„Wann fahren wir wieder heim?“

„Hart aber fair“-Talk zum Umgang mit Geflüchteten rührte zu Tränen

Deutschlehrerin Oksana Ilchenko schilderte bei "Hart aber fair" von Tränen geschüttelt von ihrer Flucht, vom Krieg in der Ukraine und ihrem Leben bei einer deutschen Gastfamilie.

Deutschlehrerin Oksana Ilchenko schilderte bei "Hart aber fair" von Tränen geschüttelt von ihrer Flucht, vom Krieg in der Ukraine und ihrem Leben bei einer deutschen Gastfamilie.

Schaffen wir das? – Eine Frage, die zweifelsohne auch gut als Titel zur „Hart aber fair“-Sendung vom Montagabend gepasst hätte. Tatsächlich lief der Talk unter der Überschrift: „Geflohen vor Russlands Bomben: Wie gut kann Deutschland helfen?“

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In Frank Plasbergs Runde wurde also einerseits die nach wie vor enorme Hilfsbereitschaft hierzulande gepriesen, andererseits aber auch kontrovers über die dafür nötigen Strukturen und Mittel gestritten. Vor allem sollte es jedoch um das Schicksal Geflüchteter aus der Ukraine gehen. Neueste Erhebungen sprechen von bislang fast vier Millionen Menschen, die seit Kriegsbeginn ihre Heimat verließen. Nach Angaben des Bundesinnenministeriums sind in Deutschland bis dato rund 272.000 Einreisen von Kriegsflüchtlingen aus der Ukraine dokumentiert. Die tatsächliche Zahl der Geflüchteten aus der Ukraine dürfte bei Weitem höher sein.

Deutschlehrerin berichtet von Flucht aus Ukraine

Hunderttausende Schicksale, denen der ARD-Talk ein Gesicht und eine durchaus beeindruckende Stimme gab. Oksana Ilchenko, die ihre Situation teils unter Tränen schilderte, rüttelte auf und prägte die Sendung nachdrücklich. Die Deutschlehrerin ist mit ihrer Tochter und ihrer Mutter aus Kiew geflohen und nach schwierigen Tagen in extrem beengten Verhältnissen in Polen nun bei einer Familie in Deutschland untergekommen, wofür sie überaus dankbar sei. Doch die Situation bleibt ein einziger emotionaler Kraftakt. Die Mutter sei an Corona erkrankt und frage sie jeden Tag: „Wann fahren wir wieder heim?“ Die kleine Tochter erkundige sich hingegen jeden Tag nach ihrem Vater, erklärte die Frau, immer wieder von Tränen geschüttelt.

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+++ Alle Entwicklungen zum Krieg gegen die Ukraine im Liveblog +++

Oksana Ilchenko sagte, sie wolle sich und ihre Familie registrieren lassen, sie habe einen Antrag gestellt, aber erst einen Termin für den 27. April bekommen. Dabei wollte sie eigentlich so bald wie nur möglich wieder nach Hause in die Ukraine, zu ihrem Mann, der für sein Land kämpft. Schluchzend gab sie in hervorragendem Deutsch zu Protokoll: „Meiner Mutter sage ich immer: Schon morgen wird alles besser sein.“ Und man ahnte, wie viel Kraft die letzten Wochen gekostet haben müssen.

Ein Moment der Wahrheit, der noch lange nachwirkt

Gerade weil jedem bewusst ist, dass Oksana Ilchenkos Schicksal für Hunderttausende andere steht, waren ihre Worte so bewegend. Als Frank Plasberg nachfragte, was sie sich von den Deutschen wünsche, antwortete die Deutschlehrerin vielsagend, dass es um die Wahrnehmung der Geschehnisse in der Ukraine geht. Sie habe das Gefühl, dass in Deutschland nicht alles erklärt werde, was in der Ukraine geschieht. Ilchenko sprach von den Bombardements der Russen auf Atomkraftwerke. Stockend konstatierte sie: „Das kann nicht nur das Ende unserer Nation sein, das kann einfach das Ende von Europa sein.“ Worte, die in einer solchen TV-Debatte im Grunde alles relativieren.

