Entwickeln wir uns zu Cyborgs?

Der Australier Stelarc hat aus Stammzellen ein Ohr auf dem linken Unterarm gezüchtet.

Der Australier Stelarc hat aus Stammzellen ein Ohr auf dem linken Unterarm gezüchtet.

Cyborg. Allein der Begriff klingt düster. Bedrohliche Geschöpfe, erwachsen aus einer unheilvollen Hochzeit von Mensch und Maschine, ausgestattet mit übernatürlich scheinenden Kräften. Wie etwa die Filmfigur "RoboCop", ein im Einsatz fürchterlich verstümmelter Polizist, der als quasi unzerstörbares Prothesenwesen ins Leben zurückgeholt wird und seinem Beruf fortan mit ungeahnter Durchschlagskraft nachgeht.

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Derart martialische Science-Fiction-Vorlagen prägen das geläufige Bild der Mensch-Maschinen-Zwitter. Umso erstaunlicher, dass sich ausgerechnet eine so freundlich-unauffällige Erscheinung wie Enno Park als Cyborg bezeichnet.

Auf den ersten Blick unterscheidet den 41-Jährigen nichts von seinen Mitmenschen. Erst ein genauerer Blick auf Parks kurz geschorenes Haupt offenbart eine Besonderheit: Oberhalb beider Ohren ist je ein stöpselartiges Gebilde in den Schädelknochen eingelassen. Es sind Cochlea-Implantate, dank derer der im Jugendalter ertaubte Fernsehredakteur wieder hören kann – fast so gut wie gesunde Menschen, in einigen Bereichen sogar besser.

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"Die Implantate lassen sich bestens auf das jeweilige akustische Umfeld anpassen", sagt Park. Enthusiastisch erläutert er die Eigenheiten der unterschiedlichen Betriebsarten seiner Hörhilfen. Seine bevorzugte Voreinstellung: der Kneipenmodus. "Er fokussiert sich auf das Gegenüber und blendet Hintergrundgeräusche so effektiv aus wie Kopfhörer mit elektronischer Außengeräuschunterdrückung", schwärmt Park. Auch die Möglichkeit, seine Cochlea-Implantate einfach mal stumm zu schalten, wenn er ungestört arbeiten will, weiß der Mann mit der sanft-sonoren Stimme zu schätzen.

Machen zwei mit seinen Hörnerven verbundene Prothesen aus Enno Park aber schon einen Cyborg? Durchaus, meint der Politologe Christopher Coenen: "Allein schon, weil er sich selbst als einen solchen sieht und seine Implantate fest und dauerhaft mit dem Körper verbunden sind."

Manche Experten sähen die Verschmelzung von Mensch und Maschine sogar noch früher, erläutert der Projektleiter am Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse des Karlsruher Instituts für Technologie: "Streng genommen macht uns bereits unsere enge Bindung an unsere Smartphones zu Cyborgs. Erst recht, wenn man die tief greifenden Auswirkungen von Mobiltelefonen auf unser Verhalten, unsere Kommunikation und den Grad unserer Vernetztheit, ja, eigentlich unser gesamtes Leben betrachtet."

Lässt sich ein Smartphone jederzeit abschalten und beiseitelegen, rückt die noch recht junge Technikgattung der sogenannten Wearables ihren Besitzern weitaus nachdrücklicher auf die Pelle. 348 Millionen solcher direkt am Körper oder in der Kleidung getragenen Geräte und Gadgets sind dem Beratungsunternehmen Vandrico zufolge bereits am Markt.

Bislang erfreuen sich vor allem Fitnessarmbänder und smarte Uhren wie die Apple Watch reißenden Absatzes. Sie bedienen zwei maßgebliche Trends der vergangenen Jahre: zum einen das Bedürfnis nach permanenter Kommunikation und Information über News- und Messenger-Apps, zum anderen den Hype um das sogenannte Self-Tracking, das systematische Erheben körperbezogener Daten wie der Pulsfrequenz, des Blutzuckerspiegels oder der Schrittanzahl.

