Große Ziele von Bomben zerstört

Von der Smart City zur Frontstadt: Warum Russlands Angriffe auf Mariupol so symbolträchtig sind

Ein Mann transportiert einen Sack Kartoffeln durch die zerstörte Stadt Mariupol.

Ein Mann transportiert einen Sack Kartoffeln durch die zerstörte Stadt Mariupol.

Sergey Orlov wirkt eigentlich nicht wie ein Krieger. Der 43-jährige stellvertretende Bürgermeister von Mariupol kennt sich gut aus mit Computern, mit Verwaltungsmanagement, mit der Wirtschaft. Er trägt smarte Anzüge, arbeitet mit einem jungen Team und war vor sechs Jahren angetreten, die Stadt in der Ostukraine, die seit vielen Jahrzehnten vom Kohleabbau und vom Hafen lebte, ins postindustrielle Zeitalter zu führen.

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Doch nun ist seine Hafenmetropole am Rande zu den prorussischen Separatistengebieten plötzlich ein Zentrum des Angriffskrieges auf die Ukraine. Und der smarte Manager Sergey Orlov das Gesicht jener Stadt, die in diesen Tagen wohl mehr leidet als alle anderen in diesem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine.

Die Lage in Kiew: Trümmerlandschaften, Tote – und kein Waffenstillstand in Sicht

Drohnenaufnahmen zeigen das Ausmaß der Schäden, die durch den Beschuss von Wohnhäusern und eines Einkaufsviertels im Kiewer Stadtteil Podil entstanden sind.

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„Wir können unsere Toten nicht mehr zählen“

„Wir denken jeden Tag, dass es nicht mehr schlimmer werden kann, aber es kommt noch schlimmer. Es ist die Hölle. Die Fluchtrouten werden weiter beschossen. Wir können unsere Toten nicht mehr zählen“, sagte Orlov kürzlich der Nachrichtenagentur AP.

„Es wäre der einfachste Weg für die Politik, alles auf den Krieg zu schieben“: Täglich werden in Mariupol noch Minen entsorgt – Bürgermeister Sergey Orlov setzt trotzdem alles daran, die Stadt wieder lebens- und liebenswert zu machen.

„Es wäre der einfachste Weg für die Politik, alles auf den Krieg zu schieben“: Täglich werden in Mariupol noch Minen entsorgt – Bürgermeister Sergey Orlov setzt trotzdem alles daran, die Stadt wieder lebens- und liebenswert zu machen.

Tatsächlich ist das Zählen der Toten wegen der ständigen Angriffe und des Chaos in der Stadt kaum noch möglich. Fotos eines AP-Reporters zeigen, wie Menschen in Massengräbern bestattet werden. Mindestens 2300 Menschen sollen bereits getötet worden sein.

Die Stadt, so sagt Orlov, sei nicht mehr wiederzuerkennen. Sie erinnere mittlerweile an die tschetschenische Hauptstadt Grosny oder die syrische Stadt Aleppo nach deren Zerstörung. Die Angst ist groß, dass sich Mariupol bald einreihen wird in die Aufzählung jener Städte, die einst durch russische Bomben dem Erdboden gleichgemacht wurden.

Eine Aufforderung der russischen Regierung, die belagerte Hafenstadt solle kapitulieren, lehnte Kiew am Montagmorgen dennoch entschieden ab.

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Ein Symbol für Putins Angriffskrieg

Die russischen Truppen haben die Stadt belagert, Strom und Wasser gibt es kaum noch, im Minutentakt treffen Raketen und andere Geschosse die Gebäude. Vor der jüngsten Kapitulationsaufforderung war in Mariupol eine Schule bei einem russischen Luftangriff getroffen worden, in der rund 400 Menschen Schutz gesucht hatten. Auch das einst weiß-prächtige und nun vollkommen zerstörte Drama-Theater im Stadtzentrum ist zum Symbol von Wladimir Putins Angriffskrieg geworden. In dem Theater hatten sich nach ukrainischen Angaben mehr als 1000 Menschen versteckt, als die Bomben am vergangenen Mittwochabend in dem Kulturhaus einschlugen. Noch immer sollen Hunderte unter den Trümmern begraben sein.

Mit der Zerstörung von Mariupol, so fürchten es die Ukrainer, soll ein Exempel für die vielen Menschen im Widerstand statuiert werden.

Symbol der Zerstörung: Dieses vom Asow-Bataillon zur Verfügung gestellte Bild zeigt das nach Beschuss beschädigte Theater in Mariupol.

Symbol der Zerstörung: Dieses vom Asow-Bataillon zur Verfügung gestellte Bild zeigt das nach Beschuss beschädigte Theater in Mariupol.

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Orlov jedenfalls ist überzeugt, dass die russische Armee das Kulturhaus, das als Schutzbunker diente, mit „voller Absicht“ angegriffen habe. Die Bewohner von Mariupol hatten den Fliesenboden vor dem regionalen Drama-Theater mit einem weißen Schriftzug markiert. „Kinder“ war da auf Russisch zu lesen. Es hat den Angriff nicht verhindert.

