Chile wählt Präsidenten: Jungsozialist gegen Nazi-Sohn

Präsidentschaftskandidat Gabriel Boric bei einer Wahlkampfveranstaltung.

Präsidentschaftskandidat Gabriel Boric bei einer Wahlkampfveranstaltung.

Bogota. Stimmen die Umfragen, dann darf sich das chilenische Wahlvolk am Sonntag auf einen spannungsgeladenen Abend freuen. Denn der junge Sozialist Gabriel Boric (35) und der Konservative Jose Antonio Kast (55) liegen offenbar Kopf an Kopf, wenngleich die Demoskopen Boric leicht vorne sehen.

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Im ersten Wahlgang kam Kast von der rechtsnationalistischen Partido Republicano auf 28 Prozent der Stimmen, Linkspolitiker Gabriel Boric, einer der führenden Köpfe der Studentenbewegung, führt das kommunistisch-sozialistische Bündnis Apruebo Dignidad.

Wahl zwischen Kast und Boric ist eine Richtungswahl

Wenn die Formulierung „Polarisierung“ in der Wahlkampfberichterstattung oft inflationär gebraucht wird, dann trifft sie auf die Ausgangslage in der Andennation exakt zu. Denn die Wahl zwischen Kast und Boric ist eine tatsächliche Richtungswahl, eine Entscheidung für eine sozialistische oder eine markwirtschaftliche Wirtschaftspolitik, eine Entscheidung zwischen konservativer oder progressiver Gesellschaftspolitik, die Entscheidung, ob die junge oder die etwas ältere Generation das Land führen soll. Eine Entscheidung, ob die für die global angestrebte E-Mobilität so wichtigen Lithiumvorkommen, die für Akkus gebraucht werden, privatwirtschaftlich oder von Staatsunternehmern kommerzialisiert werden.

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Während Kast von seinen Kritikern bisweilen als Faschist, neoliberaler Altkonservativer oder „chilenischer Bolsonaro“ bezeichnet wird, werfen die Gegner dem ehemaligen Studentenführer Boric vor, ein Linkspopulist zu sein, der ein Wirtschaftsmodell nach kubanischem oder venezolanischem Vorbild etablieren wolle. Unter ihm werde Chile das „Grab des Neoliberalismus“ werden, versprach Boric. Kast dagegen spricht von der „Freiheit des Marktes“. Viel gegensätzlicher können sich die Lager nicht gegenüberstehen.

Kast muss sich dem Vorwurf stellen, die eigene Familiengeschichte nicht richtig dargestellt zu haben. Entgegen der eigenen Erzählung war Kasts Vater nicht nur in der Wehrmacht, sondern offenbar auch in der NSDAP aktiv. Die Familie war in den 1950er-Jahren nach Chile ausgewandert. Kasts unvollständige Darstellung über die Geschichte seines Vaters verschafft ihm ein Glaubwürdigkeitsproblem.

Boric distanziert sich klar

Boric positioniert sich dagegen mit klarer Distanzierung. Anders als die ältere Generation von Linkspolitikern in Lateinamerika wie Ex-Präsidentin und Vizepräsidentin Cristina Kirchner in Argentinien oder Ex-Präsident Lula da Silva in Brasilien, der gute Chancen hat im nächsten Jahr wieder zum Präsidenten gewählt zu werden, distanziert sich Boric von den jüngsten Menschenrechtsverletzungen der umstrittenen Linksregierungen in Kuba, Venezuela und Nicaragua. Diese klare Kante im sozialistischen Lager ist ungewöhnlich und brachte Boric in der Mitte des politischen Spektrums Respekt und Anerkennung ein.

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Boric könnte im Falle eines Wahlsieges damit zu einem neuen Typ Linkspolitiker avancieren, der sich von der Generation des „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ löst, zu dem Kirchner und Lula zählen. Er verspricht einen demokratischen Sozialismus und verurteilte die jüngsten Inhaftierungen von Präsidentschaftskandidaten in Nicaragua, den Umgang Kubas mit den Sozialprotesten, deren Köpfe vor Gericht gestellt oder zur Ausreise gezwungen wurden, oder die Menschenrechtsverletzungen in Venezuela. Setzt sich Boric bei den Wahlen durch und behält er dann diesen Kurs bei, könnte er mit diesen Ansichten zu einer Art neuer moralischen Instanz des lateinamerikanischen Sozialismus aufsteigen.

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