Krieg in der Ukraine

Von Kaltenkirchen in die Ukraine: Bereitschaft zu helfen übertrifft alle Erwartungen

Florian Gottschalk (links) koordiniert mit seinem Team Annahme, Erfassung und Transport der medizinischen Sachspenden in der Annahmestelle Kaltenkirchen. Ein Arzt aus Lübeck hat beispielsweise Geräte im Wert von mehreren hunderttausend Euro gespendet. „Es ist der Wahnsinn“, sagt Gottschalk. Jan Drewes (rechts) von Famila zeigt einen Karton mit Verbandsmaterial, der gespendet wurde.

Florian Gottschalk (links) koordiniert mit seinem Team Annahme, Erfassung und Transport der medizinischen Sachspenden in der Annahmestelle Kaltenkirchen. Ein Arzt aus Lübeck hat beispielsweise Geräte im Wert von mehreren hunderttausend Euro gespendet. „Es ist der Wahnsinn“, sagt Gottschalk. Jan Drewes (rechts) von Famila zeigt einen Karton mit Verbandsmaterial, der gespendet wurde.

Kaltenkirchen. Es ist etwas hektisch am Dienstagvormittag. Überall klingelt ein Smartphone, das Laptop piept, an der Eingangstür stehen dauernd Menschen und wollen etwas abgeben, überall wuselt es in den Hallen am Ohlandpark. Das ist aber nicht nur an diesem Tag so, sondern durchweg die ganze Woche. Im leerstehenden Aldi-Markt werden seit einer Woche medizinische Sachspenden angenommen. Und der Andrang ist enorm. Das erzählen Florian Gottschalk und Andreas Moll vom Lentföhrdener Unternehmen MedX Project.

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Die beiden Männer und ihr Team koordinieren die Spendenaktion zusammen mit dem Verein Ukrainische Ärztevereinigung in Deutschland. Die Henstedt-Ulzburger Ärztin Dr. Oksana Ulan ist Vorstandsmitglied. Am Tag bringen mindestens zwei, wenn es passt sogar drei Lastwagen die Sachspenden ins ukrainische Kriegsgebiet.

Täglich Spenden abgeben

Die Annahmestelle im Ohlandpark am Kisdorfer Weg ist montags bis donnerstags von 9.30 bis 17 Uhr, freitags von 9.30 bis 20.30 Uhr, sonnabends von 10 bis 16 Uhr und sonntags von 11 bis 15 Uhr geöffnet. Sie wird organisiert durch die Ukrainische Ärztevereinigung in Deutschland und dort von der Henstedt-Ulzburger Ärztin Dr. Oksana Ulan, in Kooperation mit MedX Project aus Lentföhrden, Famila und der Stadt Kaltenkirchen.

Wo es jeweils hingeht, weiß Florian Gottschalk. Jeden Tag studiert er die Lageeinschätzung verschiedener Organisationen wie der OSZE und des UNHCR sowie der ukrainischen Botschaft. „Es sind verschiedene Hubs an der Grenze zwischen Polen und der Ukraine aufgebaut worden“, erklärt Gottschalk. Ein Hub ist eine Lager- und Umschlagstelle, in diesem Fall für die Medizinprodukte, die in Kaltenkirchen abgegeben werden. Die ukrainischen Ortskräfte würden am besten wissen, wo Verbandsmaterial, Medikamente und die medizinischen Geräte gebraucht werden. In Polen gibt es vier Logistiklager, in der Ukraine ebenfalls vier. Über sogenannte grüne Korridore können die Sachen unbeschadet direkt in die Kriegsgebiete gebracht werden.

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Gottschalk blickt auf mehrere Landkarten der Ukraine, die in dem provisorischen Büro an der Wand hängen, und zeigt, wo die Spenden hingehen. Jeden Tag gibt es neue Informationen, so die, dass mittlerweile keine Spendentransporte mehr, die nicht mit einer Hilfsorganisation oder den ukrainischen Behörden abgesprochen wurden, durch Polen gelassen werden. Hatten in den ersten Tagen nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine noch viele Menschen spontan ihre Wagen mit Hilfsgütern voll gepackt und waren an die ukrainische Grenze gefahren, ist dies nun nicht mehr möglich. Alles ist – auch durch das Eingreifen der UN – deutlich professioneller geworden, berichtet Florian Gottschalk.

