Trotz Corona-Sommerwelle

Kliniken sehen keine „akute Überlastungsgefahr“ – Verbände bemängeln Datenmissstände

Ärzte und Ärztinnen sowie Pflegekräfte betreuen Patienten und Patientinnen in einem der Behandlungszimmer der Intensivstation in der Universitätsmedizin Rostock im Jahr 2021. (Symbolbild)

Ärzte und Ärztinnen sowie Pflegekräfte betreuen Patienten und Patientinnen in einem der Behandlungszimmer der Intensivstation in der Universitätsmedizin Rostock im Jahr 2021. (Symbolbild)

Hannover/Berlin. Seit Tagen steigen die Corona-Zahlen in Deutschland. Die Warnung von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach ist eindeutig: Deutschland befinde sich in einer Sommerwelle. Mit einer Entspannung der Lage sei in den kommenden Wochen nicht zu rechnen. Im Gegenteil: Lauterbach hält wieder „vierstellige Inzidenzzahlen für möglich“, wie er RTL/ntv sagte. Dies sei zwar noch kein Grund für Panik, betonte er, allerdings würde mit den steigenden Zahlen künftig auch wieder die Zahl der Todesfälle zunehmen. Laut Kliniken, Intensivstationen und Ärzten und Ärztinnen sei davon aktuell aber noch nicht viel zu spüren.

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„Wir sehen für eine Sommerwelle keine akute Überlastungsgefahr für die Krankenhäuser“, sagt der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Gerald Gaß, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Auch der Präsident des Deutschen Hausärzteverbands, Ulrich Weigeldt, teilt dem RND mit: „In den Praxen beobachten wir derzeit sehr wenige schwere Verläufe.“ Gaß gibt jedoch zu bedenken, dass mit den steigenden Fallzahlen zwar die Zahl der Corona-positiven Patientinnen und Patienten in den Kliniken wieder steige, allerdings nur in „sehr geringem Maße“ auf den Intensivstationen. „Es bleibt aber das Problem, dass mit steigenden Fallzahlen wieder mehr Beschäftigte durch Quarantäne und Krankheit ausfallen.“

Belastung der Intensivstationen auf Niveau Juni 2021

Laut der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) würden aktuell täglich rund 100 Menschen mit schweren Corona-Verläufen auf den Intensivstationen aufgenommen werden. „Das recht niedrige Niveau kennen wir aus den Sommermonaten der vergangenen Jahre“, sagt Divi-Präsident Gernot Marx dem RND. Derzeit werden laut Divi-Intensivregister 681 Corona-Patientinnen und Corona-Patienten auf Intensivstationen behandelt, 245 von ihnen müssen beatmet werden (Stand 16. Juni). Dies entspreche „in etwa dem Stand zu Ende Juni des vergangenen Jahres“, so Marx. „Zwar ist die Tendenz der vergangenen Tage leicht steigend, das müssen wir aber noch genauer beobachten, um hieraus konkrete Schlüsse zu ziehen.“

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Die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz gab das Robert Koch-Institut (RKI) am Donnerstagmorgen mit 480 an (Stand: 5 Uhr). Der Wert der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnenden ist damit zum Vortag (472,4) weiter leicht gestiegen (Vorwoche: 276,9; Vormonat: 439,2). Die Dunkelziffer dürfte laut Experten und Expertinnen jedoch deutlich höher liegen, weil bei Weitem nicht alle Infizierten einen PCR-Test machen lassen. Nur diese werden bei Positivbefunden in die Statistik aufgenommen. Nachmeldungen oder Übermittlungsprobleme können die einzelnen Tageswerte zusätzlich verzerren.

