Nüchterne Bilanz nach 20 Jahren

Das Ende von „DSDS“: eine Sendung (fast) ohne Superstars

Dieter Bohlen kehrt für die letzte Staffel „Deutschland sucht den Superstar“ zurück.

Dieter Bohlen kehrt für die letzte Staffel „Deutschland sucht den Superstar“ zurück.

Köln. Zugegeben, man kann nicht behaupten, dass „DSDS“ in den vergangenen 20 Jahren keine prominenten Gesichter hervorgebracht hätte. Der schusselige Pietro Lombardi tingelt auch heute noch verlässlich durch die Privatsenderformate, genau wie seine Ex-Frau Sarah Engels. Menowin Fröhlich und Annemarie Eilfeld sind gern gesehene Gäste in allen möglichen Trashsendungen. Und Prince Damian wurde immerhin im Jahr 2020 Dschungelkönig. Vom Status eines „Superstars“ mit erfolgreicher Musikkarriere sind die genannten Kandidatinnen und Kandidaten aber weit entfernt.

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Blickt man auf die Gesamtheit der Siegerinnen und Sieger der RTL-Show „Deutschland sucht den Superstar“, ist die Bilanz noch ernüchternder. Von insgesamt 18 „Superstars“ der vergangenen 20 Jahre schafften allenfalls eine Handvoll, sich langfristig in der Musikszene zu behaupten. Elli Erl, Tobias Regner, Thomas Godoj, Daniel Schuhmacher – sie alle verschwanden schnell wieder von der Bildfläche. Von Namen wie Mehrzad Marashi, Aneta Sablik, Severino Seeger und Marie Wegener dürften die allermeisten wahrscheinlich nie etwas gehört haben.

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Ausnahmen bilden Sänger wie etwa der erste Sieger Alexander Klaws, der Musicaldarsteller wurde und in diesem Jahr in der herrlich peinlichen RTL-Ostershow „Die Passion“ den Jesus mimen durfte. Oder Beatrice Egli, die es schaffte, sich vom „DSDS“-Kosmos loszulösen und Karriere als Schlagersängerin ohne die Hilfe Dieter Bohlens zu machen. Luca Hänni immerhin ist heute noch gelegentlich im Fernsehen zu sehen und trat 2019 für die Schweiz als ESC-Kandidat an.

Wincent Weiss wird Superstar – ohne „DSDS“

Besonders bitter für die Macherinnen und Macher der Show: Ausgerechnet Kandidatinnen und Kandidaten, die innerhalb der Castingsendung gar keine Chance hatten, sind heute tatsächlich Stars.

Erfolgreich auch ohne "DSDS"-Sieg: Der Musiker Wincent Weiss.

Erfolgreich auch ohne "DSDS"-Sieg: Der Musiker Wincent Weiss.

Zu nennen wäre allen voran Wincent Weiss, der heute riesige Konzerthallen füllt. Weiss hatte im Jahr 2013 an der zehnten Staffel der RTL-Show teilgenommen, schaffte es aber gerade mal unter die letzten 29 – bis er schließlich von Bohlen und seiner Jury nach Hause geschickt wurde.

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All das ist die durchwachsene Bilanz einer Castingshow, die seit 20 Jahren „Superstars“ sucht, aber nur selten welche findet. Ärgern dürfte das die Köpfe hinter dem Format wohl nicht. Denn tatsächlich ging es bei „DSDS“ nie um Musik oder um den Aufbau erfolgreicher Karrieren.

Kandidaten werden gedemütigt

Der große Hype um die Sendung beginnt im Herbst 2002. Es ist die große Zeit der abendfüllenden Reality- und Castingshows im Privatfernsehen: Die Containershow „Big Brother“ hat ihren großen Boom gerade hinter sich, die Castingdoku „Popstars“ hat soeben mit den No Angels die erfolgreichste deutsche Girlband auf die Bühne gebracht. Die Leute vor dem Fernseher wollen echte Menschen sehen – und RTL liefert genau das.

