Strategie des Immunsystems

Frau lebt seit 15 Jahren mit HIV: Die vielversprechenden Natural Killers

Elektronenmikroskopische Aufnahme mehrerer HI-Viren, die die Immunschwächekrankheit Aids auslösen können.

Elektronenmikroskopische Aufnahme mehrerer HI-Viren, die die Immunschwächekrankheit Aids auslösen können.

Madrid. Jedes Mal, wenn die Forscher im Körper der Patientin nach verbliebenen Viren Ausschau hielten, fanden sie weniger. „Es ist, als würden wir zum ersten Mal den uneingeschränkten Sieg des Immunsystems über das Virus miterleben“, sagt Josep Mallolas, der Leiter der spanischen Forschungsgruppe, im Gespräch mit „El País“.

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„Es ist herrlich zu sehen, wie das Virusreservoir immer kleiner wird. Es ist, als hätten die NK das Virus in die Enge getrieben. Und jedes Mal eliminieren sie mehr infizierte Zellen. Wahrscheinlich wird der Moment kommen, in dem das Reservoir auf null geht.“

NK steht für Natural Killers, natürliche Killerzellen. Die sind es (aber nicht nur die), die sich im Körper einer anonymen Patientin aus Barcelona seit 15 Jahren mit dem Humanen Immundefizienz-Virus (HIV) anlegen und den Kampf offenbar gewinnen. Eine Gruppe von Aids- und HIV-Forschern des Instituts für Biomedizinische Forschung August Pi i Sunyer (IDIBAPS) am Krankenhaus Clinic in Barcelona hat diese Woche über die Erkenntnisse berichtet, die sie aus der Beobachtung ihrer ungewöhnlichen Patientin gewonnen hat – und die Anstoß für weitere Erkenntnisse über die Behandlung von HIV-Patienten und HIV-Patientinnen und über die Funktionsweise des menschlichen Immunsystems geben können.

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HIV ist variantenreich

Anders als im Fall des Covid auslösenden Coronavirus, gegen das in weniger als einem Jahr ein Impfstoff gefunden worden war, gibt es gegen das HI-Virus noch keinen. Das hat zwei Gründe: Das Virus ist ausgesprochen variantenreich, ohne dass sich eine Variante gegenüber den anderen durchsetzte, und die Immunantwort des menschlichen Körpers ist im Falle von HIV deutlich komplexer als im Falle des Coronavirus. Also bleibt bisher nur die medikamentöse Behandlung, die erfolgreich, aber teuer ist. Von 37,7 Millionen HIV-Infizierten in der Welt (2020) hatten 9,5 Millionen keinen Zugang zu den Medikamenten. Die Folge sind jährlich immer noch 680.000 Aids-Tote.

Die Patientin von Barcelona wurde vor 16 Jahren schwer erkrankt ins Hospital Clinic eingeliefert und dort mit antiretroviralen Medikamenten behandelt, jenen Medikamenten, die HIV-Patienten gewöhnlich ein Leben lang einnehmen müssen, um das Virus niederzukämpfen. Gleichzeitig verabreichten die IDIBAPS-Forscher ihr und neun weiteren Patienten ein Arzneimittel namens Ciclosporin, das die körpereigene Immunabwehr lahmlegt. Nach neun Monaten setzten sie beide Medikamente ab. Ab diesem Moment begann das Immunsystem der Patientin so gut zu funktionieren, dass sie fortan keine antiretrovirale Behandlung mehr brauchte – im Gegensatz zu den anderen neun Patienten.

„Elite Controller“ kommen ohne Medikamente aus

Es gibt in der Welt wenige HIV-Patienten, die ohne medikamentöse Behandlung auskommen. Die eine Gruppe wird „Elite Controller“ genannt (weil sie zu jenen vom Schicksal Auserwählten gehören, deren Körper die Infektion unter Kontrolle haben) – die sind nie erkrankt und mussten nie mit antiretroviralen Medikamenten behandelt werden. Die andere Gruppe heißt „Post Treatment Controller“, und zu der gehört die Patientin von Barcelona: Ihr Körper hat das Virus nach einer ersten medikamentösen Behandlung unter Kontrolle. Was sie zu einem Sonderfall unter den Sonderfällen macht, ist ihre sensationelle Immunantwort nach einer ersten schweren Erkrankung in Folge des Virus. Bei anderen Post Treatment Controller war das Virus diagnostiziert worden, ohne dass sie schon Krankheitssymptome zeigten.

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„Die große Neuheit unserer Arbeit besteht darin, dass wir die Zellen charakterisiert haben, die die Kontrolle über das Virus erlangen“, erklärt die IDIBAPS-Forscherin Núria Climent – nämlich spezifische CD8+- und spezifische NK-Zellen. Die Natural Killers sind ihrem Namen gerecht geworden. Welche Rolle bei deren Aktivierung die vorige Immunsuppression durch Ciclosporin gespielt haben könnte, wollen die Forscher noch herausfinden.

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