„Wirtschaftlich wirklich fragile Gruppe"

Abtreibungsverbote in den USA treffen Frauen mit geringem Einkommen besonders hart

Gegen die Verbote und die Beschränkungen von Abtreibung regt sich Protest - so wie hier in New York. "Abtreibung ist Gesundheitsversorgung" steht auf der Fahne der Demonstrantin.

Gegen die Verbote und die Beschränkungen von Abtreibung regt sich Protest - so wie hier in New York. "Abtreibung ist Gesundheitsversorgung" steht auf der Fahne der Demonstrantin.

New York. Eine Texanerin mit einem Kleinkind wollte gern wieder arbeiten, weil auch ihr Mann nicht viel verdient, aber die Kinderbetreuung wäre so teuer, dass sich das kaum lohnen würde. Eine junge Arbeiterin in einem Lagerhaus in Florida hat es mit Ach und Krach geschafft, nach Obdachlosigkeit und Misshandlung wieder etwas Fuß zu fassen, aber sie hat Schulden. Als beide erfuhren, dass sie schwanger seien, kamen sie zum selben schmerzlichen Schluss, dass es für sie einfach nicht geht.

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„Wenn du versuchst, die Alternativen zu diskutieren, findest du die Probleme. Wenn wir das (die Elternschaft) täten, wo würde das Baby bleiben?“ sagt Alyssa Burns, die Lagerarbeiterin, die umgerechnet 16 Euro in der Stunde verdient und eine Wohnung mit ihrem Freund und einem weiteren Paar teilte, als sie im vergangenen Jahr schwanger wurde. „Wir beide arbeiten Vollzeit. Meine Mutter arbeitet. Wir können uns keine Kinderbetreuung leisten.“

Finanzielle Situation beeinflusst Entscheidung über Abtreibung

Es gibt eine ganze Reihe von Gründen, warum sich Frauen für eine Abtreibung entscheiden. Aber für jene, die Mühe haben, finanziell über die Runden zu kommen, ist die Geldfrage unausweichlich ein Teil des Kalküls. Jetzt, nachdem das Urteil des höchsten US-Gerichts zur Aufhebung des Verfassungsrechts auf Schwangerschaftsabbruch Abtreibungsverbote und -beschränkungen in der Hälfte des Landes bewirkt hat, werden viele von ihnen in Lebensumstände gestoßen, die sie sich nicht leisten können.

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Abtreibungsrecht in den USA gekippt: Was bedeutet das Urteil für Deutschland?

Mit der Aufhebung des Abtreibungsrechts in den USA entstanden einige Demonstrationen und Diskussionen. Was könnte dieses Urteil für Deutschland bedeuten?

Eine Studie der Forschungseinrichtung Guttmacher Institute im Jahr 2014 ergab, dass drei Viertel der Frauen, die abtreiben wollten, Geringverdienerinnen waren. Das heißt, sie hatten ein Familieneinkommen unterhalb der Armutsgrenze oder allenfalls das Doppelte des Grenzbetrages. Mehr als die Hälfte hatte bereits Kinder, und viele verdienten ihr Geld in physisch anstrengenden Jobs mit geringeren Arbeitsschutzmaßnahmen und weniger Flexibilität als es höher bezahlte Stellen bieten.

„Wir sprechen von einer wirtschaftlich wirklich fragilen Gruppe, oft mit Stundenlöhnen, mit Schichtarbeit, sehr unberechenbaren Arbeitszeitplänen, für die das wirklich überwältigend wird“, sagt Volkswirtschaftlerin Caitlin Myers vom Middlebury College, die auf das Thema Fortpflanzung und Wirtschaft spezialisiert ist.

Junge Frau muss für Abtreibung von Texas nach New Mexico fahren

Die 24-jährige Burns war in der Lage, ihre etwas über sechswöchige Schwangerschaft im März 2021 abzubrechen, denn Florida hatte damals kein Gesetz dagegen, jetzt verbietet der Staat die meisten Abtreibungen nach 15 Wochen. Burns denkt nach eigenen Angaben viel daran, dass sie in einem anderen Staat und in einer anderen Zeit vielleicht gezwungen gewesen wäre, das Kind zur Welt zu bringen - eine Vorstellung, so sagt sie, die sie verfolgt.

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Die texanische Mutter musste zum Schwangerschaftsabbruch in einen anderen US-Staat reisen. Texas hat schon im Herbst vergangenen Jahres alle Abtreibungen nach etwa sechs Wochen Schwangerschaft verboten, und die gelernte Frisörin fand kurz vorher heraus, dass sie schwanger ist. „Ich war so am Ende“, sagt die 30-Jährige, die wie Burns ihre Erfahrung via die Fraueninteressengruppe MomsRising schilderte, aber anonym bleiben wollte - aus Furcht, in ihrem konservativen texanischen Wohnort belästigt zu werden. Sie habe gewusst, dass sie sich das Kind nicht leisten konnte, sagt sie, hatte sie doch bereits Mühe, für ihren ersten Sprössling aufzukommen.

Am Ende konnte sie in New Mexico ihre Schwangerschaft abbrechen, mit finanzieller Hilfe der Organisation Planned Parenthood. Aber umgerechnet etwa 1000 Euro kamen aus eigener Tasche, und ihr Mann musste unbezahlten Urlaub von seiner Arbeit nehmen, um sie begleiten zu können. Ohne das Gesetz in Texas hätte sie eine nur 20 Minuten entfernte Klinik aufsuchen können, sagt die Amerikanerin.

Abtreibungsverbote gehen mit schwachem sozialen Netz einher

Viele Abtreibungsgegner argumentieren, dass es nicht die richtige Antwort sei, Schwangerschaftsabbrüche zu erleichtern, sondern vielmehr, das soziale Sicherheitsnetz auszuweiten und es leichter zu machen, Kinder zu haben. Aber Realität ist, dass US-Staaten mit einigen der striktesten Abtreibungsgesetze zu jenen zählen, in denen es am schwierigsten ist, Kinder aufzuziehen - besonders für die Armen, wie eine Datenanalyse der Nachrichtenagentur AP ergeben hat.

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In Mississippi beispielsweise gibt es seit dem Gerichtsurteil im Juni weniger Zugang zur Gesundheitsversorgung vor und nach der Geburt, was diese für arme Frauen und Kinder noch gefährlicher macht.

Ungewollte Schwangerschaft vervierfacht Armutsrisiko

Generell vervierfacht eine ungewollte Schwangerschaft die Möglichkeit, dass eine Frau und ihr Kind unterhalb der Armutsgrenze leben werden, wie ein Forschungsprojekt der University of California San Francisco ergeben hat. Die Studie umfasste einen Zeitraum von zehn Jahren.

Burns sagt, dass sie und ihr Freund davon träumten, eines Tages eine Familie zu haben, aber erst einmal Stabilität benötigten. Sie ging zum ersten Mal in ihrem Leben zu einem Zahnarzt, Löcher wurden gefüllt, Weisheitszähne gezogen und einige Kronen eingesetzt. Aber machte dadurch mehr Schulden, die sie mit einem Baby noch schwerer abzahlen könnte.

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„Wir haben die vergangenen eineinhalb Jahre damit verbracht zu versuchen, unsere finanziellen Dinge und unsere Gesundheit in Ordnung zu bringen“, sagt Burns. Ziel sei es, an einen Punkt zu gelangen, an dem sie wahrscheinlich ein Kind haben könnten - ohne ihm „mit unseren eigenen Problemen zu schaden“.

RND/AP

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