Entlastung in der Stadt

Cargobikes und LEVs: eine echte Alternative zu klassischen Zustellfahrzeugen?

Lasten transportieren und abladen: Mit Cargobikes ist das in der überfüllten City mitunter einfacher.

Lasten transportieren und abladen: Mit Cargobikes ist das in der überfüllten City mitunter einfacher.

Ob Päckchen und Pakete oder Pizza und Pasta: Immer mehr Waren werden bis an die Haustür geliefert. Gleich mehrere Logistik­unternehmen sind mit ihren Transportern in den Städten unterwegs – nicht selten steuern sie sogar dasselbe Haus an. Das führt zu einer Zunahme des Verkehrs und zu Umwelt­belastungen. „Transporter sind in den Innenstädten außerdem immer häufiger ein Problem für die Verkehrs­sicherheit, sie stehen oft in zweiter Reihe und versperren die Sicht anderer Verkehrs­teilnehmer“, sagt Alexander Rosenthal vom Bundesverband Zukunft Fahrrad.

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Die Schwierigkeiten werden zunehmen, warnt Annika Meenken vom ökologischen Verkehrsclub Deutschland (VCD): „Für den Wirtschafts­verkehr gelten enorme Wachstums­prognosen. Es müssen deshalb ganz schnell Lösungen gefunden werden.“ Ihre Hoffnungen ruhen unter anderem auf Cargobikes und Light Electric Vehicles (LEVs). Sie sind vergleichsweise umweltfreundlich und kommen mit bis zu 80 Prozent weniger Energie aus als herkömmliche Transporter. Das Sicherheits­risiko für den übrigen Verkehr ist aufgrund ihres Gewichts und ihrer Geschwindigkeit geringer.

Gute Alternative zu klassischen Zustellfahrzeugen

„Sie benötigen weniger Platz, sind leise, haben geringeren Reifenabrieb und verbrauchen weniger Ressourcen in Herstellung und Betrieb“, ergänzt Rosenthal. Hinzu kommen weitere Vorteile: „Auf Strecken bis fünf Kilometern sind Cargobikes und LEVs in der Stadt am schnellsten. Sind sie mit Motor ausgestattet, gilt das sogar für Strecken bis zu zehn Kilometern“, sagt Meenken. Weil die Fahrzeuge kompakt und wendig sind, kommen sie auch in dichtem Verkehr voran und stehen nicht im Stau. „Just in-time-Lieferungen sind damit gut planbar“, sagt Rosenthal.

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Laut Carsten Hansen vom Bundesverband Paket und Expresslogistik können die Fahrzeuge Strecken fahren, die herkömmlichen Transportern verschlossen bleiben. Das gilt etwa für Parkwege und zu bestimmten Zeiten in Fußgänger­zonen. Außerdem sind dafür vergleichsweise leicht Abstellplätze zu finden. Hansen schätzt das Potenzial von Cargobikes und LEVs bei der Zustellung von Paketsendungen auf bis zu 30 Prozent. „In geeigneten Stadtgebieten können sie schon heute klassische Zustell­fahrzeuge nahezu ersetzen“, sagt er. Noch optimistischer ist Rosenthal: Er glaubt, dass in Städten ab 100.000 Einwohnern und Einwohnerinnen sogar 30 Prozent aller Lieferungen mit diesen umwelt­freundlichen Fahrzeugen möglich sind.

"Ich entlaste Städte"

Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Göttingen hatte unter dem Arbeitstitel „Ich entlaste Städte“ von 2017 an drei Jahre lang den größten öffentlichen Lastenradtest Europas durchgeführt. Beteiligt waren rund 750 Unternehmen verschiedener Branchen, im Einsatz war eine Flotte mit über 150 Fahrzeugen. Das Ergebnis: Zwei Drittel der Strecken wurden mit einem Testrad statt, wie sonst üblich, mit einem Verbrenner zurückgelegt. 63 Prozent der Teilnehmer und Teilnehmerinnen fanden, dass ein Lastenrad für ihre Zwecke gut oder sehr gut geeignet ist.

