„Ich würde nirgendwo anders sein wollen“

Berichterstattung in Ukraine: Reporterinnen zeigen auch „menschliche Seite“ des Krieges

Eine ältere Dame wird bei der Überquerung des Flusses Irpin unter einer zerstörten Brücke unterstützt, während Zivilisten aus der Stadt Irpin in der Ukraine fliehen.

Eine ältere Dame wird bei der Überquerung des Flusses Irpin unter einer zerstörten Brücke unterstützt, während Zivilisten aus der Stadt Irpin in der Ukraine fliehen.

Los Angeles. „Die Menschen sind so erschöpft, sie können kaum laufen“, sagte CNN-Korrespondentin Clarissa Ward, nachdem sie eine Live-Schalte, die ukrainische Geflüchtete zeigt, kurzerhand unterbrach, um einem älteren Mann und einer Frau zu helfen, die auf einem völlig zerstörten Weg ins Straucheln kamen. „Es ist ein schrecklicher, schrecklicher Schauplatz.“

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Auch Lynsey Addario, die für die New York Times fotografiert, dokumentiert das Grauen des Ukraine-Krieges. Ein Foto, das sie in der vergangenen Woche aufnahm, zeigt eine Mutter und ihre zwei Töchter, die nach russischem Granatenbeschuss tot am Boden liegen.

+++ Alle aktuellen News und Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine lesen Sie in unserem Liveblog. +++

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Addario und Ward sind Teil einer neuen Generation von Journalistinnen, die als Augenzeuginnen in der Ukraine im Einsatz sind und deren Fokus gleichermaßen auf Taktiken und humanitären Folgen des Krieges liegt.

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Dass Frauen überhaupt aus Kriegs- und Krisengebieten berichten, bedurfte jahrelanger Kämpfe und hat die Art und Weise der Berichterstattung verändert. Es gebe absolut keinen Zweifel daran, dass die Berichterstattung menschlicher geworden sei, sagt Elizabeth Becker, die ein Buch über die US-Amerikanerin Frances FitzGerald, die Australierin Kate Webb und die Französin Catherine Leroy geschrieben hat. Die drei Frauen berichteten während des Vietnamkriegs teils auf eigene Kosten und ohne feste Anstellung aus Südostasien.

Die Vorreiterinnen der Kriegsberichterstattung

Becker, die selbst Korrespondentin während des Kriegs in Kambodscha in den 1970ern war, bezeichnet FitzGerald, Webb und Leroy als Vorreiterinnen der modernen Kriegsberichterstattung, die durch Wagemut und Innovation mit der männlichen Vorherrschaft in dem Feld brachen.

Es habe die Newcomerin und spätere Pulitzer-Preisträgerin FitzGerald gebraucht, die fragte: „Ok, was bedeutet das für die Vietnamesen und die Dörfer?“, um den Blick über das Schlachtfeld hinaus auszuweiten.

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Auch Edith Lederer, die ab 1972 für die Nachrichtenagentur AP in Vietnam arbeitete, sagt, dass es ihren Vorgängerinnen während des Vietnamkriegs gelungen sei, „eine Barriere zu durchbrechen und Frauen gleichberechtigt mit Männern auf das Schlachtfeld zu bringen.“

Vor dem Vietnamkrieg - etwa während des Zweiten Weltkriegs und während des Koreakriegs - wurden Frauen in der Kriegsberichterstattung noch mit vielen Hindernissen und Vorurteilen konfrontiert. Die US-Journalistin Martha Gelhorn musste sich etwa an Bord eines Lazarettschiffs schmuggeln, um die Landung der Alliierten in der Normandie im Zweiten Weltkrieg mitzuerleben.

Die neue Generation von Kriegsreporterinnen

Ward und andere Journalistinnen, die in der aktuellen Berichterstattung aus der Ukraine gut vertreten sind, zollen Wegbereiterinnen wie FitzGerald und Gelhorn Tribut. Doch auch Journalistinnen wie Christiane Amanpour, die als internationale Chefkorrespondentin für CNN über Konflikte der jüngeren Vergangenheit im Nahen Osten und in Südosteuropa berichtete, gebührt ihr Respekt.