Bei „Deutschland sucht den Superstar“ setzt der Sender auf altbekannte Erfolgsformeln der Vorgängerformate, etwa auf offene Castings mit jeder Menge Peinlichkeitspotenzial. Statt eines voraufgezeichneten Dokuformats wie bei „Popstars“ veranstaltet man später große Liveshows, die einen riesigen Hype auslösen. Und um den Unterhaltungsfaktor noch weiter zu steigern, stellt der Sender Dieter Bohlen als Jurymitglied ein. Er macht die Castingshow fieser, extremer und fragwürdiger als alle bislang ausgestrahlten Formate.

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Ein wiederkehrendes Element der Sendung: Eine Kandidatin oder ein Kandidat präsentiert äußerst schief singend seine Kunst, dann werden lustige Geräusche oder Bildeffekte eingeblendet – und am Ende beleidigt Bohlen sie oder ihn noch einmal unterhalb jeder Gürtellinie. Andere werden vor laufender Kamera vorgeführt und der Lächerlichkeit preisgegeben. Die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) rügt die Sendung: Gezeigt werde ein „herabwürdigendes Verhalten der Jury“ und eine „redaktionelle Gestaltung der Sendung, die die Kandidaten gezielt lächerlich macht und dem Spott eines Millionenpublikums aussetzt“.

Sexistische Bohlen-Sprüche

Nicht selten sind Bohlens „Kultsprüche“, wie sie zu dieser Zeit häufig genannt werden, hochgradig sexistisch. „Du hast ein göttliches Problem: Der liebe Gott gibt einigen Frauen dicke Möpse, anderen eine schlechte Stimme. Und dir hat er nun mal eine schlechte Stimme gegeben“ lautet einer dieser Sprüche, die ungeschnitten auf Sendung gehen. „In so einem Outfit geht meine Freundin Unkraut jäten“ ein anderer.

Es sollten nicht die einzigen Skandale der Castingshow bleiben: Im Jahr 2018 lässt RTL einen psychisch kranken Mann in der Sendung antreten – zur Belustigung der Zuschauerinnen und Zuschauer. Gleich zweimal befördert der Sender fragwürdige Prominente zu Jurymitgliedern. Zum einen den Sänger Xavier Naidoo, der schließlich im März 2020 wegen des Verbreitens fragwürdiger Verschwörungsideologien aus der Sendung geworfen wird. Zum anderen den Schlagersänger Michael Wendler, der ein Jahr später wegen eines ähnlichen Vergehens aus der Sendung herausgeschnitten werden muss.

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Nicht wegzudenken hingegen ist Dieter Bohlen. Neben strittigen Sprüchen darf der selbst ernannte „Poptitan“ auch häufig die Songs der Siegerinnen und Sieger schreiben und produzieren. Heraus kommen lyrisch wertvolle Textzeilen wie „Don’t believe oh what they tell about me, / don’t believe, it’s only mystery“ (Mehrzad Marashi – „Don’t Believe“). Musiker Howard Carpendale echauffiert sich 2009 in einem Interview über die Werke Bohlens mit folgenden Worten: Der Kollege „schreibt englische Texte, die unvorstellbar sind, die sind grammatikalisch falsch, alles daran ist falsch“.

Der Erfolg hält nur kurz

Hits werden die Billigsongs aber trotzdem – zumindest kurzzeitig. Alexander Klaws verkauft nach dem „DSDS“-Sieg 3,2 Millionen Tonträger, viele weitere Siegersongs landen auf Platz eins oder mindestens in den Top Ten der deutschen Charts. In den 2010er-Jahren springt „Deutschland sucht den Superstar“ auf den Schlagerhype auf – fortan veröffentlichen viele Siegerinnen und Sieger erfolgreiche Songs aus diesem Genre.

Die Sängerinnen und Sänger werden groß in allen möglichen RTL-Sendungen gepusht, geben Interviews und werden in Home-Storys begleitet. Das RTL-Logo prangt auf ihren CDs – der Sender verdient am Hype um die neuen Stars gut mit.