In vielen Städten werden Cargobikes und LEVs bereits im Lieferverkehr eingesetzt. Hamburg will „Modellregion für die Letzte-Meile-Logistik“ werden und strebt 25 Prozent Paketzustellung per Lastenrad an. In Berlin gibt es bereits erste Paketdienste, die emissionsfrei zustellen. Dort sind an Pilotprojekten mehrere namhafte Firmen der Logistik­branche beteiligt. Die Palette an Fahrzeugen ist mittlerweile groß und reicht von einfachen Lastenrädern über Transport­anhänger bis zu Kleintransportern mit Elektromotoren. Viele sind kompatibel mit Europaletten. Die Zuladung betrage in der Regel bis zu zwei Kubikmeter und zwischen 160 und 220 Kilogramm Gewicht, sagt Hansen: „Für spezielle Bedarfe sind auch Sonderlösungen mit höheren Zuladungen verfügbar.“

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Veränderung der Radinfrastruktur ist notwendig

Da die Kapazität von Cargobikes und LEVs nicht an herkömmliche Transporter heranreicht, müssen verteilt über die gesamte Stadt Umschlagplätze eingerichtet werden, sogenannte Pick-up-Points, City-Hubs oder Micro-Depots. Das können Container, leer stehende Ladenlokale oder Flächen in Parkhäusern sein, erläutert Hansen. Denkbar seien auch bewegliche Mikrodepots wie Straßenbahnen oder Regionalzüge. Außerdem werden Wechsel­behälter, Liefer- und Ladezonen sowie Abstellanlagen für private und gewerbliche Lastenräder benötigt, sagt Rosenthal: „Es ist eine Aufgabe der öffentlichen Hand, diese Bedarfe im Städtebau zu berücksichtigen, geeignete Flächen zu identifizieren und den Aufbau der neuen Logistik­infrastruktur zu unterstützen.“ Im besten Fall werde diese von mehreren Unternehmen gemeinsam genutzt.

Noch Fahrrad oder schon Kleinkraftrad?

Wie sollen Lastenräder mit Elektromotor rechtlich eingeordnet werden? Diese Frage beschäftigt derzeit die Politik – auch auf EU-Ebene. Die Europäische Kommission plant eine Neuordnung der Fahrzeug­kategorien. Für elektrisch betriebene Fahrräder gilt derzeit eine Sonder­genehmigung. Sie werden deshalb rechtlich als Fahrrad behandelt. Die Fahrrad­branche hofft, dass das grundsätzlich so bleibt – zumindest für Fahrzeuge mit bis zu 300 Kilogramm Gesamtgewicht. Schwerere Cargobikes und LEVs könnten hingegen künftig etwa als Kleinkraftrad geführt werden.

Auch bei der Rad­infrastruktur muss es Veränderungen geben, denn viele Radwege sind zu schmal und in einem baulich schlechten Zustand. Außerdem sind darauf Verkehrs­teilnehmerinnen und ‑teilnehmer mit sehr unterschiedlichen Geschwindigkeiten unterwegs. „Es wird immer enger. Wir brauchen deshalb einen Systemwechsel und eine gerechtere Verteilung der Verkehrs­flächen“, fordert Meenken. Statt in großem Umfang Radwege auszubauen, können Kfz-Fahrspuren für den Radverkehr umgewidmet werden. Werden mehr Tempo-30-Zonen ausgewiesen, können Cargobikes und LEVs gemeinsam mit Autos auf der Straße fahren. Lastenräder sollten zudem kostenlos auf bewirtschafteten Parkplätzen abgestellt werden können, sagt Meenken.

Pakete per Cargo-Bike: Vor allem im dichten Stadtverkehr könnte das perspektivisch eine echte Alternative sein.

Pakete per Cargo-Bike: Vor allem im dichten Stadtverkehr könnte das perspektivisch eine echte Alternative sein.

Sie sieht auch Vorteile für die Fahrerinnen und Fahrer: „Wer Fahrrad statt Auto fährt, bewegt sich mehr und lebt gesünder.“ Unternehmen haben es laut Hansen zudem leichter, Personal zu finden, weil kein Führerschein benötigt wird. Die Akzeptanz von Cargobikes und LEVs sei groß, sagt er: „Die Zustellerinnen und Zusteller erhalten viel positives Feedback von anderen Verkehrs­teilnehmern. Lastenräder transportieren neben der Ladung auch ein positives Image.“

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