Er selbst ist mit dem Technischen Hilfswerk (THW) in etlichen Krisengebieten der Welt gewesen und kennt Abläufe und Organisationen, die in solchen Situationen greifen. Er hat, sagt er von sich selbst, eine professionelle Einstellung zur Lage. Dennoch: "Wenn ich abends nach Hause komme, kommt das doch auch mal hoch", gibt Gottschalk zu. Dass es so hervorragend klappe in Kaltenkirchen sei ein großes Glück, der Anlass ein Unglück.

Medizintechniker überprüfen jedes elektrisches Gerät vor dem Transport

Die Hallen des ehemaligen Aldi-Marktes im Ohlandpark sind gefüllt mit vielen Sachspenden, die vor allem für die Behandlung von kranken und verletzten Menschen wichtig sind. „Ein Arzt aus Lübeck hat uns ausrangierte Geräte gebracht“, sagt Gottschalk. Sie haben einen Wert von mehreren hunderttausend Euro. Er zeigt auf einen Extraraum. „Dort werden alle elektrischen Geräte von Medizintechnikern durchgeguckt und überprüft.“ Von Kaltenkirchen aus werden ausschließlich funktionierende Medizingeräte in die Ukraine gebracht. Die Spende des Arztes ist kein Einzelfall. So geben auch Krankenhäuser ältere Geräte ab, beispielsweise gab es von der Lungenklinik Borstel eine große Sachspende. Sogar aus Dortmund kamen Medikamente an.

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Die Haupthalle der Annahmestelle ist zur einen Hälfte mit Kartons vollgestellt. Das sind, so die Helfer, gerade abgegebene Spenden. Sie werden alle durchgesehen und in Einkaufswagen sortiert. Von dort gehen sie sortenrein auf Paletten. Finn Florian Gottschalk, der gerade sein Schülerpraktikum in der Spendenstelle absolviert, stellt für jede Palette eine Inventarliste zusammen. Die geht zusammen mit den Spenden an den Lkw-Fahrer. So hat man jederzeit einen Überblick, was sich auf dem Lastwagen befindet.

Leo Club Alsterquelle spendet Tankfüllung für Hilfstransport

Lebensmittel werden in Kaltenkirchen nicht mehr angenommen, aber weiterhin Medizinbedarf sowie Schlafsäcke, Taschenlampen, Powerbanks und Batterien. Besonders dankbar sind die Helfer über den spontanen Besuch von Carl und Paul Richter. Die beiden jungen Männer gehören zum Leo Club Alsterquelle. Die Mitglieder des Serviceclubs haben entschieden, 500 Euro zu spenden. „Das ist für das Tanken der Lastwagen gedacht“, erklärt Paul Richter. Er und sein Bruder sowie die anderen jungen Löwen vermuten, dass an das Tanken wenig gedacht werde. „Wie sollen die ganzen Spenden in die Ukraine kommen, wenn der Tank leer ist?“

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Gleich soll wieder ein Lastwagen vorfahren und beladen werden. Die Brummifahrer sind in Deutschland gestrandete Lkw-Fahrer aus der Ukraine, erzählt Andreas Moll. Sie sind nun als Spendenfahrer unterwegs und müssen deshalb nicht mit an die Front und mit der Waffe ihr Land verteidigen. Einige haben auch eine noch andere Nationalität. Sie brauchen etwa 17 Stunden reine Fahrzeit, um an ihr Ziel zu kommen. Dort werden die 33 Paletten abgeladen und es geht zurück nach Kaltenkirchen.

Ein Dankeschön auch an Famila in Kaltenkirchen

Bei dem ganzen Trubel bleibt für die Helfer kaum Zeit, um durchzupusten. Alle stehen, das merkt man schnell, unter Volldampf. Lohnt sich der Einsatz? „Wir bekommen oft ein Feedback aus der Ukraine“, sagt Florian Gottschalk. „Die Menschen sagen, was sie am dringendsten brauchen und im gleichen Atemzug kommt ein herzliches Dankeschön.“ Das sei, so sein Kollege Andreas Moll, alles nicht mit Worten zu beschreiben.

Große Dankbarkeit gibt es auch gegenüber dem Unternehmen Famila, das die Hallen im Ohlandpark zur Verfügung stellt. In Kürze soll sogar die Impfstelle, die jetzt noch mit in der Spendenhalle untergebracht ist, innerhalb des Ohlandparks umziehen. Der Platz werde für die Spenden gebraucht.

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