„Null Covid“ in China

Warum Tausende Arbeiter aus der iPhone-Fabrik von Zhengzhou fliehen

Ein Mann geht am Foxconn-Logo während des Hon Hai Tech Day 2022 im Nangang Exhibition Center vorbei (Symbolbild).

Ein Mann geht am Foxconn-Logo während des Hon Hai Tech Day 2022 im Nangang Exhibition Center vorbei (Symbolbild).

Peking. Die Videoaufnahmen, die auf den sozialen Medien zirkulieren, erinnern an eine Mischung aus Flüchtlingskarawane und Gefängnisausbruch: Hunderte, möglicherweise Tausende Menschen ziehen zu Fuß durch die endlose Tiefebene der zentralchinesischen Provinz Henan. Viele von ihnen tragen ihr Hab und Gut auf ihren Schultern, einige sind sogar barfuß unterwegs – quer durch Felder und entlang mehrspuriger Autobahnen.

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Was zuvor geschah: Ein riesiges Werk vom taiwanischen Tech-Konzern Foxconn, dem weltweit wichtigsten Zulieferer für iPhones, hat bereits seit über zwei Wochen mit einem Corona-Ausbruch zu kämpfen. Bis zu 300.000 Arbeiterinnen und Arbeiter sollen in der Anlage in Zhengzhou leben, in der Apple knapp die Hälfte seiner Smartphones fertigt.

Neue Lockdown-Welle in China trifft wirtschaftlich wichtige Regionen

Bereits zu Wochenbeginn waren in 28 Städten mehr oder weniger strenge Lockdowns in Kraft.

Die dortigen Arbeiter sind seit Mitte Oktober in einem sogenannten „closed loop“ gefangen: Das bedeutet im Klartext, dass sie sich unter Quarantänebedingungen nur zwischen Fabrik und Wohnheim bewegen können – vollständig abgeriegelt von der Außenwelt. „Ein plötzlicher Corona-Ausbruch hat unser normales Leben unterbrochen“, teilte Foxconn am Freitag in einem Beitrag an seine Mitarbeiter auf der Chatplattform Wechat mit.

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Menschenunwürdige Bedingungen in der Corona-Blase bei Foxconn

Dabei handelt es sich um eine krasse Beschönigung der tatsächlichen Missstände. Wie bereits vor Tagen in verzweifelten Onlinehilferufen deutlich wurde, müssen die Bedingungen innerhalb der Corona-Blase bei Foxconn teilweise menschenunwürdig sein: Es fehle bisweilen an notwendiger Nahrung und medizinischer Versorgung. Zudem hätten viele Arbeiter und Arbeiterinnen schlicht Angst, sich innerhalb der Fabrikanlage mit dem Virus anzustecken. Unbestätigte Gerüchte, nach denen rund 20.000 Infektionen bei Foxconn registriert wurden, haben die Panik weiter angeheizt.

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Am Wochenende schließlich kletterten mutmaßlich Tausende von ihnen über die Zaunanlagen, um ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Auf unzähligen Videoaufnahmen ist zu sehen, wie die Arbeitsmigranten offenbar Hunderte Kilometer zurücklegen, um in ihre Heimatorte zurückzukehren. Einige Anwohnerinnen und Anwohner haben am Wegesrand provisorische Zelte aufgebaut und Wasserflaschen für die passierenden Fabrikflüchtlinge bereitgestellt.

Mit „rotem“ Covid-Gesundheitscode darf man sich nicht frei bewegen

Zichen Wang, der für eine staatliche Denkfabrik in Peking arbeitet, zeigt sich auf seinem Twitter-Account „traurig“ über die Bilder der verzweifelten Fabrikarbeiter. Und er klagt zudem an, dass die an der Menschenkarawane vorbeirasenden Autofahrer „zumindest den Anstand haben“ sollten, die Passagierinnen und Passagiere mitzunehmen.

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Menschen stehen vor einer Corona-Teststelle in Peking in einer Schlange.

Menschen stehen vor einer Corona-Teststelle in Peking in einer Schlange.