Das Problem: Lange läuft das Geschäft nur selten. Für die meisten „DSDS“-Siegerinnen und ‑Sieger endet der Hype schon nach wenigen Monaten – und spätestens nach dem ersten oder zweiten Bohlen-Album.

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Songs floppen

Immerhin Mark Medlock ist einige Jahre erfolgreich – er und Bohlen etablieren sich als Kultduo. 2011 geben beide schließlich die Trennung bekannt, damit endet auch die bis dato erfolgreiche Karriere des Sängers. Einige Schlagersänger, etwa Ramon Roselly oder Davin Herbrüggen, veröffentlichen zumindest in der Nische noch regelmäßig Songs – die ganz großen Erfolge bleiben aber auch hier aus.

Herbrüggens „DSDS“-Siegersong „The River“ hat auf Spotify rund acht Millionen Streams. Der Song „Je t’aime“ aus dem aktuellen Album „Aus meiner Seele“ kommt gerade mal auf 18.000. Ein eigentlich geplantes Album des vorletzten „DSDS“-Siegers Jan-Marten Block ist bis heute nicht einmal erschienen.

Auch die Zuschauerinnen und Zuschauer scheint die musikalische Karriere der „DSDS“-Stars nicht wirklich zu interessieren. Nach den fiesen Castingepisoden zu Beginn jeder Staffel purzeln verlässlich mit Beginn der Liveshows die Quoten – die Musik scheint gar nicht wichtig zu sein. Das Medienmagazin „DWDL.de“ analysiert schon 2007: In der Phase der Castingshows „gleicht ‚Deutschland sucht den Superstar‘ inzwischen (…) eher einer Comedyshow als einem Musikwettbewerb. Je näher der rückte, desto schwächer wurden allerdings die Quoten.“

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Beatrice Egli: Karriere ohne Bohlen

Eine große Ausnahme bleibt „DSDS“-Siegerin Beatrice Egli – vermutlich auch deshalb, weil sie sich schnell von Bohlen und dem „DSDS“-Kosmos emanzipiert.

Die heute 34-Jährige geht nach zwei Studioalben mit dem selbst ernannten „Poptitan“ ab 2014 eigene Wege. Grund für die Trennung ist offenbar auch das Verhalten des Produzenten.

Löste sich von Bohlen: Beatrice Egli.

Löste sich von Bohlen: Beatrice Egli.

„Was viele damals nicht gesehen haben, war, dass Dieter zu mir meinte: Du musst abnehmen, du musst ins Solarium gehen, und du kannst nicht nur Schlager singen“, so Egli gegenüber der Zeitschrift „Closer“. „Und außerdem hat er mir gesagt, ich müsse unbedingt Englisch singen.“ Nur so könne sie in der Musikbranche wirklich erfolgreich werden und Karriere machen.

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Kurzer Hype statt lange Förderung

All das spricht nicht gerade für die Expertise des vermeintlichen „Pop-Titans“. Und es spricht auch nicht für die Ernsthaftigkeit des Senders RTL, tatsächlich „Superstars“ schaffen zu wollen. Vielmehr ist DSDS über Jahre hinweg ein verlässlicher Quotenbringer – mit dem Hype und den Hits der Siegerinnen und Sieger lässt sich zusätzlich gutes Geld verdienen, ehe sie wieder fallen gelassen werden.

Daran dürfte sich auch mit der finalen Staffel „DSDS“ nichts ändern. Dann ist Bohlen – nach einer kurzzeitigen Trennung vom Sender RTL – wieder mit dabei, ein letztes Mal. „Wir haben geschafft, was keine andere Musikcastingshow in Deutschland geschafft hat: ‚DSDS‘ gibt es seit 20 Jahren“, so Bohlen im Vorfeld.

Damit könnte er recht haben: Die Sendung „DSDS“ dürfte vielen noch lange im Gedächtnis bleiben – ganz im Gegensatz zu ihren erfolglosen Siegerinnen und Siegern.

 

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