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Aus Kriegsgebieten zu berichten erfordere, „Sendungsbewusstsein, Zielstrebigkeit und ein Gefühl, in der Lage zu sein, eine Geschichte zu erzählen“, sagt Amanpour. „Und wie es scheint, sind Frauen wirklich sehr gut darin.“

Ihre Generation und sie selbst hätten aber noch zu „der langen Reihe der seltenen, weiblichen Außenkorrespondenten“ gehört, sagt Amanpour. Inzwischen hätten sich die Medien – bis auf die Bezahlung – aber zu einem frauenfreundlichen Berufszweig gewandelt.

Ward urteilt: „Frauen haben oft eine andere Perspektive auf den Krieg, und das stand lange Zeit nicht wirklich im Vordergrund der Berichterstattung.“ Sie strebe an, die Menschlichkeit hinter der Geschichte mit einzubeziehen, die Erfahrungen gewöhnlicher Menschen, die in Kriegsgebieten leben. „Für mich ist das genauso wichtig wie die militärische Komponente.“

Ward bemängelt auch, dass die Zahl der Fernsehkorrespondentinnen zwar wachse, es aber insgesamt immer noch ein ziemlich männerdominierter Berufsstand sei.

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Ein Bericht der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung aus dem Jahr 2020 bestätigt dies. Insgesamt überwiegt demnach im Journalismus – trotz einer sich wandelnden Medienbranche – nach wie vor der Anteil an Männern. „Die Mehrheit der Journalisten in den Redaktionen weltweit sind Männer“, heißt es in dem Bericht, der sich auf mehrere länderübergreifende Studien stützt.

Viele männliche Kollegen tragen ebenfalls zu nuancierter Berichterstattung bei, wie Martha Raddatz vom Nachrichtensender ABC News sagt. Doch sie erinnere sich auch an die Zeit, in der Männer zu einer Vorliebe für Ausrüstung tendierten wie zum Beispiel Flugzeuge. Raddatz berichtete in den späten 1990ern aus Bosnien sowie aus dem Irak und Afghanistan. Am Freitag kehrte sie in die Ukraine zurück, von wo sie bereits zuvor berichtet hatte.

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Raddatz nimmt deutliche Veränderungen für sich und ihre Kolleginnen in der Kriegsberichterstattung wahr. „Ich erinnere mich, dass ich im Irak immer dachte, wenn mir etwas zustieße, würde die Reaktion lauten: "Wie kann sie das nur tun, da rübergehen, wenn sie zwei Kinder hat?"“, sagt sie. Bei männlichen Kollegen habe es solche Reaktionen damals nicht gegeben. Sie glaube nicht, dass dies heutzutage noch so sei.

„Ich würde im Moment nirgendwo anders sein wollen.“

Die Sorge um die Familie spielt eine große Rolle in der Kriegsberichterstattung und ist eine zusätzliche Belastung. Ihre Eltern hätten sich im Vorfeld des russischen Angriffs auf die Ukraine mehr Sorgen gemacht als bei ihren früheren Einsätzen, unter anderem im Irak, sagt Erin McLaughlin, Korrespondentin für NBC News. „Mein Bruder hat das Wochenende bei ihnen verbracht, weil sie so nervös waren. Es war wirklich hart, aber gleichzeitig haben sie verstanden, dass dies meine Berufung ist. Es ist ein wichtiger Job, und jemand muss ihn machen.“

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Ihre Arbeit fordere einen hohen Tribut, sagt Ward, die verheiratet ist und zwei Kinder hat. Sie habe den vierten Geburtstag ihres Sohnes verpasst, sagt sie nach einem weiteren anstrengenden Tag in der Ukraine mit von Emotionen bewegter Stimme. „Ich behaupte nicht, dass das nicht schwer ist. Aber ich würde im Moment auch nirgendwo anders sein wollen.“

Für Yonat Friling, die aus Israel stammt und für Fox News arbeitet, ist die Berichterstattung aus der Ukraine aus einem anderen Grund eine sehr emotionale Angelegenheit. Als sie sich kürzlich dem Flüchtlingsstrom anschloss, der Kiew verließ, seien bei ihr Erinnerungen an ihre Großeltern und deren Flucht vor den Nazis und den sowjetischen Besatzern in den 1940er Jahren hochgekommen. „Ich sah Kinder und Frauen, und ich sah meine Großeltern in ihren Gesichtern. Ich weiß, wie sehr dies ihr ganzes Leben und die nächsten Generationen beeinflussen wird“, sagt Friling.

RND/AP

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