Komplizin von Jeffrey Epstein

Sky-Doku über Ghislaine Maxwell: Am Rande des Erträglichen

Die Doku beleuchtet Ghislaine Maxwells Rolle in dem Fall.

Wer die spektakulärsten Missbrauchsfälle von heute durchforstet, findet vorwiegend Männer: Josef Fritzl und Harvey Weinstein, Wolfgang Priklopil und Jimmy Savile, katholische Seelsorger und westfälische Laubenpieper – wenn Frauen sexuelle Gewalt erleben, sind sie demnach tendenziell Opfer, nicht Täterinnen. Die spektakulärste Ausnahme ereignete sich ausgerechnet im spektakulärsten Fall: Jeffrey Epstein.

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Mitte 2019 wurde der einschlägig bekannte Investmentbanker für hundertfachen Missbrauch meist minderjähriger Mädchen angeklagt. Nachdem er sich der Verurteilung durch Suizid in U-Haft entzogen hatte, geriet allerdings jemand Unerwartetes ins Ermittlungsvisier: Ghislaine Maxwell – eine so schillernde Figur der New Yorker High Society, dass ihr anschließender Prozess nicht nur weltweit für Aufsehen sorgte, sondern nun Gegenstand einer sehenswerten Dokumentation am Rande des Erträglichen ist.

Epsteins „Partner in Crime“: Ghislaine Maxwell

Gut 200 Minuten erzählt Ben Reid die Story vom „Partner in Crime“ Ghislaine Maxwell. Vier Teile lang zeichnet er ihren Weg von der Lieblingstochter des britischen Medientycoons Robert Maxwell über die Geliebte des Finanzjongleurs Epstein bis zu dessen Komplizin beim Aufbau eines globalen Missbrauchsrings nach. Das Resultat ist ein journalistisch recherchierter, dramatisch kompilierter Aufarbeitungsprozess, der vom Geigenteppich bis zur Faktendichte alles erfüllt, was True Crime erfolgreich macht.

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Zu dumm, dass Reid mit einer Verwechslung beginnt. „Wie kann eine Tochter der Privilegien zur Komplizin eines Pädophilen werden?“, fragt seine Sprecherin zum Einstieg und liegt damit falsch. Anders nämlich als bei Männern mit pädophiler Neigung, ließ Epstein sich von Maxwell nie mit Kindern vor dem Eintritt in die Pubertät beliefern. Es waren Teenager, und zwar möglichst reife. Medizinisch war er somit kein krankes, sondern machtgeiles Monster – wenngleich ein höchst angesehenes.

Geschwister, Opfer und Wegbegleiter kommen zu Wort

Ständig reist die Kamera in die Archive des amerikanischen Ostküsten-Jetsets, wo das Glamourpaar mit dem kulturpolitischen Macht-, Geld und Ansehensadel seiner Zeit verkehrte. Während Stichwortgeber wie Epsteins Geschwister, einige seiner zahllosen Opfer und reihenweise Wegbegleiter vom Society-Reporter über die Yogalehrerin bis zum Prozessgeschworenen schildern, welche Funktion die unglücklich unverheiratete Langzeitfreundin Ghislaine im Spinnennetz sexueller Nötigung hatte, stehen die Prominenten fürs vulgärkapitalistische System dahinter.

Kein Wunder, dass mit Harvey Weinstein, Bill Clinton, Woody Allen, Donald Trump oder dem aktuell verdächtigen Prinz Andrew Männer mit Hang zum sexuellen Übergriff in der luxuriösen Stadtvilla des dubiosen Strippenziehers ein- und ausgingen. Ein Wunder allerdings, warum die deutlich jüngere, als kultiviert, gesellig, charmant bekannte Tochter einer französischen Holocaustforscherin aus Oxfords Upperclass zum weiblichen Motor dieser seltsamen Gesellschaft von Alpharüden wurde.

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Lust am Raunen über die Pfade zur Gewaltherrschaft

Mit spürbarer Lust am Raunen über die Pfade zur Gewaltherrschaft sucht Ben Reid in Doppelfolgen nach Gründen und wird sogar fündig – im 56-seitigen Handbuch zum Beispiel, das jede Handlung im Hause Epstein (stets lächeln, niemals aufbegehren, nichts hören, nichts sehen, nichts sagen) auch für Ghislaine Maxwell verpflichtend machte. Noch interessanter ist aber, wie männliche Macht als destruktive Energie entlarvt wird.

Ob Jeffrey und Ghislaine in diesem selbsterhaltenden Ausbeutungssystem nur „Sugar Daddy und Konkubine“ waren, wie es ein Zeitzeuge deutet, oder doch das gefährlichste Paar seit Ferdinand und Imelda Marcos, bleibt auch nach vier Episoden Interpretationssache. Nur eines waren die beiden nach Lage der Dinge nicht: pädophil.

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