"Gibt’s was Neues aus Griechenland?"

Frau Zervakis, ich habe Ihnen etwas mitgebracht.
Lassen Sie mich raten: Ouzo.

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Keinen Ouzo. Es ist eine bunte Tüte vom Kiosk!
Wie schön! Ich schau' gleich mal rein. Doch, die ist ganz gut gewählt.

Was zeichnet Ihrer Ansicht nach eine gute bunte Tüte aus?
Diese großen sauren Schnuller hier sind wunderbar, weil die sehr viel hergeben für 10 Cent – früher 10 Pfennig. Sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. Ebenso wie die sauren Bänder und die gelben Lachmonde, die fatalerweise im Gaumen kleben bleiben. Für eine richtig gute bunte Tüte hätte ich noch einen weichen, gezuckerten Pfirsich gewählt, eine weiße Maus und saure Gurken. Und Lakritze, natürlich.

"Die Königin der bunten Tüte" – so heißt Ihr am Freitag erscheinendes Buch, in dem Sie von Ihrer Jugend in Hamburg als Tochter griechischer Kioskbesitzer erzählen. Wie sind Sie zu diesem Titel gekommen?
Ich war die Königin der bunten Tüte, weil ich von bunten Tüten umgeben war. Ich saß sozusagen am Stoff und konnte meine Mitschüler damit beliefern. Die hatten ihre Markenpullover, ich konnte nur auf eine Weise auftrumpfen: mit bunten Tüten und meiner Expertise auf dem Gebiet. Schließlich durfte ich immer die Kioskeinkäufe im Großhandel erledigen und war somit bestens informiert über neueste Entwicklungen im Süßigkeitenfach und in der Eistruhe.

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Ihre Eltern kamen als Gastarbeiter nach Deutschland, arbeiteten in Fabriken in Hannover und Hamburg, ehe sie sich mit einem Kiosk selbstständig machten. Eine unübliche Wahl, die meisten selbstständigen Griechen suchen ihr Glück ja in der Gastronomie. Warum entschieden sich Ihre Eltern für den Kiosk?  
Meinen Eltern war sehr wichtig, dass meine zwei Brüder und ich in der Schule gut vorankamen. Sie wollten nicht, dass wir die Abende in einer Taverne verbringen mussten. Außerdem bat ich sie inständig darum, bloß keinen Imbiss aufzumachen, denn ich wollte nicht immer nach Pommes frites stinken.

Sie mussten schon in frühen Jahren im Kiosk mit anpacken. Das war bestimmt nicht Ihre liebste Art der Nachmittagsgestaltung, oder?
Die griechischen Kioske, Imbisse und Restaurants funktionieren vor allem deswegen, weil es sich um Familienbetriebe handelt. Für meine Eltern kam nicht infrage, eine fremde Person einzuarbeiten – sie hätte ja das in täglich 15 Stunden hart verdiente Geld verprassen können. Da waren meine Eltern sehr misstrauisch, also mussten meine Brüder und ich ran. Heute würde man sagen: Oh Gott, die armen Kinder, haben die denn überhaupt genügend Freizeit? Aber bei uns wurde da nicht drüber diskutiert. Das war halt so.

Haben Sie damals gegen Ihre Familie aufbegehrt?
Anders als meine Mitschüler, die ins Ausland gehen oder nach dem Abi ihren Studienort frei wählen konnten, war ich immer an Hamburg gebunden. Ich hätte gern in Berlin studiert, aber ich habe es nicht übers Herz gebracht, meine Mutter mit dem Kiosk alleinzulassen, nachdem mein Vater verstorben war. Ich wusste ja, dass sie niemals jemanden einstellen würde. Eher hätte sie noch mehr Stunden im Kiosk verbracht, und das wollte ich nicht. Klar, der Kiosk war immer auch ein Klotz am Bein. Aber ich dachte mir: Mach das Beste draus.

Haben Sie Ihre Herkunft je als Bürde empfunden?
Na ja, bei Kindergeburtstagen staunte ich über den vielen Platz in den Häusern meiner Mitschüler. Die hatten ihr eigenes Zimmer, manche sogar einen Hobbykeller – wow! Ich habe nur selten jemanden mit nach Hause gebracht, ich dachte mir immer: Was soll ich denen denn bieten, in unserer Drei-Zimmer-Wohnung?

Welchen Stellenwert nahm denn damals die sehr deutsche Institution namens "Tagesschau" bei Ihnen zu Hause ein?
Das war die heilige Viertelstunde. Ich weiß noch, wie wir Kinder im Bademantel vor dem Fernseher saßen, niemand sprach, das Telefon blieb still, solange Wilhelm Wieben, Karl-Heinz Köpcke und Dagmar Berghoff die Nachrichten verlasen. Nur die durften diesen ehrenvollen Dienst tun – dieses Gefühl hatte ich damals.