Doch das Ignorieren der Corona-Aussätzigen hat weniger mit individuellem Fehlverhalten zu tun, sondern vielmehr mit der Unmenschlichkeit des Systems selbst: Der Covid-Gesundheitscode der Arbeiter ist schließlich auf „rot“ gestellt. Damit dürfen sie in China derzeit weder Busse betreten noch Supermärkte besuchen noch einen der omnipräsenten Polizeicheckpoints entlang der Autobahnen passieren. Nur wer sich nicht in einem Hochrisikogebiet aufgehalten hat und sich regelmäßig einem PCR-Test unterzieht, bekommt auf seinem oder ihrem Smartphone einen „grünen“ Gesundheitscode zugewiesen – und darf sich damit frei bewegen.

Der Parteitag bestätigte die „Null Covid“-Politik

Doch trotz der radikalen Maßnahmen hält Chinas Staatsführung nach wie vor an ihrer „Null Covid“-Politik fest, bei der selbst kleinste Corona-Ausbrüche mit drastischen Lockdowns eingedämmt werden sollen. Ein Exit-Plan ist bislang nicht in Sicht, ganz im Gegenteil: Am kürzlich durchgeführten 20. Parteitag in Peking hat Staats- und Parteichef Xi Jinping die Pandemiemaßnahmen weiter als alternativlos zementiert.

26.06.2022, China, Peking: Ein Sicherheitsbeamter mit Mund-Nasen-Schutz schließt die Metallbarrikaden vor Einzelhandelsgeschäften und Wohnhäusern, die aufgrund von Corona-Maßnahmen errichtet wurden. Foto: Andy Wong/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Rückkehr in die Null-Covid-Bastion: „Die vergangenen Monate in Peking haben mich ziemlich traumatisiert“

China verfolgt nach wie vor eine extrem strenge Null-Covid-Strategie. Wer in das Land einreisen möchte, braucht also nicht nur eine Menge Zeit und Geld, sondern auch sehr viel Geduld. RND-Korrespondent Fabian Kretschmer berichtet von seiner Odyssee von Berlin nach Peking.

Dabei ist offensichtlich, dass die Lockdowns immer wieder und wieder dieselben menschlichen Tragödien auslösen: In Zhengzhou ist ein verzweifelter Bewohner nach Wochen des Eingesperrtseins aus seinem Hochhausapartment geklettert und beim Fluchtversuch mit einem Seil in die Tiefe gestürzt. In Lanzhou, der Provinzhauptstadt vom nordwestlichen Gansu, haben die Behörden mehrere Menschengruppen in öffentlichen Toiletten oder Parkplätzen eingesperrt, die kurzerhand in Quarantänelager umfunktioniert wurden. Und in Xining sind die Lebensmittelpreise aufgrund der zusammengebrochenen Logistik derart explodiert, dass es vielen Bewohnerinnen und Bewohnern am Allernötigsten fehlt.

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Das „stille Management“ der Pandemie treibt die Menschen in die Verzweiflung

Der einst hohe Zuspruch für die „Null Covid“-Politik sinkt im dritten Pandemiejahr deutlich, denn landesweit haben die Lockdowns innerhalb Chinas wieder massiv zugenommen. In den großen Metropolen wie Peking und Shanghai sind es zwar lediglich einzelne Apartmentsiedlungen, die abgeriegelt wurden. Doch weiter im Landesinneren sind ganze Millionenstädte vollständig im „stillen Management“, wie die Lockdowns in der euphemistischen Sprache der Parteiführung oft genannt werden.

Auch in Wuhan, wo vor knapp drei Jahren die ersten Covid-Fälle registriert wurden, sind ebenfalls die Barrikaden vor den Wohnhäusern wieder aufgebaut worden. Die Bilder aus der Provinzhauptstadt von Hubei stehen symbolisch für das Gefühl vieler Chinesen und Chinesinnen, in einer Endlosschleife aus rigiden „Null Covid“-Maßnahmen gefangen zu sein.

„Wir sehen eine kollektive Psychose“, sagt ein in China tätiger Gesundheitsexperte, der anonym bleiben möchte. Die „Null Covid“-Maßnahmen hätten zwar unzählige Corona-Tote verhindert, doch gleichzeitig die soziale Psyche und das gesellschaftliche Gefüge beschädigt. Was dringend notwendig sei, sei ein Ausbau der Notfallbetten und eine landesweite Impfkampagne. Stattdessen würden alle verfügbaren Ressourcen in die täglichen Massentests und Lockdowns gesteckt.

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