Verbände fordern bessere Datenlage

Der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, sieht in dem neuerlichen Anstieg der Fallzahlen das Ausbreiten neuer Virusvarianten als Grund. „Vor diesem Hintergrund sollte die Bundesregierung jetzt zügig die Empfehlungen umsetzen, die ihr Corona-Expertenrat vor wenigen Tagen vorgelegt hat“, fordert Reinhardt gegenüber dem RND. Dieser forderte kürzlich in seiner Stellungnahme etwa eine deutliche Verbesserung der Datenerhebung. Auch Reinhardt pocht auf valide Daten, etwa zur Infektionsdynamik, zu den Krankheitsverläufen und zur Auslastung des Gesundheitswesens. „Nur auf dieser Grundlage können wir zuverlässig abschätzen, ob und wo eine Überlastung der Kliniken droht.“

Vor allem die Omikron-Subvarianten BA.4 und BA.5 würden aktuell zu dem Anstieg der Fallzahlen beitragen, so die Einschätzung des Verbands Akkreditierte Labore in der Medizin (ALM). Für diese Woche sei anhand der bisherigen Ausbreitungsgeschwindigkeit anzunehmen, dass BA.4 vermutlich etwa 15 bis 16 Prozent des Infektionsgeschehens ausmache und BA.5 40 bis 50 Prozent, sagte der ALM-Vorsitzende Michael Müller am Dienstag. Am Rande der 17. Nationalen Branchenkonferenz Gesundheitswirtschaft in Rostock sprach Lauterbach am Donnerstag von einer schwierigen Übergangsphase der Pandemie. Die große Frage sei nun, wie die Vorbereitungen auf die kommenden Monate laufen könnten. „Wir können uns nicht noch mal einen Herbst leisten, wo wir so vorbereitet sind wie im letzten Herbst.“

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Gesundheitsminister Lauterbach: Deutschland aktuell in schwieriger Übergangsphase der Pandemie

Deutschland befindet sich nach Ansicht von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach in einer schwierigen Übergangsphase der Corona-Pandemie.

Für den Vorstandsvorsitzenden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, sei es „zwingend notwendig“, wie er dem RND mitteilt, „dass nicht mehr die reine Entwicklung der Inzidenzzahlen im Vordergrund steht, sondern dass ein digitales Echtzeitlagebild zum Einsatz kommt, das die Krankheitslast nach Altersgruppen sowie die Kapazitäten der Krankenhäuser auf Stadt- und Kreisebene differenzierter abbilden kann“. Die Ausgangsvoraussetzungen seien deutlich besser als noch vor einem Jahr. Dies sei eine gute Basis, um die Sinnhaftigkeit notwendiger Maßnahmen zu vermitteln und Akzeptanz in der Bevölkerung zu erreichen“, so Gassen. Dies setze jedoch eine Evaluierung der Wirksamkeit der bisher ergriffenen Restriktionen voraus. „Hier drängt die Zeit, denn bis zum Herbst ist es nicht mehr lange hin.“

Hausärzte und Hausärztinnen: Deutschland tappt nach zwei Jahren noch immer im Dunkeln

Auch der DKG-Vorsitzende fordert Tempo: „Um im Herbst Überlastungen zu verhindern, muss die Politik nun entschieden handeln“, sagt Gaß und bezieht sich dabei vor allem auf die digitale Datenerhebung. „Bei der Digitalisierung ist es unerlässlich, sie schnell und unbürokratisch umzusetzen.“ Divi-Präsident Marx sagt: „Für den Moment sehen wir Deutschland ausreichend auf kommende Pandemiewellen vorbereitet.“ Es brauche aber auf den Intensivstationen eine Verbesserung des Datenaustauschs. „Gerade für die Lagebewertung und schnellstmögliche Organisation von Behandlungskapazitäten muss das Divi-Intensivregister weiter ausgebaut und dauerhaft finanziert werden“, so Marx.

Der Hausärztevorsitzende Weigeldt betont, dass es für die Bewertung sowohl der aktuellen Situation als auch jener im Herbst „endlich“ eine belastbare Datenbasis brauche. „Das ist eine riesengroße Baustelle.“ Es gebe noch immer keine verlässlichen Werte, wie viele der Patientinnen und Patienten in den Krankenhäusern aufgrund einer Corona-Infektion oder mit einer eingeliefert würden. „Wenn man ehrlich ist, tappt Deutschland nach über zwei Jahren immer noch im Dunkeln“, so Weigeldt. Er erwarte nun konkrete Schritte, um die Versäumnisse der Vergangenheit zu beheben. „Die Probleme sind genug analysiert worden, jetzt muss gehandelt werden.“

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