Romantikern ans Herz gelegt

Unglaublich viel Zärtlichkeit – Cooper Raiff erweist sich mit „Cha Cha Real Smooth“ als Meister der Liebesdramedy

Der Ritter und seine angebetete Dame: Andrew (Cooper Raiff) hat Domino (Dakota Johnson) aus einer hochnotpeinlichen Situation geholfen. Eine Szene aus Raiffs Film „Cha Cha Real Smooth“.

Dass es Andrew ernst ist mit der Liebe, zeigt er schon als Zwölfjähriger. Das Lächeln, das ihm die blonde Partystarterin schenkt, ist entwaffnend. Als er sie im Treppenhaus bei einem offenbar unangenehmen Telefonat belauscht, ist sein Beschützerinstinkt geweckt. „Ich weiß, dass sie erwachsen ist, aber ich denke, sie liebt mich auch“, eröffnet er seiner allzeit loyalen Mutter. Und so macht er der Frau einen Antrag, den diese – einfühlsam – ablehnt. Auf der Heimfahrt krabbelt Mama auf den Rücksitz um ihrem untröstlichen Filius zu helfen, den Korb zu tragen.

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„Cha Cha Real Smooth“ ist der zweite Film von Regisseur und Autor Cooper Raiff, in dem er neuerlich die Hauptrolle übernimmt. „Shithouse“ erzählte 2020 die Geschichte des einsamen Studenten Alex, der sich auf einer Campusparty, der sich der explizite Filmtitel verdankt, in die wilde Maggie (Dylan Gelula) verliebte und mit ihr durch das nächtliche Los Angeles lief. Der Zweitling, für den Raiff mit dem Publikumspreis beim Sundance-Festival gekürt wurde, erzählt von dem Studenten Andrew, der nach absolviertem Studium nur die Liebe im Auge hat und keine Ahnung, was er sonst mit seinem Leben anfangen soll.

Die Freundin verabschiedet sich mit einer Träne von Andrew

Nach Barcelona will Andrew – der Freundin hinterherreisen. Eine Träne zu Beginn des Films verrät, dass die Liebste ihre Reise wie einen Abschied nimmt. Andrew ist zu verliebt, das zu bemerken. Er zieht erst mal wieder zu Hause bei Mom, dem viel jüngeren Bruder David (Evan Assante) und dem miesepetrigen Stiefvater Greg (Brad Garrett) ein. Er arbeitet in einer Burgerbude, selbstverständlich nur so lange, bis er das nötige Geld für Spanien zusammenhat.

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Und entdeckt bei einer Bar-Mitzwa, dass er das Talent besitzt, von unfähigen DJs in die Rossbreiten der Tristesse gesegelte Partys flottzumachen. Ein paar Worte und Aktiönchen und schon geht die Gesellschaft zu „Funkytown“ geschlossen in den Groove. Auch Lola (Vanessa Burghardt), die autistische Tochter der aparten Domino (Dakota Johnson), kriegt Andrew (mit einem hübschen „Ehrlichkeits“-Trick) auf die Tanzfläche.

Ähnliche Szenen gibt es zuhauf in der Geschichte amerikanischer Filmkomödien – meist sind sie künstlich aufgeblasen, schrill und völlig unkomisch. Diese Szene aber ist so zart, dass man sich an Richard Linklaters „Before“-Filme mit Ethan Hawke und Julie Delpy erinnert fühlt. Sie kommt einem wirklich vor.

Ritter Andrew steht Lola und Domino heldenhaft zur Seite

Wieder ist es der Beschützerinstinkt, diesmal das Lästern einiger Frauen über Dominos Vergangenheit, der den angehenden Partystarter Andrew entzündet. Als auf der nächsten Reifefeier ein Junge Lola mobbt und Domino auf der Damentoilette in die peinlichstmögliche aller Situationen gerät (eine tieftragische obendrein), erweist Andrew sich gleich zweifach als Ritter und Galan.

