Vortrag im Kreis-Umweltausschuss

Nichts ist ausgeschlossen: Atommüll-Endlager in Bad Bramstedt?

Mögliche Lagerstätten von Atommüll: Der Salzstock Bad Bramstedt ist eine Option.

Mögliche Lagerstätten von Atommüll: Der Salzstock Bad Bramstedt ist eine Option.

Bad Bramstedt. „Das ist gruselig“, sagt Arne Hansen. Kreistagsmitglied der Grünen und Vorsitzender des Umweltausschusses im Kreis Segeberg: „Atommüll strahlt Millionen Jahre. Das Problem wurde immer verdrängt.“ Besonders beunruhigend sei es, dass dieses Problem nun auch den Kreis Segeberg betreffen könnte. Denn bei der Suche nach passenden, also sicheren Endlagern, spielen auch Teile des Kreises eine Rolle. Unter anderem Bad Bramstedt und Umgebung.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Zwei Vorträge hörten sich die Ausschussmitglieder an; den einen hielt Steffen Kanitz, Geschäftsführer der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE), den anderen Sabine Rosenbaum von der Abteilung Geologie und Boden im Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR). In beiden Vorträgen wurde erklärt, wie die Suche für die 1800 Castoren (Behälter zur Lagerung und zum Transport radioaktiven Materials) verläuft und welche Voraussetzungen der Boden und die Fläche für eine Endlagerung haben müssen, wie beschaffen, wie groß, wie tief und wie weit. „Das Wo, also was oben drüber liegt, das interessiert die Geologen nicht“, sagt Hansen.

Salz und Ton sind besonders gut geeignet

Die gute Nachricht: Die Kreisstadt Bad Segeberg ist vermutlich aus dem Rennen. Der Salzstock, der unter der Stadt liegt, sei nicht tief genug, erläuterten die Experten. Doch gerade Steinsalz sei eine gute Lösung für die Endlagerung. Und Ton. „Härtere Gebirgsgesteine kommen nicht in Frage“, hat Hansen aus den Vorträgen gelernt. Passendes Steinsalz in ausreichender Tiefe gibt es aber in, beziehungsweise unter Bad Bramstedt.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Der Salzstock, der unter der Stadt beginnt und sich bis zur Nordsee zieht, sei noch im Rennen, da hier die Mindestanforderungen erfüllt werden, erklärte Sabine Rosenbaum. Die BGE bewertet das Gebiet jedenfalls in acht von elf Kriterien als „günstig“. Dass aber nun ausgerechnet direkt unter Bad Bramstedt ein Endlager entstehen wird, davon sei wohl nicht auszugehen – auch wenn der Salzstock nach der Stadt benannt ist. Die besondere Herausforderung sei es, so Rosenbaum, ein Lager zu finden, das eine Million Jahre hält. Denn so lange gehe man von einer Strahlung des Mülls aus. „Eine Million Jahre ist für Geologen aber nicht viel. Der Salzstock Bad Bramstedt ist zum Beispiel 250 Millionen Jahre alt“, informiert Rosenbaum.

Gilbert Sieckmann-Joucken (Grüne) und Jan-Uwe Schadendorf (SPD) am Brunnen, der zum Salzstock führt. Der liegt direkt vor dem Schlachthof von Vion. Von hier aus wurde seit den 70er-Jahren Salzsole ins Kurgebiet transportiert.

Gilbert Sieckmann-Joucken (Grüne) und Jan-Uwe Schadendorf (SPD) am Brunnen, der zum Salzstock führt. Der liegt direkt vor dem Schlachthof von Vion. Von hier aus wurde seit den 70er-Jahren Salzsole ins Kurgebiet transportiert.

Grünen-Sprecher sieht keine Gefahr für die Stadt

In Schleswig-Holstein kommen 15 Teilgebiete in 15 Landkreisen und kreisfreien Städten bei der Suche in Frage. Das sind insgesamt 17670 Quadratkilometer. In drei Teilgebieten befindet sich Tongestein, in vier Steinsalz in flacher Lagerung und in acht Steinsalz in steiler Lagerung. Salz und Ton seien besonders gut geeignet, den radioaktiven Müll zu lagern, da die Gesteine stark wasserundurchlässig sind, erklärt Geologin Sabine Rosenbaum. Und: In Salzstöcken werde weniger Platz benötigt als in Ton, da Ton temperaturempfindlicher ist. "Da brauchen die Behälter, die ja Wärme ausstrahlen, mehr Raum", sagt Rosenbaum. Im Salzstock wird demnach eine fünf Quadratkilometer große Fläche gesucht, im Ton die doppelte Fläche.

