Falsche Aufnahmen aus der Ukraine erkennen

Zerstörung in Echtzeit: Wie behält man den Durchblick im Krieg der Bilder?

Ukraine, Kiew: Eine Frau flieht mit ihrer Familie über eine zerstörte Brücke in den Außenbezirken von Kiew.

Ukraine, Kiew: Eine Frau flieht mit ihrer Familie über eine zerstörte Brücke in den Außenbezirken von Kiew.

Berlin. Spätestens seit dem Arabischen Frühling und dem Beginn des syrischen Bürgerkriegs finden militärische Auseinandersetzungen und Kriege weltweit auch in den sozialen Medien in Echtzeit statt. Bilder und Videos aus dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine verbreiteten sich in den vergangenen Tagen in einem rasanten Tempo auf Tiktok, Twitter, Facebook oder Youtube – und mindestens ebenso schnell im Messenger und sozialen Netzwerk Telegram.

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Diese Flut an Bildern und Berichten vermittelt der Welt einen Eindruck vom Grauen des Krieges und ermöglicht es Journalistinnen und Menschenrechtsaktivisten, das brutale Vorgehen des russischen Militärs zu dokumentieren. Doch sie gibt auch Anlass zu großer Vorsicht: Unter den teilweise zigtausendfach verbreiteten Aufnahmen finden sich auch Fälschungen, manches Bild ist entweder manipuliert oder aus seinem eigentlichen Kontext gerissen.

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Verifikationsprofis in Medienhäusern und Menschenrechtsorganisationen bedienen sich einer Reihe an meist öffentlich verfügbaren technischen Mitteln, um solche Bilder und Videos zu überprüfen. Sie gehen etwa der Frage nach, ob Aufnahmen eines Bombeneinschlags wirklich aktuell sind und das zeigen, was behauptet wird.

Das renommierte internationale Recherchekollektiv Bellingcat verifizierte zuletzt etwa Fotos und Videoaufnahmen von Einsätzen von Streumunition durch das russische Militär in ukrainischen Wohnvierteln. Beim Einsatz solcher Munition wird eine Trägerrakete mit vielen kleineren Sprengkörpern verschossen, die wenig zielgerichtet in einem größeren Gebiet Schäden anrichten und Menschen töten können. Experten sehen im Einsatz solcher Munition gegen zivile Ziele ein Kriegsverbrechen.

Dieses vom ukrainischen Katastrophenschutz veröffentlichte Foto zeigt einen Brand in einem Fakultätsgebäude der Universität Charkiw, der durch einen russischen Raketenangriff verursacht wurde.

Dieses vom ukrainischen Katastrophenschutz veröffentlichte Foto zeigt einen Brand in einem Fakultätsgebäude der Universität Charkiw, der durch einen russischen Raketenangriff verursacht wurde.

Durch den Abgleich von Bildern und Videos mit Kartendaten und Satellitenaufnahmen konnte Bellingcat den Einsatz von Streumunition in der unmittelbaren Nähe eines Kinderkrankenhauses in der ostukrainischen Stadt Charkiw nachweisen. Durch Fotos der Einschlagstellen mehrerer Trägerraketen konnten die Rechercheure auch die wahrscheinliche Flugrichtung mehrerer Geschütze bestimmen: Sie wurden demnach aus Richtung der russischen Grenze abgeschossen. Auch die Menschenrechtsorganisation Amnesty International dokumentiert mit solchen Mitteln aktuell mögliche Kriegsverbrechen in der Ukraine.

Bilder-Rückwärtssuchen und Satellitenbilder

Diese Art der Recherche nennt sich „Open Source Intelligence“ – Informationsgewinnung aus offenen Quellen. Viele Methoden, die Profis nutzen, stehen allen Nutzerinnen und Nutzern des Internets zur Verfügung. Um zu überprüfen, ob ein Bild aktuell ist oder eigentlich aus einer ganz anderen Situation stammt, eignet sich häufig eine Bilder-Rückwärtssuche mit Google oder dem russischen Suchmaschinen-Anbieter Yandex.

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Dabei suchen die Dienste nicht nach einem Suchbegriff, sondern nach einem durch den Nutzer hochgeladenen Bild. Dadurch lassen sich zumindest einige Aufnahmen identifizieren, die bereits älter sind und nun fälschlicherweise als aktuelle Bilder aus dem Ukraine-Krieg ausgegeben werden. Beispiele dafür gab es in den vergangenen Tagen einige: So wurden etwa Videos von Panzern aus dem Krieg in Syrien als aktuelle Aufnahmen aus der Ukraine dargestellt.

Auch Angebote wie der Kartendienst Google Maps oder das russische Pendant des Anbieters Yandex helfen vielfach bei der Verifikation angeblicher Aufnahmen aus dem Kriegsgebiet. So konnte das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) in den vergangenen Tagen Aufnahmen aus einem Kiewer Stadtteil verifizieren, die ein Panzerfahrzeug zeigen, das ein ziviles Auto überrollt.

In den Videoaufnahmen sind Straßenbahnschienen und mehrere markante Häuserblocks zu sehen. In den sozialen Medien wurde außerdem der Name des Kiewer Stadtteils genannt, aus dem die Aufnahmen stammen sollen. Durch einen Abgleich der Videos mit Satellitenbildern und Straßenansichten von Google Street View und Yandex ließ sich der genaue Aufnahmeort bestimmen.

Mit solchen öffentlich zugänglichen Mitteln lassen sich viele Aufnahmen aus dem Krieg in der Ukraine verifizieren, oft braucht das jedoch einige Erfahrung. Besondere Vorsicht ist deshalb bei Berichten, Bildern und Videos aus unbekannten Quellen geboten – sowie bei Aufnahmen und Behauptungen, die von einer der Kriegsparteien verbreitet werden. Aufklärung kann häufig eine Internetsuche bieten. Dadurch lässt sich schnell herausfinden, ob bereits vertrauenswürdige Medien über einen Vorfall berichtet haben, der in einer Videoaufnahme angeblich zu sehen ist.

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