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Heimfahrt von einer eskalierten Bar-Mitzwa: Andrew (Cooper Raiff, Mitte) mit seiner Mutter (v. l. Leslie Mann), Bruder David (Evan Assante) und Stiefvater Greg (Brad Garrett). Szene aus dem Film „Cha Cha Real Smooth“ bei Apple TV+.

Heimfahrt von einer eskalierten Bar-Mitzwa: Andrew (Cooper Raiff, Mitte) mit seiner Mutter (v. l. Leslie Mann), Bruder David (Evan Assante) und Stiefvater Greg (Brad Garrett). Szene aus dem Film „Cha Cha Real Smooth“ bei Apple TV+.

Der unbekümmerte Tweener ist, noch ohne es recht zu wissen, verliebt in die Geheimnisse hinter Dominos (der Name klingt nach einem James-Bond-Film) wehmütig-wunderschönen Lächeln. Sie fällt, er hebt sie auf, sie will mit ihm schlafen, er will das aufsparen für einen ebenbürtigeren Moment, sie ist verlobt mit dem Anwalt Joseph (Raúl Castillo), der in Chicago arbeitet, er – kein Engel der Monogamie – teilt zuweilen die (quietschende) Matratze mit der einstigen Highschoolprinzessin May (Odeya Rush).

Cooper Raiffs versteht sich darauf, sein Publikum zu rühren

Diese Ambivalenz des Helden nimmt der Geschichte das allzu Märchenhafte. Andrew ist kein Spiegel für sein Umfeld, keine Messlatte. Er hat nur ein gutes Herz. Ob er nun als „Babysitter“ mit Lola Rommé spielt oder David Mut macht, seine heimliche Liebe Margaret (Brookly Ramirez) zu küssen – der Drifter Andrew ist Balsam für sein Umfeld.

Mit der Behutsamkeit seines Erzählens, der Charaktertiefe, die er problemlos auch in Nebenfiguren aushebt, den lebensechten, zuweilen gemurmelten und geflüsterten Dialogen und der wie beiläufig filmenden Kamera erweist sich Cooper Raiff schon mit seinem zweiten Film als Meister der Publikumsrührung. Ein Kuss zwischen Domino und Andrew – und was für ein Kuss das ist! Was für eine Umarmung! Man kann sich in diese Liebe verlieben.

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Cha-Cha-Cha, der Tanz, der ein Flirt in Musik ist, steckt in dieser Zweisamkeit, aber eben „real smoth“ – sehr sanft. So ist auch diese zärtliche Komödie – die humortragenden Momente sind gut getimt und selbst eine Zote unter Verwendung eines Kondoms wird all ihrer Derbheit beraubt. Nie käme Raiff ein Brüller à la „Hangover“ (2009) auf Leinwand respektive Bildschirm.

Wie es ausgeht? Pssst! Andrew hat nur sein Wesen anzubieten, seine Menschenliebe und seine Bereitschaft, das Glück des anderen über alles zu stellen – sein Angebot ist die Geborgenheit eines großen Gefühls. Domino aber strebt nach Sicherheit für ihre Tochter. „Ich will, dass du glücklich bist“, sagt Andrew, was er auch für seine bipolare Mutter will, der er das größte Kompliment macht, das ein Sohn machen kann und für Brüderchen David, der ihn eines morgens glücklich anlacht wie die Sonne auf einem Kinderbild.

Als Zuschauerin und Zuschauer ist man jedenfalls immer auf Andrews Seite und sehr bald auf der dieses durchaus möglichen Paares. Und weiß doch, dass Liebesfilme ohne Erfüllung diejenigen sind, die man (nach der ersten Enttäuschung) nie mehr vergisst. Aber auch – falls das nichts werden sollte mit Andrew und Domino – dass ein Ende im Film keins für immer ist. Damit kann man sich immer trösten seit Jesse und Celine in Linklaters „Before“-Filmen ihre zweite und dritte Chance bekamen.

„Cha Cha Real Smooth“, Film, 108 Minuten, Buch und Regie: Cooper Raiff, mit Cooper Raiff, Dakota Johnson, Vanessa Burghardt, Leslie Mann, Evan Assante (ab 17. Juni bei Apple TV+)

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