„Wenn das so weitergeht... “

Droht Twitter der Zusammenbruch? IT-Sicherheitsexpertin sieht steigendes Risiko

Droht der Zusammenbruch von Twitter?

Droht der Zusammenbruch von Twitter?

Auf Twitter herrscht am Freitag endgültig Untergangsstimmung. Unter dem Hashtag #RIPTwitter finden sich bis zum Vormittag fast 850.000 Tweets. User posten Titanic-Memes, erinnern sich nostalgisch an ihre Anfänge auf dem Mikroblogging-Dienst oder teilen ihre Profildaten für die zur Alternative aufgestiegene Plattform Mastodon. Alles für den Fall, dass Twitter zusammenbricht.

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Grund für die digitalen Abschiedsbekundungen ist ein Ultimatum, das der neue Twitter-Eigentümer Elon Musk der Belegschaft am vergangenen Mittwoch gesetzt hat. In einem Mitternachtsmemo teilte der Techmilliardär mit, wer weiter bei Twitter bleiben wolle, müsse sich darauf einstellen, „extrem hardcore“ zu arbeiten. Lange Arbeitszeiten bei hoher Intensität stünden an und wem das nicht passe, der solle sich lieber nach einem anderen Job umsehen.

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Zahlreiche Angestellte wollten diesen Bedingungen offenbar nicht zustimmen, wie unter anderen die „New York Times“ unter Berufung auf interne Quellen berichtete. Demnach trudelten bis vor Ablauf der gesetzten Frist am Donnerstag um 17 Uhr, US-Ostküstenzeit, Hunderte Kündigungen ein. Einige der Angestellten nahmen auch öffentlich auf der Plattform Abschied. Daraufhin riegelte das Unternehmen die Büros für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ab, wie die Branchenjournalistin Zoë Schiffer berichtete. Der drohende Angestellten-Exodus führte sogar dazu, dass Musk bei seinem Verbot für die Arbeit im Homeoffice teilweise zurückruderte.

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IT-Sicherheitsexpertin: Könnte in den nächsten Tagen zum Zusammenbruch kommen

Die Angestellten von Twitter haben schon einiges mitgemacht, seit der neue Besitzer nach Abschluss des 44-Milliarden-Dollar-Kaufs vor knapp drei Wochen in das Hauptquartier des Medienkonzerns in San Francisco eingezogen ist: Spontane Massenentlassungen, dann Teil-Wiedereinstellungen und ein beinahe täglicher Wandel der Vorstellung davon, wie das Geschäft eigentlich funktionieren und wie das Produkt aussehen soll. Mehr als die Hälfte der bis dato 7500 Menschen zählenden Belegschaft ist nicht mehr dabei. Nun kommen die neuen Kündigungen hinzu – und damit ein weiterer Verlust von Erfahrung und Expertise in Schlüsselpositionen. Denn auch viele Entwicklerinnen und Entwickler, die etwa für das Beheben von Softwarefehlern und Ausfällen oder für die Datensicherheit zuständig sind, haben laut den Berichten gekündigt.

Droht damit nun tatsächlich der Shutdown von Twitter?

Die IT-Sicherheitsexpertin Lilith Wittmann hält es für wahrscheinlich, dass der Dienst aufgrund fehlender Expertinnen und Experten in einigen Tagen oder Wochen zusammenbricht. Zwar glaube sie nicht, dass dies innerhalb von Stunden geschieht. „Aber wenn das so weitergeht, wird es irgendwann passieren.“

Verluste im mindestens sechsstelligen Bereich möglich

Die Frage sei dabei, ob es in nächster Zeit zu einem gravierenden Fehler im System komme. „Wenn dann niemand mehr da ist, der drauf schaut und handelt, steigt das Risiko für einen Zusammenbruch enorm.“ Wittmann geht davon aus, dass es zunächst wie in den Jahren 2008 und 2009 häufiger zu Ausfällen von einigen Stunden kommen könnte. Dass die Seite komplett offline geht und nicht wiederkommt, hält sie jedoch für unwahrscheinlich. Allerdings würde nach ihrer Einschätzung selbst ein Shutdown von wenigen Stunden zu einem Verlust im mindestens sechsstelligen Bereich führen. „Wenn wir nur von einer Milliarde Werbeeinnahmen jährlich ausgehen würden, wären das 115.000 Euro pro Stunde.“

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Wittmann sieht nach der Übernahme von Musk einen enormen Wissensverlust im Unternehmen, der nur schwer wieder aufgefangen werden kann. „Diese Leute kann man nicht so einfach ersetzten“, sagt sie. Das könnte zu verschiedenen technischen Problemen führen. „Etwa, dass viele Features nicht mehr funktionieren oder dass die Seite sehr langsam ist“, erklärt die IT-Sicherheitsexpertin. Auf jeden Fall werde die Qualität des Dienstes wohl schlechter werden.

Auch in Bezug auf die Sicherheit von Userdaten hält Wittmann die Sorgen für berechtigt. „Wenn keine Expertinnen und Experten für IT-Sicherheit mehr da sind, dann kann man davon ausgehen, dass es bei Twitter mehr und mehr Sicherheitslücken geben wird.“ Die Expertin rät, bei den Direktnachrichten und geschlossenen Accounts keine sensiblen Daten zu verbreiten. „Durch die vermutlich vermehrt auftretenden Sicherheitslücken steigt das Risiko, dass auch nicht öffentliche Kommunikation abgegriffen wird.“

Wittmann: Verlust für den demokratischen Diskurs

Anfällig für Fehler sind nach Wittmanns Einschätzung vor allem die Twitter-Bereiche, die nach der Übernahme von Musk umgestellt werden sollen. „Elon Musk ist auch aus seinen anderen Unternehmungen bekannt dafür, dass er die Sachen lieber schnell umsetzen will, statt sicherzustellen, dass alles gut funktioniert“, sagt Wittmann.

Nach Einschätzung der IT-Sicherheitsexpertin bedeute ein Ende von Twitter einen enormen Verlust für den demokratischen Diskurs. Vergleichbare Möglichkeiten für öffentlichen Austausch und Kritik gebe es bei anderen Social-Media-Plattformen in dieser Form nicht. „Twitter ist ein einmaliges Medium. Auch wenn nur ein kleiner Teil der Bevölkerung daran teilnimmt, hat prinzipiell jeder Zugang zu Menschen, die sie sonst nicht erreichen würden.“

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Sie befürchtet jedoch, dass aufgrund technischer Mängel und auch aus politischen Gründen zukünftig viele Menschen die Plattform verlassen werden. „Dann ist der demokratische Diskurs nicht mehr wie bisher möglich.“ Um Twitter zu retten, sieht Wittmann nur eine Chance: Musk solle das Unternehmen wieder verkaufen und zwar an eine Person, die die Angestellten zurückgewinnen kann. „Dann könnte Twitter noch die Kurve kriegen, einen anderen Weg sehe ich leider gerade nicht mehr.“

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