Der Holzbengel – mal anders

Der für Mussolini tanzt – Guillermo del Toros düsterschöne Version von „Pinocchio“

Puppen unter sich: Pinocchio (l.) und der Teufel aus Graf Volpes Puppenensemble in einer Szene aus „Guillermo del Toros Pinocchio“. Foto: Netflix © 2022

Puppen unter sich: Pinocchio (l.) und der Teufel aus Graf Volpes Puppenensemble in einer Szene aus „Guillermo del Toros Pinocchio“. Foto: Netflix © 2022

Nomen est omen. Dieser neue „Pinocchio“, der da heute bei Netflix loslegt, ist nicht einfach eine weitere Verfilmung der märchenhaften Geschichte von Carlo Collodi, er ist „Guillermo del Toros Pinocchio“. Der mexikanische Regiemeister des Fantastischen, der mit „Pans Labyrinth“ und „The Shape of Water“ schon zwei (oscargekürte) Klassiker im Oeuvre hat, bringt damit zum Ausdruck, dass er der Vorlage in besonderem Maße seinen Stempel aufdrückt.

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So wie es Francis Ford Coppola getan hatte, der 1992 in „Francis Ford Coppolas Dracula“ den Vampirerklärbär gab und dem berühmtesten Untoten eine christliche Biografie samt Versündigung gegen Gott aufdrückte. Del Toro verlegt die Abenteuer des Jungen aus Holz aus dem 19. Jahrhundert in die Zeit des italienischen Faschismus. Benito Mussolini höchstselbst lässt sich von seinem Pinocchio ein wenig auf der eingedrückten Nase herumtanzen, bis er schließlich „alle erschießen, alles abbrennen“ befiehlt. Apropos: Würde der Schreiber dieser Zeilen behaupten, im Folgenden keine weiteren Spoiler zu liefern, wüchse ihm sofort eine Halbmeternase.

Gepetto hatte in del Toros Version bereits einen Sohn

Darüber hinaus erzählen uns del Toro und sein Co-Regisseur Mark Gustafson (er war 2008 Animationsregisseur von Wes Andersons „Der fantastische Mr. Fox“) ein wenig davon, weshalb sich der Kunsttischler, Herrgottsschnitzer und Puppenbauer Gepetto so sehr nach Vaterschaft sehnt. Gepetto hatte schon einen Sohn namens Carlo gehabt, mit dem es „nur zehn gemeinsame Jahre“ waren.

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Diese Zeit füllt einen ausführlichen Prolog: Die Familie ist da zwar bereits versehrt, die Mutter ist schon länger tot, geblieben ist aber ihr Einschlaflied, zu dem Gepetto allabendlich die Ziehharmonika hervorholt. Der Nachbar, ein Schmied, sieht in Gepetto einen „vorbildlichen Italiener“, dessen Frau erkennt den „guten Vater“. Ein kleines Glück – da mag draußen im Leben alles noch so drunter und drüber gehen, da mag die katholische Kirche noch so d‘accord gehen mit den Faschisten.

Der Krieg kostet Carlo dann das Leben. Und als Sebastian J. Grille des Weges kommt, das gelehrte Insekt, das in den Disney-Verfilmungen unter dem Namen Jiminy Cricket bekannt wurde, ist aus Gepetto bereits ein Säufer und Spinner geworden: „Ich mach mir meinen neuen Carlo aus dieser verfluchten Pinie“, zürnt er eines Abends gegen den Baum auf dem Grab des Sohnes, rückt ihm mit dem Beil zu Leibe und baut sich den Holzjungen, dem die blaue Fee dann in der Nacht Leben einhaucht.

Die Stop-Motion-Technik gibt dem Film einen heimeligen Zauber

Von da an läuft alles wie gehabt? Ja und nein. Del Toro zeichnet zum einen natürlich Carlo Collodis Reise eines unfertigen Menschenkindes in die Vernunft nach. Aber anders.

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Er tut das mithilfe der guten alten Stop-Motion-Technik, in der bereits Willis O‘Brien und Ray Harryhausen in den Glanzzeiten des Kintopp allerhand Kreaturen aus Urzeit, Unterwelt und Sagenreichen lebendig werden ließen. Die nicht völlig geschmeidig ablaufenden Bewegungen der Figuren erfüllen del Toros beinahe zweistündiges Herzensprojekt mit einem heimeligen Zauber.

Die Stimmung ist düster, die Fee ist ein unheimliches Geschöpf

Die Stimmung freilich ist bei alldem düster, die Farben sind gedeckt: Die Fee ist kein blondes Simsalabim-Süßchen wie im Disney-Zeichentrickfilm von 1940, sondern eine Chimäre wie aus „Pans Labyrinth“, die noch eine ähnlich sinistre Schwester hat, die Herrin des Todes. Dass diese beiden unheimlichen mythischen Wesen aus Güte handeln, mag man sich kaum vorstellen.