Sie sind nun selbst "Tagesschau"-Sprecherin. Spüren Sie jetzt den Nimbus der Exklusivität am eigenen Leib?
Nein, ach was, das waren ganz andere Zeiten. Der heilige Status der Fernsehnachrichten und ihrer Sprecher wurde sicher auch dadurch gestärkt, dass es damals, vor Einführung des Privatfernsehens, nur drei Programme gab. Das ist heute, in Zeiten des Internets, anders. Nachrichten sind ja jederzeit und überall erhältlich. Ich denke aber, dass in Fragen der Glaubwürdigkeit die "Tagesschau" um 20.15 Uhr immer noch eine Ausnahmestellung hat.

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Griechenland hat in den vergangenen Monaten wie sehr wenige andere Themen sonst die Nachrichten bestimmt. Sie haben im Februar dieses Jahres ihr zweites Kind zur Welt gebracht und waren bis vor Kurzem in Elternzeit – Sie mussten also nicht über Gipfelnächte und Schuldenstände berichten. War das vielleicht sogar eine willkommene Auszeit für Sie?
Oh ja. Ich habe meine Elternzeit sensationell gut gelegt. Wenn man frisch Mutter wird, schaltet man ja ab. Ich war in meinem Mikrokosmos unterwegs, und das hat mich vor einigem geschützt. Aber wenn ich beim Einkaufen an der Kasse stand und die Schlagzeilen der ausliegenden Zeitungen las, drehte sich mir der Magen um. Es war schon hart an der Grenze, wie über Griechenland gesprochen und geschrieben wurde. So, als hätte jeder einen Knüppel bekommen und die Erlaubnis draufzuhauen.

Es läuft doch aber auch so einiges schief in Griechenland, oder nicht?
Ja, das stimmt, aber man kann von Griechenland nicht erwarten, dass es genauso wird wie Deutschland. Die griechische Gesellschaft hat ihre eigene Geschichte, ihre eigenen Strukturen. Die Mentalität der einfachen Griechen, ungern Steuern zu zahlen, muss man verstehen: Es ist eine nachvollziehbare Reaktion auf die jahrzehntelange Erfahrung, von korrupten Clans regiert worden zu sein. In Deutschland ist die Bereitschaft, Steuern zu zahlen, ausgeprägter, weil die demokratischen Strukturen hier anders – besser – sind.

Sind Sie über die Jahre der Krise griechischer geworden – vielleicht, weil Sie vielen als "die Griechin" gelten?
Nein, ich bin ziemlich deutsch geprägt. Hier kriege ich meine Steuererklärung, hier gehe ich zum Arzt und werde glücklicherweise behandelt, ohne das Fakelaki, den Umschlag mit Geld, unter die Tastatur des Doktors schieben zu müssen. Aber es macht mich traurig mit anzusehen, dass die Griechen über Jahre notwendige Reformen verschleppen, dass die Jugendlichen entweder arbeitslos sind oder auswandern. Da möchte man den Griechen durchaus mal ein "Wacht endlich auf und packt es an!" zurufen.

Woraufhin Sie sich bestimmt des Vorwurfs erwehren müssten, Ihre griechischen Wurzeln vergessen zu haben.
Ich kenne diese Vorwürfe. Dennoch mühe ich mich bei Besuchen in Griechenland nicht selten damit ab, den Leuten ein realistisches Bild von Deutschland zu vermitteln. Wenn ich zum Beispiel von der geringen Rente meiner Mutter erzähle, höre ich oft: "Ach was, das kann doch gar nicht sein."

Wie oft reisen Sie zurzeit nach Griechenland?
Mindestens alle zwei Jahre, das muss sein, dann ist das Vermissen schon sehr groß. Die Wärme, die Sprache, die Gerüche, die Familie. Aber abends, wenn alle beim Essen beisammensitzen oder tanzen, ertappe ich mich dabei, dass mir diese lockere Lebensart abgeht. Dann nehme ich mir vor, irgendwann einmal für längere Zeit dort zu leben und nicht nur in den Ferien vorbeizuschauen. Das sind so Momente, in denen ich mir die Frage stelle: Was bin ich nun? Deutsch? Griechisch? Europäisch?

Wie sehen Sie das: Unterscheidet sich denn das Griechenland Ihrer Kindheit vom heutigen?
Eher nicht. Wir besuchten ja vor allem die Familie im Dorf, und dort hat sich nicht allzu viel verändert. Da wurde man früher, als Kind, zur Begrüßung von allen Tanten in bester Absicht bespuckt – "Tü, tü, tü" –, damit die bösen Geister fernbleiben, und so ist es noch heute. Wo der Außenputz bröckelt, wird getüncht, und drinnen im Haus riecht es sauber nach Chlor. Ich bekenne: Ich habe die Flasche Chlorix aus meinem deutschen Haushalt verbannt.

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Und die Krise? Hat sie die Menschen in dem Heimatland Ihrer Eltern sehr verändert?
Es berührt mich sehr, bei jedem meiner Besuche die große Herzlichkeit der Menschen zu erleben, ihre Großzügigkeit. Obwohl die Krise viele schwer trifft, verschenken sie Olivenöl, laden zu sich ein – eine Gastfreundschaft, wie ich sie nirgendwo sonst kennengelernt habe. Zwar habe ich in dem Land kein Zuhause, aber es fühlt sich an wie Heimat.

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