Corona: China in der Lockdownschleife

Auf diesem von der chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua veröffentlichten Foto betritt medizinisches Personal in Schutzanzügen den Arbeitsbereich des luftgefüllten Testlabors für Corona-Nukleinsäuretests.

Auf diesem von der chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua veröffentlichten Foto betritt medizinisches Personal in Schutzanzügen den Arbeitsbereich des luftgefüllten Testlabors für Corona-Nukleinsäuretests.

Peking. Der Covid-Aktionismus der chinesischen Behörden kennt keine Grenzen: Während in der Provinzhauptstadt Xi‘an sämtliche Privatfahrzeuge verbannt wurden, kurven nur mehr massive Tanklaster durch die gespenstisch leeren Straßen. Sie versprühen riesige Mengen an Desinfektionsmittel in den abendlichen Himmel, das aufgewirbelte Spray ähnelt dem Anblick von Schneekanonen. Das gesamte Stadtgebiet soll mit einer Schutzschicht gegen das Virus überzogen werden.

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Doch dies ist nur die populistische Spitze des epidemiologischen Eisbergs. Denn seit rund einer Woche bereits ist die 13-Millionen-Metropole in Nordwestchina vollständig abgeriegelt. Es ist der größte Lockdown seit Beginn der Pandemie in Wuhan: Die Verkehrsverbindungen in andere Landesteile wurden gekappt, nicht-essenzielle Geschäfte geschlossen und sämtliche Bewohner mehrfach durchgetestet. Nur eine Person pro Haushalt darf jeden dritten Tag auf die Straße, um die notwendigsten Lebensmittel einzukaufen.

Dutzende Regierungsbeamte wurden abgestraft

Das Virus soll über einen der unzähligen chinesischen Arbeiter aus Pakistan ins Land gekommen sein. Mehr als zwei Dutzend Regierungsbeamte wurden bereits für ihr offenbar laxes Vorgehen abgestraft, denn normalerweise soll verhindert werden, dass sich die Viren über die strikt abgeriegelten Quarantänezentren hinaus weiter ausbreiten.

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Doch seit Anfang Dezember haben sich nun schon über 800 Chinesen in Xi‘an angesteckt, am Dienstag allein meldeten die Behörden 175 Fälle. Im internationalen Vergleich mutet das überaus wenig an, aber für China ist es der höchste Tageswert seit März 2020.

Im Vergleich zur ersten Welle in Wuhan kommt es in Xi‘an allerdings zu keiner vergleichbaren Panikstimmung. Dafür sind die Behörden in ihrem epidemiologischen Kampf bereits zu eingespielt und die Bevölkerung die radikalen Maßnahmen gewohnt.

Dennoch lassen sich in Chinas Medien etliche Hilferufe von eingesperrten Bewohnerinnen und Bewohnern finden: Sie behaupten, dass Versorgungslieferungen nicht zu ihnen durchkämen und die Gemüsevorräte allmählich knapp würden. Andere Nutzer wiederum tun dies als infame Gerüchte ab, um die Bevölkerung gegen Chinas Viruskampf aufzustacheln. „Gebt den ausländischen Medien kein Messer in die Hand, um unser Land schlecht darzustellen“, lautet ein bezeichnender Kommentar auf der Onlineplattform Weibo.

Viele Beobachter haben wenig Zweifel daran, dass es den Behörden erneut gelingen wird, den Ausbruch spätestens in einigen Wochen unter Kontrolle bringen. Denn seit jeher agieren sie nach dem immer gleichen Skript: Sobald einzelne Corona-Fälle auftauchen, werden ganze Nachbarschaften abgeriegelt, sämtliche Bewohner mehrfach durchgetestet und die Infektionsketten schließlich gebrochen.

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Dennoch bleibt die Frage: Hilft das Lockdowninstrumentarium auch gegen die noch deutlich infektiösere Omikron-Variante? Erst vor wenigen Tagen hatte Virologe Christian Drosten in einem Interview China als seine „größte Sorge“ bezeichnet: „Natürlich kommt Omikron auch dorthin. Und der Impfstoff, der dort verwendet wurde, hat eine schlechte Wirksamkeit gegen diese Variante. Das ist eine echte Gefahr, auch für die Weltwirtschaft.“

Behörden bestätigen Handvoll Omikron-Fälle

Bislang haben Chinas Gesundheitsbehörden erst eine Handvoll Omikron-Fälle bestätigt, die jedoch allesamt unter Einreisenden in den Quarantänezimmern festgestellt wurden. Doch natürlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis die neue Virusvariante irgendwann einmal auch die gemeine Bevölkerung erreicht. Dann bleibt den Autoritäten als einzige effektive Maßnahme erneut nur der Lockdownhammer übrig, denn die chinesischen Vakzine wirken tatsächlich kaum gegen Omikron.

Forscher der Universität Hongkong haben erst letzte Woche behauptet, dass auch drei Injektionen des Sinovac-Vakzins nicht ausreichend Infektionsschutz bieten würden. „Es ist wichtig, die Wirksamkeit der Impfstoffe auch im Feld weiter zu überwachen“, sagt Malik Pieris, Professor für Virologie an der Universität Hongkong. Noch handele es sich um keine endgültigen Daten.

Alles deutet darauf hin, dass China auf absehbare Zeit an seiner immer kostspieligeren Null-Covid-Strategie festhalten wird. Wirtschaftlich trifft sie im Falle Xi‘ans auch deutsche Unternehmen, darunter das Bosch-Joint Venture UAES, deren Führungskräfte nun lockdownbedingt auf Feldbetten in der Firmenzentrale schlafen.

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Doch langfristig sind es nicht nur die angespannten Lieferketten, die unter den Corona-Maßnahmen leiden werden, sondern die Gesellschaft insgesamt: Seit zwei Jahren gibt es praktisch keinen kulturellen, diplomatischen und akademischen Austausch mit dem Ausland mehr. China hat zwar seit letztem Frühjahr kaum Infektionen zu beklagen, doch entfremdet sich gleichzeitig so stark von der internationalen Staatengemeinschaft wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

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