Namen fragte, antwortete ich Drecksjude oder Saujude, die Ausdrücke, die ich immer zu hören bekommen hatte.“

Jurek Szarf zeigt ein Foto seiner Tante, die ihm zweimal das Leben rettete

Jurek Szarf zeigt ein Foto seiner Tante, die ihm zweimal das Leben rettete

Mit 13 Jahren sei er in der Schule in eine 1. Klasse gekommen. „Da wurde ich ausgelacht und blieb nur zwei Tage. Als dann mein Vater starb, war ich mit 16 Vollwaise und wanderte mit 18 aus nach New York, wie es viele Juden taten.“ Eigentlich habe er Broker werden wollen, hatte aber kein Geld für die Ausbildung. „So arbeitete ich für einen Schmuckhändler und später als Importeur von Zuchtperlen aus Japan.“

Schülerinnen und Schüler berührt und gefesselt

Viele Schülerinnen und Schüler waren berührt und gefesselt von seinem Bericht und stellten Fragen; etwa, wo es ihm am besten gefallen habe – in Amerika oder jetzt in Deutschland. Da erzählt er voller Stolz von seiner Enkelin, die hier den „Bachelor“ geschafft habe. Deshalb gehe ich nicht weg von Deutschland. Seine deutsche Frau sei vor zehn Jahren gestorben. „Amerika gefiel mir aber sehr gut.“

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Auf die Frage, ob er Angsttraumata habe, meinte er, dass die Vorträge in den Schulen ihn davon befreit hätten. Er hat ein Buch über sein Leben geschrieben, das jetzt erst wieder neu aufgelegt werden soll. „Den Erlös davon habe ich für die Steine im Stockelsdorfer jüdischen alten Friedhof gespendet. Denn „Blutgeld“ würde er nicht behalten.

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