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Immer mehr Fitnessjünger rechnen sich der sogenannten Quantified-Self-Bewegung zu, die im Sammeln, Vergleichen und Interpretieren von Vitalzeichen ein mächtiges Werkzeug zur Selbstoptimierung, einen Ansporn zum sportlichen Wettstreit mit Gleichgesinnten und einen Schlüssel zu Gesundheit und Jugend sieht. Auch Krankenkassen und Arbeitgeber finden zunehmend Gefallen am Ego-Check via Armband und App und locken auskunftswillige Self-Tracker mit Prämien. Die AOK Nordost und die private DKV kündigten kürzlich sogar an, ihren Mitgliedern die Anschaffung einer Apple Watch durch Zuschüsse schmackhaft machen zu wollen.

Während sich der Normalverbraucher gerade erst mit den intelligenten Begleitern fürs Handgelenk anfreundet, schreitet die technische Entwicklung mit beeindruckender Rasanz fort: Datenbrillen, die ihrem Träger in Echtzeit Informationen über ihre Umgebung einspiegeln und Gamern täuschend realistische virtuelle Welten vor Augen führen, haben längst Marktreife erlangt.

Immer kleinere und flexiblere Elektronikbauteile wie reiskorngroße Hochleistungsprozessoren und auf nanometerdünne Folien gedruckte Leiterbahnen erlauben es den Wearables, sich immer effektiver und diskreter in unseren Alltag einzufügen. Kontaktlinsen, die über die Tränenflüssigkeit den Blutzuckerspiegel messen, Bluetooth-Handschuhe, die als Fernbedienung für das Smartphone oder die Digitalkamera fungieren, Jacken, die dank eingenähter Solarzellen das Mobilgerät aufladen: Solche auf den Leib geschneiderten Gadgets sind schon lange keine Zukunftsmusik mehr.

Der Charme von Wearables liegt darin, dass sie sich ebenso effektiv wie elegant mit dem Alltag verbinden: Eine Designerjacke mit diskret integrierten Features wie Folientastatur, Telefon, MP3-Spieler, Kamera und Pulsmesser erübrigt ihrem Träger nicht nur das Mitführen einer Handvoll lose in den Jackentaschen herumpolternder Geräte. Sie trägt überdies dazu bei, dass Technik unsichtbar und ihre Bedienung intuitiver und ergonomischer werden könnte.

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Systemanalytiker Christopher Coenen sieht die sich abzeichnende Entwicklung allerdings nicht durchweg positiv: "Je lückenloser sich Technik in unseren Alltag einfügt, je geschmeidiger sie sich unserem Körper anpasst, desto weniger klar können wir uns von ihr abgrenzen – und desto mehr könnte uns die Entscheidung darüber entgleiten, wie weit wir sie in unser Leben lassen wollen."

Wie innig aber wird die Verbindung zur Technik erst sein, wenn sie ihren Trägern buchstäblich unter die Haut geht? Enno Park etwa empfindet seine Cochlea-Implantate als ebenso selbstverständlich zu seinem Körper gehörend wie seine Arme oder Beine.

Während jedoch niemand auf die Idee käme, ihm vorzuschreiben, wie er seine Extremitäten zu nutzen hat, kann Park über seine Hörprothesen nicht frei verfügen. Als medizintechnische Geräte dürfen sie nur von Spezialisten justiert werden. Für Park ist das inakzeptabel: "Letztlich wird mir dadurch vorgeschrieben, was und wie viel ich zu hören habe."

Einzig die langwierige Erstjustierung der Prothesen erfordere Expertenhilfe, "die Anpassung im Alltag bekommen die Betroffenen meist viel effektiver hin als die Fachleute im schalltoten Hörlabor", meint Park. In einem medizinisch verantwortungsvollen Rahmen, fordert der selbst erklärte Cyborg, sollte jeder Cochlea-Träger seine Implantate nach eigenem Belieben tunen dürfen.

Kürzlich gründete Park mit einigen Mitstreitern den "Cyborgs e.V. – Gesellschaft zur Förderung und kritischen Begleitung der Verschmelzung von Mensch und Technik", einen rund 40 Mitglieder starken Verein, der den Trägern künstlicher Körperteile volle Kontrolle über Implantate und Prothesen geben will. Softwareseitig seien die meisten dieser Geräte hermetische Systeme, kritisiert Park und fordert USB-Schnittstellen und offene Programmcodes für die Apparate, "damit ihre Träger frei über ihre Funktion und Anwendung entscheiden können".