Die Wächter zum Totenreich sind skelettierte Kaninchen, die furchterregend wären, würden sie sich die Zeit nicht mit Kartenspielen vertreiben. Selbst die Grille, bei Disney ein niedlich-nerviger Neunmalklug, hat geisterbleiche Augen. Del Toro will nicht, dass seine Figuren irgendetwas geschenkt bekommen. Sie müssen sich ihr Publikum erobern. Und – sie schaffen das.

Pinocchio folgt dem Rat eines Tunichtguts – Füße geröstet

Allein Pinocchio ist von Beginn an sympathisch (da hat er Disneys buntem Holzmann einiges voraus). Er ist immer aktiv, ein Springinsfeld, der alle naselang Ideen hat, der stets optimistisch und zukunftsgerichtet ist und in seiner Unvernunft voller Vertrauen, dass niemand Arglist oder Boshaftigkeit gegen ihn hegt. Natürlich hängt das hölzerne Wesen seine Beine ins Kaminfeuer, nachdem der hintertriebene Kerzendocht, der Sohn des örtlichen Faschistenführers, der später Pinocchios bester Freund wird, ihm geraten hat, sich doch ein wenig mehr an den Flammen zu wärmen.

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Und da er – vorerst – keinerlei Schmerz empfindet, erfreut sich Pinocchio denn auch am Leuchten seiner brennenden Füße, die Gepetto gerade noch löschen kann.

Eine unschuldige Seele voller Euphorie

Pinocchio ist eine unschuldige Seele, voller Euphorie und Vertrauen. Immer will er das Gute. Und das Schlechte, das daraus wird, liegt so gut wie nie an ihm, sondern an Menschen, die ihn, das unbeschriebene Blatt, vollkritzeln. Die einen jubeln ihn zur Sensation hoch, zum Star einer altbackenen Zirkusmanege, die sich noch ein letztes Mal gegen die moderneren Belustigungen von Jazz und Kino aufbäumen will, um Geld mit ihm zu verdienen. Die anderen, die frommen toskanischen Kirchgänger, sehen in ihm dagegen ein „gottloses Ding“ und einen „Dämon“.

In einer der anrührendsten Szenen des Films wundert sich Pinocchio, warum alle im Dorf den hölzernen Jesus in der Kirche so sehr lieben, dass sie ihm Lieder singen. Während ihn, den gar nicht so Unähnlichen, offenbar keiner mag.

Die Geschichte von Pinocchios Leidensweg wird fließend, plausibel und spannungsreich erzählt – mit einigen bezaubernden Gesangseinlagen und (im Original) einem Sprecherensemble, das seinesgleichen sucht (siehe Anhang unten).

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Für Guillermo del Toro ist Faschismus der schlimmste Horror

Wie schon in „Pans Labyrinth“ ist dabei der Faschismus in seiner Menschenverachtung, seiner Forderung nach dem Selbstopfer für die Nation der schlimmstvorstellbare Horror für del Toro. Während Mussolini selbst als bullig-tumber Tor in einer Protzlimousine daherkommt, erscheint der örtliche Oberfascho mit seinem Herrenmenschengetue und der Forderung nach Mitleidlosigkeit und Härte als weitaus gefährlichere Gestalt.

Der magische Jahrmarkt, den man von Collodi (und Disney) kennt, auf dem die Kinder zu Nichtsnutzen und schließlich Eseln werden, wird durch ein Erziehungslager ersetzt, in dem die Kinder Krieg spielen und zu Faschisten werden (sollen). Pinocchio und Kerzendocht finden einen Weg zum Pazifismus. Sie lachen den Krieg einfach aus. Kinder an die Macht.

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Die Botschaft ist eindeutig für eine von Populismen und rechtsradikalen Strömungen durchrunzelte Gegenwart, in der Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus wieder aus ihren Höhlen gekrochen kommen. Faschismus – von Mussolini bis Putin – ist das Ende der Liebe, der Tod der Seele und nichts ist so wichtig, als dass die faschistische Agenda des Menschenhassens und Todes am Ende besiegt wird. Carlo starb im Krieg – wie derzeit viele Kinder sterben müssen, die eben noch lebten, denen eben noch ihre Mütter durch die verstrubbelten Haare fuhren.

Ein Film, den das Publikum herzlich empfängt

Und so erzählt del Toro die Geschichte Pinocchios, die 1881 in die Welt kam, auch noch weiter – zumindest ein bisschen: „Er wagte sich in die Welt hinaus“, schließt er, „und die Welt empfing ihn herzlich.“ Das gilt auch für diesen Film, der Disneys erst im September gestartetes, ziemlich verunglücktes Remake seines Zeichentrickfilms mit Tom Hanks vergessen machen hilft.

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„Guillermo del Toros Pinocchio“, Film, 116 Minuten, von Guillermo del Toro und Mark Gustafson, mit den Stimmen (im Original) von Gregory Mann, Ewan McGregor, Finn Wolfhard, Cate Blanchett, Burn Gorman, David Bradley, Tilda Swinton, Christoph Waltz, John Turturro, Tim Blake Nelson, Ron Perlman (streambar ab 9. Dezmber)

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