Suche soll in zehn Jahren beendet sein

Gesucht wird außerdem in 300 bis 1500 Metern Tiefe. „300 Meter sind eigentlich zu wenig. Es wird ja ein Lager gesucht, das eine Million Jahre sicher ist. Da rechnet man mit zehn Eiszeiten. Und da werden 300 Meter Boden abgehobelt sein“, sagt Gilbert Sieckmann-Joucken, Fraktionssprecher der Grünen in Bad Bramstedt. „Die Gefahr, dass Bad Bramstedt selbst ein Endlager bekommt, ist nicht gegeben“, meint er: „Und wenn es so wäre, müssten wir es akzeptieren“, so der Grünensprecher.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Allerdings habe die Suche gerade erst begonnen, so Rosenbaum. Man rechne damit, dass in zehn Jahren ein endgültiges Lager gefunden sein wird. Länger sollte es laut Rosenbaum nicht dauern: „Wir wollen ja nicht ewig ein Zwischenlager haben.“ Bad Bramstedt befinde sich derweil in „guter Gesellschaft“: Insgesamt sind 54 Prozent der Teilflächen in ganz Deutschland noch nicht als Endmülllager ausgeschlossen worden – in Schleswig-Holstein sogar 70 Prozent.

Salzsole hatte in Bad Bramstedt lange Tradition

Ursprünglich brachte das Salz der Stadt Bad Bramstedt den Heilbad-Titel ein – und nicht das Moor, wie viele glauben. Mit „Toter als das tote Meer“ titelte die Zeitung damals über die Solebäder in der Kurstadt. Daran erinnert sich Hobby-Historiker Jan-Uwe Schadendorf noch. Denn tatsächlich hatte Bad Bramstedt – vor allem die Rheumaklinik – von dem unterirdischen Salzstock viele Jahre lang profitiert. „1976/77 wurde eine Quelle im Salzstock aufgebohrt. In 54 Metern Tiefe stieß man auf 23-prozentige Sole“, berichtet Schadendorf. Sole ist stark salzhaltiges Wasser. Die 23 Prozent Salzanteil in der Bramstedter Sole sind extrem hoch. Normal sind Werte zwischen 1,5 und 6 Prozent.

Das "Haus am Teich" 1981. Dort wurde von der Rheumaklinik im Solebad vor allem Wassergymnastik angeboten. Das Haus steht heute nicht mehr - den Teich gibt es noch.

Das "Haus am Teich" 1981. Dort wurde von der Rheumaklinik im Solebad vor allem Wassergymnastik angeboten. Das Haus steht heute nicht mehr - den Teich gibt es noch.

Der Bohrbrunnen liegt übrigens direkt vor dem Haupteingang des Rinderschlachthofs Vion im Gewerbegebiet. Von dort aus wurde die Sole über ein heute noch bestehendes Leitungssystem in den Kurpark transportiert. Dort konnten Kurgäste, beziehungsweise Rheumapatienten, dann im mittlerweile abgerissenen „Haus am Teich“ und direkt in der Klink Solebäder nehmen. Die Sole-Förderung stoppte dann etwa 2010, weil einerseits die Technik in die Jahre gekommen war – und andere medizinische Maßnahmen die Salzbäder verdrängten.

„Es war damals mal im Gespräch, dass die Stadt das Haus am Teich als Hallenbad übernimmt“, erinnert sich Schadendorf. Doch dafür hätte viel in die veraltete Technik investiert werden müssen. „Aber zwischen 2000 und 2010 hatte der städtische Haushalt schon genug Probleme“, sagt Schadendorf. Und so wurde der Sole-Brunnen still gelegt.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Vor zwei Jahren hatten die Stadtverordneten allerdings einen Prüfantrag der Leitungssysteme beschlossen, um den Heilbad-Titel doch noch behalten zu können. Doch geprüft wurde bis heute nichts. "Vielleicht wäre das eine schöne Idee. Die Roland Oase würde sich über ein Sole-Bad sicherlich freuen", sagt Schadendorf.

Mehr aus Segeberg

 
 
 
 
 
Anzeige
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Verwandte Themen

Letzte Meldungen