Sitt und Anstand

Gescheiterte Wortkomposition: "Sitt" als Ausdruck für "nicht durstig sein" konnte sich nicht durchsetzen. Das hatte 1999 Jascha Froer aus Ludwigsburg vorgeschlagen.

Gescheiterte Wortkomposition: "Sitt" als Ausdruck für "nicht durstig sein" konnte sich nicht durchsetzen. Das hatte 1999 Jascha Froer aus Ludwigsburg vorgeschlagen.

Forscher ohne nennenswertes Privatleben haben herausgefunden, dass die deutsche Sprache über 5,3 Millionen unterschiedliche Wörter verfügt. Darunter sind fragwürdige Komposita wie Straßenbegleitgrün und Bibabutzemann sowie ein Dutzend Verbalexperimente, die Rainer Brüderle exklusiv verwendet.

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Trotzdem mangelt es dem Deutschen an eigenen Wörtern für fundamentale Vorgänge, zum Beispiel das "frühe Aufstehen, um Vögel zu beobachten", was im Schwedischen bekanntlich "Gökotta" heißt. Die türkische Sprache dürfen wir um ein Verb beneiden, das "Nein sagen und Ja meinen" bedeutet: "nazlanmak". Auch nimmt es mich Wunder, wie wir all die Jahre ohne eine eigene Vokabel für den Kauf von Büchern nicht zum Zwecke des Lesens, sondern um sie auf Tischen, Regalen oder Fußböden zu stapeln, auskamen. Das Japanische bezeichnet diese sympathische Schrulle als "Tsundoku". Wie oft saß ich schon hirnmelkend auf meinem Wortschemel auf der Suche nach einer Vokabel für kontemplatives Bücherstapeln.

Eine der bekanntesten deutschen Sprachlücken ist ein Wort für den Zustand des Nichtmehrdurstigseins, also das Äquivalent zu "satt". 1999 machte sich die Dudenredaktion für das Kunstwort "sitt" stark. Diese Initiative wurde weiland vom Getränkehändler meines Vertrauens vehement unterstützt – nicht zuletzt deshalb, weil das inhabergeführte Unternehmen den fröhlichen Namen "Sitt Getränkemarkt" führt. Im Erfolgsfall hätten die Dudenjungs gleich noch Wörter für "ausreichend sonnengebräunt" (sott), "lange gesessen habend" (sett) und das Gefühl, den Pfandflaschenrückgabeautomaten aus den Angeln reißen zu wollen (sutt) etablieren können.

"Sitt" hat sich jedoch nicht durchgesetzt. Aber wie jede RTL-II-Doku zeigt: Die Sprache hält vieles aus, und wirklich jeder darf mittun. So möchte ich mich anheischig machen, das bisher unbenannte Gefühl, das Äußerste an Wohlbefinden aus wirklich jeder Situation zu ziehen, als "gnülpfig" zu bezeichnen. Möglich, dass die Verwendung dieses Wortes die Gefahr einer Blamage mit sich bringt. Im Finnischen gibt es dafür das schöne Wort "kehdata": Handeln im vollen Bewusstsein, dass die Folgen peinlich sein könnten. Eine Vokabel, die ich praktisch täglich brauchen könnte. Gnülpfiges Wochenende!

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