Mehr Raketentests als jemals zuvor

Der vergessene Diktator: Plant Kim den ganz großen Krieg?

Der Diktator, der seine Raketen liebt: Dieses Foto wurde von Nordkoreas Regierung ohne Spezfikation von Ort und Zeitpunkt zur Verfügung gestellt. Es zeigt Machthaber Kim Jong-Un (3.v.l.) bei der Präsentation der neuen Interkontinentalrakete Hwasong-15.

Der Diktator, der seine Raketen liebt: Dieses Foto wurde von Nordkoreas Regierung ohne Spezfikation von Ort und Zeitpunkt zur Verfügung gestellt. Es zeigt Machthaber Kim Jong-Un (3.v.l.) bei der Präsentation der neuen Interkontinentalrakete Hwasong-15.

Die gute Nachricht für Nordkoreas Nachbarn lautet: Im Land des Diktators Kim Jong Un erhebt sich keine Rakete jemals unbemerkt. Das Land steht unter extrem genauer Beobachtung. Amerikanische Satelliten zoomen alles Verdächtige heran, und ringsum rotieren die Radarsysteme, in Südkorea, in Japan und auf Schiffen der US Navy im Pazifik.

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Die schlechte Nachricht lautet: Die Vorwarnzeiten sind verdammt kurz. Und sie werden immer kürzer.

Die Interkontinentalrakete zum Beispiel, die Nordkorea am 18. November abfeuerte, war mit 22-facher Schallgeschwindigkeit unterwegs. Zunächst beschrieb sie allerdings einen auffallend hohen Bogen, mehr als 6000 Kilometer weg von der Erde. Dann stürzte sie in den Pazifik, in einer zu Japan gehörenden Meereswirtschaftszone.

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Nordkorea testet Rakete, US-Soldaten gingen am Freitag in Deckung

Wenige Minuten zuvor hatte der Kommandeur der amerikanischen Luftwaffenbasis Misawa im Norden Japans seine Truppen bereits in die Bunker beordert, mit einem sogenannten „Seek-Cover-Befehl“. Die Amerikaner gehen in Deckung: Solche Szenen sind ganz nach dem Geschmack von Kim Jong Un – und sie amüsieren auch seine Helfer Wladimir Putin und Xi Jinping, denen alles recht ist, was gegen die USA geht.

US-Präsident Joe Biden trifft Xi Jinping in China

Die beiden Staatschefs kamen am Montag vor dem G20-Gipfel der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer auf der indonesischen Insel Bali zusammen.

Die Vorsichtsmaßnahmen der US-Luftwaffe indessen sind vollkommen berechtigt. Denn niemand weiß, ob dies nur wieder ein weiterer Test ist – oder ein nuklearer Erstschlag. Die Misawa Air Base zum Beispiel ist von strategischer Bedeutung für die gesamte Region; erst am Vortag war dort das schnelle Betanken schwerer amerikanischer Bomber mit noch laufenden Maschinen geübt worden.

Das europäische Publikum hat bislang keinen Blick für die gewachsenen Spannungen im Pazifik. Russlands Krieg in der Ukraine zieht alle Aufmerksamkeit auf sich. Die USA indessen, die ja auch eine pazifische Macht sind, haben ihre Präsenz erhöht und die Fühler ausgefahren.

Seltener Besuch im Hafen von Busan (Südkorea): In diesem Herbst machte hier der US-Flugzeugträger Ronald Reagan fest.

Seltener Besuch im Hafen von Busan (Südkorea): In diesem Herbst machte hier der US-Flugzeugträger Ronald Reagan fest.

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Vor wenigen Wochen erst schob sich der US-Flugzeugträger Ronald Reagan in den südkoreanischen Hafen Busan. Schon die schlichte Präsenz des Kriegsschiffs gab einen Hinweis darauf, dass in Washington derzeit eine aktuelle Bedrohung wahrgenommen wird, die nicht von Russland ausgeht und auch nicht von China, sondern von einem deutlich kleineren, aber vielleicht auch gefährlicheren Land: Nordkorea.

Trump lag im Jahr 2018 völlig daneben

Was der Diktator Kim Jong Un im Schilde führt, ist Experten im Westen seit Langem ein Rätsel. Eins jedenfalls steht fest: Der frühere US-Präsident Donald Trump lag mit seinen Einschätzungen zu Nordkorea völlig daneben. Im Jahr 2018, nach einem Treffen mit Kim Jong Un in Singapur, verbreitete Trump breitbeinig, der Konflikt habe sich damit so gut wie erledigt. Mitte Mai 2019 gingen die Raketentests jedoch weiter. Noch unter Kim Jong Uns Vater Kim Jong Il war die Zahl der Tests deutlich unter 20 pro Jahr geblieben. Dessen Amtsvorgänger Kim Il Sung wiederum brachte es nur auf eine einstellige Zahl von Tests pro Jahr.

