Krieg in der Ukraine eine der Ursachen

Rückkehr des „nördlichen Trinkverhaltens“: Russen trinken wieder mehr Alkohol

Ein Bartresen in einem Moskauer Restaurant.

Ein Bartresen in einem Moskauer Restaurant.

Moskau. Russland und der Alkohol: Das ist eine lange Geschichte von Missbrauch, aber auch ein fester Bestandteil der Lebenskultur des Landes.

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Schon der sowjetische Staatsführer Michail Gorbatschow versuchte das Problem Mitte der 1980er-Jahr durch eine Antialkoholkampagne anzupacken, die zwar gesundheitspolitisch äußert erfolgreich, gleichzeitig aber sehr unpopulär war und deswegen 1988 beendet wurde.

Unter dem trinkfreudigen Präsidenten Boris Jelzin geschah in den Neunzigerjahren nicht viel, um den Alkoholismus einzudämmen, doch von 2005 an gingen die verschiedenen russischen Regierungen das Problem unter dem abstinent lebenden Präsidenten Wladimir Putin wieder an – allerdings auf weniger drastische Art und Weise als unter Gorbatschow: Statt die Zahl der Verkaufsstellen über die Hälfte zu reduzieren, Destillerien und Brauereien massenhaft zu schließen und Hunderttausende Hektar Weinanbaufläche zu vernichten, wurde die Verfügbarkeit von Alkohol in moderater Weise eingeschränkt, die aber spürbarer ist als etwa in Deutschland. In Lebensmittelläden und Kiosken herrschen Verkaufsverbote am frühen Morgen und am späten Abend. Der Genuss alkoholischer Getränke in der Öffentlichkeit ist untersagt. Außerdem setzte die Staatsduma die Branntweinsteuer und den Mindestpreis für Likör und Schnaps immer wieder deutlich in die Höhe, für Autofahrerinnen und -fahrer gilt seit 2010 eine Null-Promille-Grenze.

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Die obligatorische Wodkakaraffe zum Essen ist nicht mehr in Mode

All diese Maßnahmen erwiesen sich als durchaus erfolgreich. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) attestierte Russland in ihrem „Globalen Statusbericht zu Alkohol und Gesundheit“ von 2018, dass der Pro-Kopf-Konsum von reinem Alkohol von 2007 bis 2016 um 3,5 Liter gesunken sei.

Der „World Population Review“, der seine Daten aus öffentlich zugänglichen Quellen wie etwa denen der Vereinten Nationen bezieht, weist aktuell für Deutschland sogar einen höheren Pro-Kopf-Alkoholkonsum (12,8 Liter) als für Russland (10,5 Liter) aus. Das mag erstaunen, widerspricht es doch dem sich hartnäckig haltenden Klischee der trinkfreudigen Russen und Russinnen.

Ganz so verwunderlich sind die Werte des „World Population Review“ allerdings nicht. Gefühlt hat sich der Alkoholkonsum in Moskau, Sankt Petersburg und anderen Großstädten in den vergangenen 20 Jahren tatsächlich verringert. Wurde dort in den Nullerjahren in den Gaststätten durchaus noch häufig die obligatorische Wodkakaraffe zum Essen geordert, so sieht man das heute so gut wie nicht mehr.

Viel gepanschter Fusel

Trotzdem muss man mit den Zahlen vorsichtig sein. Denn in Russland herrscht eine lange Tradition der Schwarzbrennerei. Kaum ein Schaschlikgrillen vergeht, ohne dass einem der „Samogon“ (selbst gebrannter Schnaps) aufgedrängt wird, der natürlich stets als besonders guter Stoff angepriesen wird, der in seiner mitunter zweifelhaften Qualität aber immer wieder zu Massenvergiftungen – manchmal mit Todesfolge – führt.

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Alkoholflaschen in einem Geschäft in St. Petersburg.

Alkoholflaschen in einem Geschäft in St. Petersburg.

Der gepanschte Fusel, der vor allem in der Provinz hergestellt und konsumiert wird, macht es zudem schwer, den tatsächlichen Alkoholkonsum in Russland zu erfassen. Klar ist, dass auf dem weiten Land, wo häufig eine allgegenwärtige Perspektivlosigkeit vorherrscht, mehr getrunken wird als in den Städten. Wieviel „Samogon“ die Menschen aber genau konsumieren, weiß niemand.

