Eine kleine Revolution für unsere Kinder

Jugendforscher Klaus Hurrelmann von der Hertie School of Governance.

Jugendforscher Klaus Hurrelmann von der Hertie School of Governance.

Im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland steht in Artikel  6 der Satz: "Erziehung und Pflege der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht." Leider steht das Wort "Bildung" nicht mit in diesem Artikel.

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Damit sind Weichen für eine unglückliche Funktionstrennung gestellt. Erziehung gilt als Elternangelegenheit, Bildung als Sache der Schulen. Für die Persönlichkeitsentwicklung ihrer Kinder fühlen sich die Mütter und Väter verantwortlich, gehen aber davon aus, die Wissensvermittlung und die Förderung der Leistungsentwicklung der Kinder seien ausschließliche Aufgabe der Schulen. Auf der Seite der Berufspädagogen sehen die meisten das ebenso.

Erziehung und Bildung lassen sich aber nicht voneinander trennen. Auch wenn Eltern vermeintlich "nur" erziehen, legen sie gleichzeitig bereits die Basis für die Bildung und Leistungsentwicklung. Wenn Kinder zu Hause zu wenig Angebote zur Entfaltung ihrer Wahrnehmungen und ihres Denkvermögens erhalten, wenn sie nicht zum ständigen spielerischen Lernen angeregt werden, sind sie auf die schulischen Bildungsprogramme völlig unzureichend vorbereitet.

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Dann finden auch die größten Bemühungen der Lehrerinnen und Lehrer keinen fruchtbaren Boden. Umgekehrt findet in den Schulen mit jedem Unterricht auch unvermeidlich eine Erziehung statt, weil Umgangsformen, Verhaltensstile und Wertmaßstäbe vermittelt werden.

Eltern sind nicht nur die Erzieher der Persönlichkeit ihrer Kinder, sondern sie sind auch "Bildner", indem sie bei ihrem Kind die Grundlagen für das Verstehen der Welt und die Kompetenzen im Umgehen mit Lebensherausforderungen legen. Damit legen sie das Fundament für die schulische Performance ihrer Kinder. Lehrerinnen und Lehrer sind nicht Bildungsvermittler, sondern formen die Persönlichkeit der Kinder bewusst oder unbewusst mit.

Die Bildungserfolge von Kindern lassen sich durch Bedingungen in der Familie sogar stärker als durch die in der Schule erklären. Immer mehr Studien machen deutlich, dass die Entwicklung der Fertigkeiten, die für Leistung und Schulerfolg entscheidend sind, von grundlegenden Fähigkeiten abhängt, die in den ersten Lebensjahren des Kindes geformt werden. Dazu gehören Sprachfertigkeiten, Grob- und Feinmotorik, Lernmotivation, Neugier, Leistungsbereitschaft, Interessen, Werte, Selbstkontrolle, Selbstbewusstsein und soziale Fähigkeiten.

Hier wird klar: Erziehung und Bildung bedingen sich gegenseitig, gehen Hand in Hand und sind nicht voneinander zu trennen. Da für die ersten Lebensjahre eines Kindes die Eltern die alles entscheidenden Bezugspersonen sind, üben sie zwangsläufig eine für die Bildung relevante Rolle aus.

Es wird deshalb höchste Zeit, Eltern bei der Förderung der Bildung ihrer Kinder öffentlich zu unterstützen. Eltern hilft es, wenn ihre wichtige und schwierige Rolle in der gesamten Gesellschaft anerkannt wird. Davon sind wir heute weit entfernt. Was wir brauchen, sind Angebote zur Unterstützung der elterlichen Erziehung und Bildung: einmal durch verschiedene Formen von Elterntrainings, zum Zweiten durch eine enge Kooperation mit Kinderkrippen, Kindertagesstätten und Kindergärten und danach einen gut strukturierten und rhythmisierten Ganztagsbetrieb in den Schulen.

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Erfahren die Eltern hier Entlastung, können sie sich viel besser auf ihre eigenen Fähigkeiten und Stärken verlassen und sich Fehler eingestehen. Sie erleben dann die öffentlichen Einrichtungen als unterstützende Miterzieher, als Verbündete bei der Sicherung des Wohls der Kinder. Oft arbeiten Vorschuleinrichtungen und Elternhäuser nebeneinanderher, und auch die Beziehungen zwischen Elternhaus und Schule sind häufig brüchig oder sogar angespannt.

Heute sind die Kinder sozusagen "auf Gedeih und Verderb" auf ihre Eltern angewiesen. Machen die Eltern ihre Sache gut, dann stimulieren sie ihr Kind und machen es fit für die Schule. Machen Eltern ihre Sache schlecht, dann hat ihr Kind einen schlechten Schulstart. Dieser Start bestimmt die gesamte weitere Schullaufbahn. Die wirtschaftliche Lage eines Elternhauses – Einkommen und Vermögen, die berufliche Position und das damit verbundene Ansehen von Vätern und Müttern – schlägt sich direkt auf ihr Erziehungsverhalten und in der Folge ihre Kompetenz nieder, das Kind auf die Bildungsinstitutionen vorzubereiten.

Aus diesem Grund ist die Wirkung der sozialen Herkunft auf den Schulerfolg der Kinder bei uns so stark. Das wirkt sich ungünstig auf das Bildungsniveau der jungen Generation aus, also den Durchschnitt der von ihnen erreichten Kompetenzen, Qualifikationen, Schulleistungen und Abschlüsse.

Weil wir die Weichen in dieser Richtung noch nicht entschieden umgestellt haben, gelingt es dem deutschen Schulsystem, wie der internationale Vergleich zeigt, viel weniger als anderen Ländern, mangelnde Erziehungs- und Bildungsimpulse der Elternhäuser auszugleichen.

Die deutsche Politik hat die grundlegende Phase der Erziehung und Bildung der Kinder in den ersten, besonders formativen Lebensjahren noch nicht ausreichend in ihre Förderstrukturen einbezogen. Sie lässt die Elternhäuser hier "im Regen stehen", denn sie sieht von ihrer traditionellen Philosophie her die Familie als Zentrum des "natürlichen" sozialen Netzwerkes von Kindern an, das so weit wie möglich vor jedem staatlichen Eingriff, auch dem des Bildungssystems, zu verschonen ist.

Die damit einhergehende Leistungsungleichheit der Kinder je nach sozialer Herkunft wird traditionell als unproblematisch wahrgenommen, weil die Konsolidierung der bestehenden sozialen Schichtung traditionell mit zu den Merkmalen der konservativ ausgelegten Wohlfahrtspolitik gehört.

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Starke Investitionen in die frühkindliche Bildung und enge Kooperation von Familie und öffentlichen Bildungseinrichtungen während der gesamten Kinderzeit können nach den vorliegenden Untersuchungen den Einfluss der sozialen Herkunft des Elternhauses auf die Bildungserfolge relativieren. Ein Umsteuern in diesem Politikbereich kommt angesichts der tief verankerten Traditionen im deutschen Bildungs- und Sozialsystem einer kleinen Revolution gleich. Denn damit ist eine Abkehr von dem Prinzip verbunden, dass letztlich die Familien die idealen Erziehungs- und Bildungsinstitutionen für die Kinder und Jugendlichen sind. An der Notwendigkeit dieser Revolution ist aber nicht zu zweifeln.

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