Keine unabhängige Bestätigung

Nach Abzug der russischen Truppen: Ukrainer berichten von „Folterzellen“

Ein ukrainischer Soldat verlässt in einem zurückeroberten Dorf einen Keller, der nach Angaben der ukrainischen Behörden während der russischen Besatzung angeblich als Folterzelle benutzt worden sein soll.

Ein ukrainischer Soldat verlässt in einem zurückeroberten Dorf einen Keller, der nach Angaben der ukrainischen Behörden während der russischen Besatzung angeblich als Folterzelle benutzt worden sein soll.

Kosatscha Lopan. In einem feuchten Keller hinter dem örtlichen Supermarkt im Dorf Kosatscha Lopan ist eine Ecke des Raumes mit Metallgestänge abgetrennt, bildet eine große Zelle. Schmutzige Schlafsäcke und Bettdecken liegen auf Styropor-Platten, wohl als Isolation gegen die Nässe gedacht, auf dem bloßen Erdboden. Zwei schwarze Eimer dienten als Toiletten. Ein paar Meter außerhalb der vergitterten Zelle stehen drei klapprige Stühle an einem Tisch, Zigarettenstummel und leere Schalen von Kürbiskernen übersäen den Boden um sie herum.

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Ukrainische Stellen sagen, dass dies hier ein improvisiertes Gefängnis gewesen sei, in dem russische Kräfte Menschen misshandelten, bevor ukrainische Soldaten bei ihrer jüngsten Gegenoffensive durch das nordöstliche Dorf fegten. Kosatscha Lopan, dessen Rand weniger als zwei Kilometer von der Grenze zu Russland entfernt ist, wurde am 11. September nach monatelanger russischer Besetzung befreit. Es liegt in der Region von Charkiw, wo dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zufolge seit dem hastigen Abzug der Russen mehr als zehn solcher „Folterkammern“ entdeckt worden sind.

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Folterwerkzeuge sichergestellt

Die Angaben darüber, was in dem Raum in Kosatscha Lopan geschah, konnten bislang nicht unabhängig bestätigt werden. Nach einer Mitteilung der regionalen Staatsanwaltschaft betrieb eine von den russischen Besetzern gebildete örtliche Polizeieinheit das Gefängnis, in dem Folterwerkzeuge sichergestellt worden seien. Von der Anklagebehörde veröffentlichte Fotos zeigten ein russisches Militärtelefon mit zusätzlichen Drähten und daran befestigen Krokodilklemmen. Ukrainische Offizielle werfen russischen Kräften vor, diese Telefone aus der Sowjetära als Stromquelle zu nutzen, um Gefangene bei Verhören mit Elektroschocks zu quälen.

In seiner abendlichen Rede an die Nation am Samstag erwähnte Selenskyj einen weiteren Ort am Bahnhof in Kosatscha Lopan, an dem ein „Raum zur Folter“ und Folterwerkzeuge entdeckt worden seien. AP-Journalisten sahen die erste, aber nicht die zweite genannte Zelle. Selenskyj verglich die Russen mit den Nazis im Zweiten Weltkrieg. „Und sie werden sich auf die gleiche Weise verantworten, auf den Schlachtfeldern und in Gerichtssälen“, sagte er.

In mehreren befreiten Gebieten sind Grabstätten entdeckt worden,  ukrainischen Offiziellen zufolge allein über 440 Gräber in der Stadt Isjum. Nach Angaben von Selenskyj liegen dort sowohl die Leichen von Zivilisten, darunter Kinder, als auch von Soldaten. Die Körper hätten Spuren eines gewaltsamen Todes aufgewiesen, in einigen Fällen möglicherweise von Folter. Auch in Kosatscha Lopan sucht eine Mannschaft nach Gräbern mit möglichen Opfern von Misshandlungen in dem Gefängnis, wie ihr Leiter Witalij schildert. Aus Sicherheitsgründen wollte der Nationalgardist nur seinen Vornamen genannt haben.

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Das Team birgt in der Gegend auch Leichen, die noch auf dem Schlachtfeld liegen -  auf Äckern oder auch in ausgebrannten Panzern, da, wo die Männer gefallen sind, als die ukrainischen Soldaten in ihrer Gegenoffensive die Invasoren bis über die Grenze nach Russland zurückdrängten. Aber Artillerie-Geschütze fliegen weiter pfeifend durch die Luft, abgefeuert von russischem Territorium, schlagen dumpf und mit schwarzen Rauchschwaden auf ukrainischem Gebiet ein.

Drohnen entdecken Leichen

Trotz des Beschusses schlängelt sich eine kleine Gruppe von Soldaten einen zerfurchten schlammigen Pfad entlang, dorthin, wo ein toter ukrainischer Kämpfer liegt. Eine Drohne, die nach Leichen und flachen Gräbern sucht, hat ihn entdeckt. „Es ist ein Risiko. Wir setzen stets unser Leben aufs Spiel, und jeden Augenblick könnte ein Geschoss von russischem Territorium kommen“, sagt Witalij.

Der gefallene Ukrainer liegt auf dem Rücken, trägt eine gepanzerte Weste und einen Helm, unter dem der Schirm einer Kappe hervorragt - sie sollte ihn bei seinem Einsatz vor blendender Sonne schützen. Die Leiche ist offensichtlich schon seit langem hier. Die Soldaten dokumentieren die Szene und legen die sterblichen Überreste in einen Leichensack, bevor sie sich auf dem Pfad weiter vorwärts bewegen, in Richtung eines verkohlten russischen Panzers. Es bedarf nur eines Ukrainers aus der Mannschaft, um den Sack mit den Überresten des Russen davonzutragen, der in dem Wrack gefunden worden ist.

Es würden Autopsien folgen, Einzelheiten über die Orte aufgezeichnet und an Ermittler weitergegeben, die untersuchten, ob es sich um Kriegsverbrechen handele, sagt Witalij. Überall im Grenzgebiet, in dem heftige Kämpfe wüteten, gibt es massive Verwüstungen, Häuser sind zerbombt und abgebrannt, Straßen mit Kratern von explodierten Granaten übersät, und an ihren Rändern liegen zerschellte Autos.

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Einwohner sind nach dem Abzug der Russen zurückgekehrt, um zu sehen, was von ihren Häusern übrig geblieben ist. „Drei Tage, bevor wir uns zum Weggehen entschlossen hatten, war es hier wie eine Hölle“, schildert die 56-jährige Laryssa Letjutscha im Dorf Prudjanka mit Blick auf das ständige Geschützfeuer. „Es kam von allen Seiten... Wir versteckten uns im Keller, und unsere Tür wurde weggesprengt.“

Sie flüchtete im April mit ihrer Familie und kehrte ein paar Tage nach der Befreiung des Dorfes durch die ukrainischen Soldaten zurück, um einen Blick auf ihr Haus zu werfen. Aber was sie sah, war „Horror“, wie sie es beschreibt. „Ich kann mich immer noch nicht berappeln. Wir haben hier unser ganzes Leben lang gewohnt. Wir haben es gebaut, Renovierungen vorgenommen. Wir haben unser ganzes Leben darin investiert.“

Die Fenster sind zertrümmert, und von der Decke tropft es, ein Stück wurde durch eine Explosion weggerissen. Von dem kleinen Haus, das ihre Eltern auf demselben Grundstück gebaut hatten, fehlt die ganze hintere Hälfte, überall ist Schutt. Es sei einfach schrecklich, sagt Letjutscha. „Ich weiß nicht einmal, ob wir all dies wieder aufbauen werden.“

RND/AP

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