Studie der Uni Dortmund

Die Leseschwäche der Grundschüler: Lehrer fordern langfristige Gegenmaßnahmen

Ab Montag sollen die Grundschüler in Schleswig-Holstein wieder vor Ort unterrichtet werden. Viele Eltern im Land fürchten um ihre Sicherheit.

Lehrer fordern im Kampf gegen die schlechte Lesekompetenz mehr Personal.

Berlin. Mal in der Schule, mal zu Hause: Die Auswirkungen der Pandemie auf den Unterricht haben bei Grundschülern deutliche Spuren hinterlassen – und zwar in einem ganz wesentlichen Bereich. Viertklässler in Deutschland schneiden in Sachen Lesekompetenz deutlich schlechter ab als vorherige Jahrgänge aus der Zeit vor Corona. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Studie des Instituts für Schulentwicklungsforschung der Uni Dortmund.

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Die Schülerinnen und Schülern der vierten Klasse fehlt demnach in Sachen Lesekompetenz im Schnitt ein halbes Lernjahr. Nur rund 37 Prozent von ihnen sind demnach starke Leser. Mehr als ein Viertel (28 Prozent) der Kinder haben größere Probleme mit dem Textverständnis. „Da Lesen eine zentrale Kompetenz darstellt, hat dieses Ergebnis auch Auswirkungen auf alle anderen Schulfächer“, betont die Leiterin der Studie Nele McElvany.

So funktionierte die Studie

Für die Studie wurden Testergebnisse von Jungen und Mädchen an 111 Schulen ausgewertet. Dafür haben mehr als 2000 Schüler im Frühsommer 2021 – nach einem Jahr Lernen unter Pandemiebedingungen – den standardisierten Test der Internationalen Grundschule-Lese-Untersuchung (Iglu) bearbeitet. Verglichen wurden ihre Ergebnisse mit denen von ebenfalls mehr als 2000 Schülern, die den Test fünf Jahre vorher absolviert haben.

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Die Auswertung zeigt: Alle wesentlichen Schülergruppen haben sich im Lesen verschlechtert. Mädchen lesen weiter im Schnitt besser als Jungen – an Kompetenz verloren haben beide. Besonders problematisch ist: Die Unterschiede zwischen denen, die zu Hause gut gefördert werden können, und denen, die schlechtere Startchancen haben, sind noch einmal größer geworden.

Bei denjenigen, die in der Wohnung keinen richtigen Platz zum Lernen haben, ist der Kompetenzverlust größer als bei den anderen. Auch die Leistungen von Kindern mit Migrationshintergrund haben sich im Schnitt in der Pandemie stärker verschlechtert als die der anderen.

Das sagt die Bildungsministerin

„Die Studie macht deutlich, dass es erneute flächendeckende Schulschließungen nicht wieder geben darf“, sagt Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP). Sie verweist auf das Corona-Aufholprogramm, mit dem der Bund die Länder beim Abbau von Lernrückständen unterstütze. Darüber hinaus plant die Ampelregierung laut Koalitionsvertrag, 4000 Schulen mit einem hohen Anteil von Kindern aus wirtschaftlichen schwierigen Verhältnissen besonders zu fördern.

Die im Verlauf der Corona-Pandemie sinkende Lesekompetenz ist erschreckend, kommt aber nicht unerwartet.

Anja Besinger-Stolze,

GEW-Vorstandsmitglied

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Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sieht über die Pandemiebewältigung hinaus ein grundlegendes Problem. „Die im Verlauf der Corona-Pandemie sinkende Lesekompetenz ist erschreckend, kommt aber nicht unerwartet“, sagt das für Schule zuständige GEW-Vorstandsmitglied Anja Besinger-Stolze dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Die Grundschulen sind seit langer Zeit unterfinanziert“, kritisiert sie. Für eine bessere individuelle Leseförderung brauche es mehr Personal.

Auch Udo Beckmann, Vorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), sagt: „Die Pandemie offenbart auch in Fragen der Lesekompetenz nur das, was vor Corona schon defizitär war.“ Es bedürfe einer nachhaltigen Strategie. „Das Problem mangelnder Lesekompetenz wird man nicht wirklich mit kurzfristigen Maßnahmen beheben können“, sagt er. „Solange Kitas und Schulen nicht nachhaltig so ausgestattet werden, dass sie die Aufgaben, die sie erfüllen sollen, auch erfüllen können, bleibt es beim Kurieren von Symptomen“, betont Beckmann.

Der Deutsche Philologenverband macht deutlich, dass das Problem über die Grundschulen hinausreiche. „Der Kultusministerkonferenz fehlt eine Strategie zur durchgehenden Qualitätssicherung der Bildungssprache Deutsch“, kritisierte die Verbandsvorsitzende Susanne Lin-Klitzing. Das beginne in der Grundschule und ende beim Abitur.

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