Mit den Worten „Wir alle wünschen uns, dass das nicht passiert. Ich wünsche Ihnen, dass Sie Ihre Tochter irgendwann zurück in ein friedliches Land führen können“, beendete Frank Plasberg schließlich das emotionale Gespräch. ARD-Reporterin Isabel Schayani, die Oksana Ilchenko vor drei Wochen in Krakau kennenlernte, stellte treffend fest: Erst „in dem Moment, wo man ihr zuhört“, begreife man die Dimension dieses Krieges, der sonst auf uns wirke, „wie von einem anderen Planeten“. Der Auftritt war zweifellos ein Moment der Wahrheit, der keinen kaltlassen konnte und auch bei vielen Zuschauern und Zuschauerinnen noch länger nachwirken wird. Zumal in der Sendung einmal mehr auch sehr deutlich wurde, dass es beim Thema der Geflüchteten aus der Ukraine bei Weitem mehr Fragen als Antworten gibt.

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Heike Jüngling: „Strukturen und Regeln müssen her“

Heike Jüngling, Sozialdezernentin der Stadt Königswinter in NRW, brachte es auf den Punkt: „Strukturen müssen her, Regeln müssen her. Wir haben einen Monat nach Kriegsausbruch immer noch keine Antworten parat.“ Auf Fragen, die insbesondere alle privat Engagierten umtreiben. Julia Kroß, Unternehmensberaterin aus Hamburg, berichtete in der Sendung davon, dass sie mit ihrem Mann nicht weniger als fünf Flüchtlinge aus vier Familien aus der Ukraine aufgenommen habe. „Ich begegne den Menschen ohne eine Erwartungshaltung, denn sie sind nicht freiwillig gekommen“, erklärte Julia Kroß. Daheim stehe die Welt „seit vier Wochen Kopf“, doch vonseiten der Stadt Hamburg komme bislang wenig. „Da heißt es dann immer: Sie müssen sich gedulden, schauen Sie, was in der Presse steht.“

„Weltspiegel“-Reporterin Isabel Schayani pflichtete dem bei. „Die Leute bekommen ohne Registrierung keine Arbeitserlaubnis, keinen Aufenthaltstitel. Aber da wird die entscheidende Weiche gestellt. Und die müsste von Bundesebene einheitlich geregelt werden“, mahnte sie und wunderte sich über die „Entspanntheit der Bundesinnenministerkonferenz“ in dieser angespannten Lage.

Herrmann: „geordnetere Situation als vor sieben Jahren!“

Ganz so „gechillt“ gehe es in den Behörden jedoch mitnichten zu, beeilte sich CSU-Politiker Joachim Herrmann zu entgegnen. „So viele Menschen aufzunehmen schaffen wir nur, wenn sie gerecht verteilt werden. Dafür braucht es dringend eine Registrierung“, mahnte Bayerns Innenminister im ARD-Talk. Der Chef der Innenministerkonferenz sprach zugleich von einem „unglaublichen Engagement der Mitarbeiter in den Kommunen, den Ländern und beim Bund“. Es seien „die gleichen Leute, die in den letzten zwei Jahren die Corona-Pandemie stemmen mussten“.

Eine Registrierung, so Herrmann, sei auch zum Schutz der Flüchtlinge geboten: „Wir haben über die Gefahr gesprochen, dass da Menschenhändler unterwegs sind, dass es Zwangsprostitution geben könnte. Wenn wir nicht mal wissen, wer und wo, wie sollen wir dann solchen Verdachtsmomenten nachgehen?“ Ansonsten lobte der CSU-Politiker die Leistungen Bayerns und unterstrich: „Wir haben auf jeden Fall eine insgesamt geordnetere Situation als vor sieben Jahren.“

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Luise Amtsberg (B‘90/Grüne), die Beauftragte der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und humanitäre Hilfe, räumte Probleme ein. „Die Zivilgesellschaft und ihr Engagement ist in Notsituationen notwendig. Aber Strukturen gehören in staatliche Verantwortung“, erklärte sie. Aber wie und wann? – Das konnten die Diskutanten am Montagabend bei „Hart aber fair“ ebenso wenig beantworten wie die Frage: „Schaffen wir das?“

RND/Teleschau

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