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Nicht alle Mitglieder des Berliner Vereins leben mit Prothesen. Einige sympathisieren lediglich mit den Ideen des Posthumanismus, einer geisteswissenschaftlichen Strömung, die den selbstbestimmten und kreativen Gebrauch von Technik zur Verbesserung der menschlichen Existenz feiert.

Andere wiederum modifizieren ihre Körper schlicht aus Experimentierlust. "Ein paar haben sich Magneten in die Fingerkuppe implantieren lassen und verfügen jetzt über eine Art sechsten Sinn: Sie können elektromagnetische Felder spüren", berichtet Park und räumt ein, dass der praktische Nutzen solcher Eingriffe zwar begrenzt sei, aber die Körpererfahrung dafür ungemein bereichere.

Weitaus extremere Eingriffe wagen Körperkünstler wie der Australier Stelarc. Bereits seit den Sechzigerjahren treibt der gebürtige Zypriot, der mit bürgerlichem Namen Stelios Arcadiou heißt, seine Verwandlung zu einem Mensch-Maschine-Hybrid voran.

Der glühende Posthumanist betrachtet den Körper als eine Art Schnittstelle, die beliebige Erweiterungen zulässt – und den Glauben an einen unveränderlichen Persönlichkeitskern, an eine Seele, als bloßes kulturelles Konstrukt hinstellt.

Stelarc begreift seinen Körper als Forschungsobjekt, an dem er die mannigfaltigen Möglichkeiten avantgardistischer Elektro- und Biotechnologien durchexerziert. Schlicht aus ästhetischen Gründen, wie der Künstler betont. Der Körper des 69-Jährigen ist voll kurioser bis bizarrer Implantate. Das markanteste: ein aus Stammzellen gezüchtetes Ohr auf dem linken Unterarm, das Stelarc demnächst mit Mikrofonen auszustatten und mit dem Internet zu verbinden gedenkt.

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Von derartigen Radikalperformances abgesehen vollzieht sich die in Wissenschaftskreisen als "Cyborgisierung" bezeichnete Mensch-Maschine-Verschmelzung nirgendwo derart rasant wie in der Medizintechnik. Enno Parks Cochlea-Implantate markieren dabei längst nicht mehr die Speerspitze des Fortschritts. Inzwischen gibt es mit Gehirnschnittstellen gekoppelte Armprothesen, die sich durch Gedankenkraft steuern lassen. Die sogenannte Tiefe Hirnstimulation wiederum, umgangssprachlich auch Hirnschrittmacher genannt, kann die Symptome der Parkinson-Krankheit eliminieren und Depressionen lindern, aber auch Manien auslösen.

Immer inniger verwebt sich der menschliche Organismus mit der Technik. Prothesen und Implantate ersetzen nicht nur versehrte Körperteile, sie öffnen auch das weite Feld des „ Human Enhancement“, der Verbesserung des Leibes. Was dazu führen könnte, dass Entwicklungen, die zunächst therapeutischen Zielen dienen, künftig auch weniger edlen Zwecken erschlossen werden könnten – bis hin zur Qualifikationserweiterung via Hirn­tuning, um am heiß umkämpften Arbeitsmarkt besser bestehen zu können. „Nicht, dass das grundsätzlich abzulehnen wäre“, meint Technikforscher Coenen. „Wichtig ist, dass die Entscheidung für oder gegen derartige Maßnahmen individuell frei bleibt. Sonst könnte Human Enhancement zu einer Art Lebensvoraussetzung werden – und Implantate zur Leistungssteigerung und -überwachung zur Pflicht.“

Die immer tieferen technischen Eingriffe in den menschlichen Organismus werden absehbar einen immensen juristischen Regulierungsbedarf auslösen, etwa in Fragen des Datenschutzes und der Persönlichkeitsrechte. Überdies könnten sie das christlich-abendländische Weltverständnis ins Wanken bringen, das den Menschen als eine natürlichen Grenzen unterworfene Existenz ansieht.

Auch die mit der Aufklärung in Mode gekommene Grundannahme des freien Willens und der damit einhergehenden Verantwortung für das eigene Handeln könnte durch eine zunehmende "Cyborgisierung" ausgehebelt werden: Wer sollte künftig für Falschparken oder Seitensprünge  zur Rechenschaft gezogen werden? Hirnimplantate? Oder doch eher ihre biologischen Träger?

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