Nach Auffassung von Jewgenij Jakowlew, der an der New Economic School in Moskau die Auswirkungen des Alkoholkonsums auf das russische Gesundheitssystem erforscht, würde der schwarzgebrannte Schnaps bei einer Einberechnung den statistisch ausgewiesenen Wert seit einigen Jahren ziemlich stabil um knapp 10 Prozent erhöhen.

Imageproblem Alkohol

Ob die gemeldeten Zahlen zum Alkoholkonsum in Russland die Realität widerspiegeln ist aber auch aus politischen Gründen anzuzweifeln. Denn natürlich wissen die Verantwortlichen, wie schädlich die notorische Trunksucht der Russen und Russinnen nicht nur für die Wirtschaft des Landes ist, sondern auch für sein Image nach außen hin.

Sensationelle Erfolge bei der Bekämpfung des Alkoholmissbrauchs, wie sie die damalige Gesundheitsministerin Weronika Skworzowa im Januar 2018 vermeldete, klangen damals auf Anhieb zu schön, um wahr zu sein. Um sagenhafte 80 Prozent sei der Alkoholkonsum in Russland seit 2013 gesunken, teilte die Ressortchefin damals mit. Der russische Dienst der BBC recherchierte nach und konnte diesen extremen Rückgang anhand der vorliegenden Daten der russischen Statistikbehörde Rosstat nicht nachvollziehen. Vielmehr kam die BBC sogar zu dem Ergebnis, dass es 2017 gegenüber dem Vorjahr sogar zu einem leichten Anstieg des Alkoholkonsums gekommen sein musste.

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Ein heikles Thema also für die russische Politik, das im Jahr 2022 nach Jahren des rückläufigen Alkoholkonsums wieder größer wurde: Wie das Marktforschungsunternehmen Nielsen IQ ermittelte, stieg der Absatz von Alkohol 2022 in Russland mengenmäßig um 4,2 Prozent gegenüber 2021. In Rubel bricht Wadim Drobis, Direktor des Forschungszentrums für die föderalen und regionalen Alkoholmärkte (CIFFRA), die Zahlen folgendermaßen herunter: „Im Vergleich zu entsprechenden Zeiträumen im Jahr 2021 gaben die Konsumenten 8 Prozent mehr für Bier, 6 Prozent mehr für Wein und 7 bis 8 Prozent mehr für Wodka aus“, sagte er dem Nachrichtenportal Lenta.ru.

Als Hauptgrund für diese Entwicklung nennt Drobis den Ukraine-Konflikt: „Wir hatten 2022 eine militärische Operation und mit ihr einhergehend eine sozioökonomische Krise. In Krisen trinken die Menschen immer mehr Alkohol.“ Tatsächlich schrumpfte das russische Bruttoinlandsprodukt aufgrund der westlichen Sanktionen und hohe Inflationsraten beschnitten die verfügbaren Einkommen der Menschen in Russland, was natürlich die Sorgen wachsen lässt.

Trinken im Urlaub fiel 2022 aus

Aber das erklärt nicht alles. Auf eine weitere Ursache für den erhöhten Konsum berauschender Getränke, die Drobis anführt, wäre man nicht so ohne Weiteres gekommen: „2021 sind noch viele Angehörige der Mittelklasse in den Urlaub ins Ausland gefahren und haben dort viel getrunken. Zwei oder drei Reisen pro Jahr bedeuten eine substanzielle Menge des Alkoholkonsums.“ Weil Reisen aufgrund der westlichen Sanktionen nun nicht mehr ohne Weiteres möglich seien, würde diese Menge nun in Russland konsumiert, sagt der CIFFRA-Direktor. Das Ballermann-Phänomen gab es also so ähnlich auch in Russland, und nun wirkt es nicht mehr.

Der Demographieexperte Alexej Raschka hält den nun wieder gestiegenen Alkoholkonsum in Russland auch aufgrund des Trinkverhaltens für gefährlich. Insgesamt würden die Russen und Russinnen pro Kopf je nach Schätzung zwischen neun und 13 Liter reinen Alkohols pro Jahr trinken – in westlichen Ländern sei das mengenmäßig in etwa das Gleiche.

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Leider werde in Russland aber ein „nördliches Trinkverhalten“ praktiziert, bei dem eine große Anzahl von Getränken auf einmal zu sich genommen wird. „Dies ist sehr gefährlich und tödlich“, warnt Raschka, „im Gegensatz zum südlichen Typ, bei dem nicht sehr große Mengen Alkohol – Wein oder Bier – regelmäßig konsumiert werden. Es gibt einen grundlegenden Unterschied in der Sterblichkeit zwischen diesen beiden Arten des Konsums.“

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