Katastrophe forderte Tausende Menschenleben

60 Jahre nach „The Great Smog“: Der Nebel in London lichtet sich

Ein Bus fährt am 6. Dezember 1952 durch London.

Ein Bus fährt am 6. Dezember 1952 durch London.

London. Als Prinzessin Margaret am Morgen des 6. Dezember 1952 die Vorhänge öffnet, sieht sie, noch im Morgenmantel gekleidet, hauptsächlich eines: grünlichen Dunst. Wie eine Wand behindert er die Sicht. Die Stimme eines Radiosprechers erklingt: „Der Verkehr in London ist durch dichten Nebel, der über Nacht herabgesunken ist, zum Erliegen gekommen.“ Der Rauch aus den Schornsteinen sei auf Straßenhöhe eingeschlossen – aufgrund eines beständigen Hochdruckgebietes. Daraufhin sieht man Eindrücke aus der Hauptstadt, die Westminster Bridge, den Buckingham-Palast. Alles ist dunkel, Gebäude verschwimmen hinter einem giftigen Schleier. Es bilden sich Staus, Passanten husten.

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Die Szene stammt aus der ersten Staffel der Netflix-Serie „The Crown“, welche, so betonen Experten, die Smogkatastrophe in London, „The Great Smog“, vor 70 Jahren recht realistisch darstellt – auch wenn die Details der Handlung erfunden sind. Vom 5. bis 9. Dezember 1952 brachte eine Kombination aus dem insbesondere im Winter weitverbreiteten dichten Kohlenrauch und ungewöhnlich hartnäckigem Nebel die Metropole tagelang zum Erliegen. Weil es kalt war und die Bewohner der Hauptstadt mehr heizten, bildete sich schließlich giftige Schwefelsäure. Immer mehr Londoner wurden in die Krankenhäuser eingeliefert. Als sich der Dunst am 9. Dezember verzog, war die Bilanz niederschmetternd. Tausende waren gestorben oder erlagen laut jüngeren Schätzungen in den Monaten und Jahren danach durch den Smog verursachten Atemwegserkrankungen.

„The Great Smog“ lichtet sich

Auch wenn Londoner schon früher Smog erlebt hatten, dieser löste ein Umdenken aus, wie der Stadthistoriker Jerry White in seinem Buch „London im 20. Jahrhundert“ betont. Wenige Jahre nach der Katastrophe verabschiedete die Regierung den sogenannten „Clean Air Act“, laut Experten ein Meilenstein im Hinblick auf den Umweltschutz. Im Mittelpunkt stand insbesondere das Verbot der Benutzung von Kohle zum Heizen von Wohnungen. Der Ausstoß von Rauch wurde begrenzt. In der Folge konnte die Belastung durch Aerosole deutlich reduziert werden. Danach erlebte die Stadt auch bei austauscharmen Hochdruckwetterlagen im Winter nur noch vereinzelt Smog, den letzten im Jahr 1974.

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Doch beseitigt war das Problem der Luftverschmutzung in den Jahrzehnten danach nicht. Dafür verantwortlich ist vor allem der Verkehr. Denn noch immer steckten in den meisten Bussen, Taxis und Lieferwagen, die durch die Metropole brausten, Dieselmotoren. Das Jahresmittel für Stickstoffdioxid – der Schadstoff kommt hauptsächlich vom Diesel – überschritt noch 2014 in der Oxford Street den EU-Höchstwert um ein Vielfaches. An die 40.000 vorzeitige Tote im Jahr wurden damals in Großbritannien auf zunehmende Luftverschmutzung zurückgeführt, mehrere Tausend davon in London.

Die Aktivistin Rosamund Adoo-Kissi-Debrah (von links), der medizinische Berater der Regierung Chris Whitty und der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan beim „Clean Air and Health Summit“.

Die Aktivistin Rosamund Adoo-Kissi-Debrah (von links), der medizinische Berater der Regierung Chris Whitty und der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan beim „Clean Air and Health Summit“.

Das erste Opfer, auf dessen Sterbeurkunde Luftverschmutzung als Todesursache vermerkt wurde, war die neunjährige Ella. Das Mädchen, welches ihre Mutter als fröhlich und offen beschrieb, lebte im Südosten Londons an einer stark befahrenen Straße. 2013 schließlich starb sie nach einem schweren Asthmaanfall, der zu einem Herzstillstand führte. Seitdem will ihre Mutter Rosamund Adoo-Kissi-Debrah etwas ändern. Sie wurde zu einer Aktivistin und Anwältin für bessere Luft. „Ich versuche, das Unsichtbare sichtbar zu machen. Aber wenn die Leute es nicht sehen, glauben sie es nicht“, sagte sie einmal.

Londoner sollen „bessere Luft atmen können“

Hoffnung macht, dass sich die Situation in London in den vergangenen Jahren verbessert hat. Dies ist unter anderem der Einführung der sogenannten „Ultra Low Emission Zone“ (ULEZ) im Zentrum der Stadt geschuldet, für die sich Adoo-Kissi-Debrah ebenfalls einsetzte. In diesem Gebiet müssen Fahrzeuge strenge Abgaswerte erfüllen. Tun sie dies nicht, müssen Autofahrer eine hohe Gebühr zahlen, falls sie die betroffenen Straßen dennoch befahren. Von Ex-Premierminister Boris Johnson im Jahr 2015 zu seiner Zeit als Bürgermeister angekündigt, setzte sein Labour-Nachfolger Sadiq Kahn die Idee im Jahr 2019 um.

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Vergangene Woche kündigte Khan im Rahmen einer Pressekonferenz in einer Schule im Südosten Londons überdies an, die ULEZ auf den Großraum London auszuweiten, damit Millionen Menschen „bessere Luft atmen können“, so Kahn. Bis 2041 sollen überdies 80 Prozent der Routen mit öffentlichen Verkehrsmitteln, per Fahrrad oder zu Fuß zurückgelegt werden, gab er an. Adoo-Kissi-Debrah unterstützt diese Idee: „In London sterben jedes Jahr zwischen acht und zwölf Kinder. Es muss etwas getan werden.“

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