Inzwischen ist klar: Kim Jong Un pfeift nicht nur auf alle westlichen Appelle und UN-Resolutionen, wonach er sofort aufhören soll mit seinen Raketentests. Er steigert deren Takt sogar noch – in nie dagewesener Weise: Das Center for Strategic and International Studies (CSIS) in Washington zählt 64 Tests allein in diesem Jahr.

Dabei scheint es ihm zu gefallen, den USA und ihren Verbündeten eins auszuwischen, auch vom Timing her. Mit dem Raketentest am Freitag gab er dem gerade in Bangkok tagenden Gipfel der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft APEC ein neues Thema vor. Prompt trafen sich die demokratischen Pazifik-Anrainer USA, Japan, Südkorea, Australien und Neuseeland am Rande des Gipfels in Bangkok zu einer Krisensitzung, die Leitung des Treffens übernahm US-Vizepräsidentin Kamala Harris.

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Rückendeckung von Russland und China

In seinem Anti-USA-Kurs sieht Kim Jong Un sich gestärkt, seit Russland und China ihm im UN-Sicherheitsrat demonstrativ immer wieder den Rücken stärken. Bereits im Mai dieses Jahres blockierten Russland und China im Sicherheitsrat strengere internationale Wirtschaftssanktionen gegen Nordkorea. Das Problem, argumentierten Moskau und Peking, liege nicht in den nordkoreanischen Raketentests, sondern in der militärischen Präsenz der USA im Pazifik.

In diesem Sommer betonten Putin und Kim Jong Un, sie wollten die Beziehungen ihrer beiden Länder vertiefen – Einzelheiten wurden nicht mitgeteilt. Seither wachsen Spekulationen: Hilft Moskau Pjöngjang mit Rat und Tat beim Bau von Atomraketen? Und stimmt es, dass die bei der konventionellen Kriegsführung in Materialnot geratene russische Armee von Nordkorea in großem Stil Artilleriegeschosse bekommt? Bei Deals dieser Art blickt die Öffentlichkeit nie hinter die Kulissen.

"Vertiefte Beziehungen" ohne Angabe von Details: Die Diktatoren Kim Jong Un und Wladimir Putin bei einem Treffen in Wladiwostok.

"Vertiefte Beziehungen" ohne Angabe von Details: Die Diktatoren Kim Jong Un und Wladimir Putin bei einem Treffen in Wladiwostok.

Chinas Präsident Xi Jinping verhält sich unterdessen einmal mehr auffällig unauffällig. Er scheint es zu genießen, dass es mittlerweile eine doppelte Ablenkung von Chinas eigener globalen Machtpolitik gibt: In Europa beschäftigt Putins Krieg die Leute, in Asien beherrscht jetzt wieder Kim Jong Un die Schlagzeilen.

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Plan Kim Jong Un: Großangriff auf Südkorea?

Putin und Xi könnten sich aber täuschen, wenn sie davon ausgehen, sie hätten den Diktator in Nordkorea im Griff. Was, wenn Kim Jong Un eines Tages die Puzzleteile zu einem frappierend monströsen Gesamtbild zusammenschiebt? Seine 1,3 Millionen Mann starke Armee könnte plötzlich nach Süden marschieren, um eine gewaltsame Wiedervereinigung Koreas zu bewirken.

Parallel dazu könnte Kim Jong Un den USA damit drohen, dass er im Fall ihres Eingreifens Atomraketen auf ihr Territorium abschießt. Eine alte Frage würde sich dann neu stellen: Würde die US-Regierung in diesem Fall San Francisco für Seoul opfern?

Kim Jong Un ist offenkundig daran interessiert, genau diese Optionen in die Hand zu bekommen. Damit wäre aus seiner Sicht ein neuer großer Krieg um Korea möglich – vielleicht im Schatten eines Kriegs um Taiwan, den Peking zuvor anfängt. Kim Jong Uns Liebe zu weit reichenden Raketen jedenfalls, die oft ein bisschen irre wirkt oder wie Ausdruck von Großmannssucht, bekäme plötzlich eine rationale Dimension.

Viel Entwicklungsarbeit müssen seine Ingenieure offenbar schon nicht mehr leisten: Die Rakete, die er am 18. November Richtung Japan abgeschossen hat, hätte nach Analysen der japanischen Regierung noch viel weiter fliegen können: mehr als 15.000 Kilometer, bis in die USA.

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