Die Hafenstadt im Donbass hat in dem Konflikt mit Russland eine hohe Symbolkraft. Es ist gerade einmal acht Jahre her, da besetzten die prorussischen Truppen den Arbeitsplatz von Sergey Orlov, die Stadtverwaltung war erobert. Auch rund um das Drama-Theater gab es schon damals schwere Kämpfe. Doch die Regierungstruppen konnten die Angreifer mit Mühe bis an den Ostrand der Stadt zurückdrängen. Mariupol hatte gegen die von Russland unterstützten Separatisten gewonnen. Donezk und Luhansk im Donbass spalteten sich ab, Mariupol wurde zur Frontstadt in einem Krieg, der durch einen brüchigen Waffenstillstand vor sich hinschwelte.

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Ignorieren statt hochrüsten

Doch statt sich hochzurüsten oder die seit Jahren immer wieder von der Kontaktlinie zu hörenden Geschosse ihr Leben bestimmen zu lassen, hatte sich die Stadtspitze von Mariupol in den vergangenen Jahren entschieden, den schwelenden Krieg am Stadtrand so gut es geht zu ignorieren. Vize-Bürgermeister Orlov empfing seine Gäste gern in einem gediegenen Restaurant, direkt gegenüber vom prunkvollen Drama-Theater. Im nahen Park springen Kinder im Sommer gern durch hochschießende Fontänen, nebenan ist ein schicker Shop für Apple-Geräte.

Auf dem Weg zur Smart-City: Die Hafenstadt Mariupol vor dem Angriff der russischen Armee.

Auf dem Weg zur Smart-City: Die Hafenstadt Mariupol vor dem Angriff der russischen Armee.

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Erfolgreich, sauber und transparent

„Es hat mich gereizt, Mariupol zur erfolgreichen Smart City umzubauen“, sagte Orlov noch 2019 auf die Frage des RND, warum er, der parteilose IT-Manager, den Posten als Vizebürgermeister in dieser Stadt angestrebt hat. Damals präsentierte er gleich ein ganzes Buch voller Projekte, um zu zeigen, wie er die alte Kohle- und Industriestadt neu erfinden will: Technische Vernetzung von Verkehr, Luftverschmutzung verringern, neue Investoren anwerben, Korruption zurückdrängen, ein gutes Image erarbeiten – der ehemalige Manager hatte sich eine Menge vorgenommen.

Er zeigte Statistiken und Umfragen, Konzepte und Erfolge. Nirgends seien die Menschen im Land zufriedener mit der Müllabfuhr als in Mariupol. Die Stadt sei wirtschaftlich erfolgreicher, sauberer, transparenter und zufriedener geworden. „Strong, smart, inspiring“ stand auf der Mappe, die all diese Visionen versammelte.

„In Mariupol gibt es Festivals, Musik, neue Straßen, renovierte Häuser, glückliche Menschen“: Kinder spielen an einem heißen Sommertag 2019 in den Wasserfontänen im Zentrum Mariupols.

„In Mariupol gibt es Festivals, Musik, neue Straßen, renovierte Häuser, glückliche Menschen“: Kinder spielen an einem heißen Sommertag 2019 in den Wasserfontänen im Zentrum Mariupols.

Schon damals drängte sich die Frage auf, ob Mariupol, größte Industrie- und Hafenstadt in der Ostukraine, aber eben auch Frontstadt des Konflikts, nicht eigentlich drängendere Probleme als vernetzten Verkehr und saubere Bürgersteige hat. Die Handelsbeziehungen zu Russland, bis 2014 mit Abstand wichtigster Partner von Mariupol, sind seitdem gekappt. Viele Unternehmen mussten aufgeben, andere sich umstellen. Die Erreichbarkeit des Hafens von Mariupol für große Frachtschiffe ist durch die 2018 gebaute russische Krimbrücke über das Asowsche Meer schon seit Jahren massiv eingeschränkt.

Sergey Orlov, der in diesen Tagen fast täglich der ganzen Welt über die verheerenden Zerstörungen in seiner Stadt berichtet, zeigte sich damals überzeugt, dass es keinen Sinn macht, sich mit dem Krieg mehr als nötig zu beschäftigen. „Es wäre der einfachste Weg für die Politik, alles auf den Krieg zu schieben“, sagte der Bürgermeister. „Wir könnten den Menschen sagen: Was scheren euch die kaputten Straßen? Wir haben Krieg.“

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Lieber trieb er den Umbau seiner Stadt voran, ließ die Kultur aufleben – auch als Symbol. In Mariupol gebe es Festivals, Musik, neue Straßen, renovierte Häuser, glückliche Menschen, sagte Orlov 2019. „Das ist unser Signal in diesem Konflikt.“ Die Menschen in Donezk, dort, wo seit 2014 die prorussischen Separatisten herrschten, sollten bemerken, dass sich auf der anderen Seite etwas zum Positiven entwickelt. „Sie sollen die Vorteile im ukrainischen Donbass sehen.“

Diese weithin sichtbaren Vorteile haben Putins Panzer und Bomben schon jetzt auf Jahrzehnte hin zerstört. Und vieles spricht dafür, dass das Leid und die Zerstörung weitergehen. Die Stadt ist fast vollständig von der Versorgung abgeschnitten, die Belagerung kann noch viele Wochen andauern. „Die Russen kämpfen nicht gegen die ukrainische Armee“, sagte Sergey Orlov in dieser Woche dem „Spiegel“. „Sie kämpfen gegen unsere Zivilbevölkerung.“

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