Humanitäre Lage verschlechtert sich weiter

Ende der Waffenruhe im Jemen: „Menschen, die jetzt hungern, werden verhungern“

25.03.2022, Jemen, Sanaa: Kinder spielen im Lager Dharawan für Binnenflüchtlinge in der Nähe von Sanaa, Jemen. Der Jemen befindet sich seit Ende 2014 in einem Bürgerkrieg, als die vom Iran unterstützte Houthi-Miliz die Kontrolle über mehrere nördliche Provinzen übernahm und die von Saudi-Arabien unterstützte jemenitische Regierung von Präsident Abd-Rabbu Mansour Hadi aus der Hauptstadt Sanaa vertrieb. Foto: Mohammed Mohammed/XinHua/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

25.03.2022, Jemen, Sanaa: Kinder spielen im Lager Dharawan für Binnenflüchtlinge in der Nähe von Sanaa, Jemen. Der Jemen befindet sich seit Ende 2014 in einem Bürgerkrieg, als die vom Iran unterstützte Houthi-Miliz die Kontrolle über mehrere nördliche Provinzen übernahm und die von Saudi-Arabien unterstützte jemenitische Regierung von Präsident Abd-Rabbu Mansour Hadi aus der Hauptstadt Sanaa vertrieb. Foto: Mohammed Mohammed/XinHua/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Die Vereinten Nationen (UN) sprechen beim Krieg im Jemen von der derzeit größten humanitären Krise der Welt. Und mit dem Ende der Waffenruhe dürfte sich die Situation im Jemen weiter verschlimmern – das steht fest für Jens Heibach, Jemen-Experte am Leibniz-Institut für Globale und Regionale Studien in Hamburg. „Betroffen sind vor allem die Menschen, die in den von den Rebellen gehaltenen Gebieten leben“, sagte Heibach dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

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Aber auch die Rettung des von Havarie bedrohten jemenitischen Öltankers „FSO Safer“, der seit Jahren mit Millionen Litern Öl an Bord im Roten Meer verrostet, könnte ausgebremst werden – und schwere ökologische Folgen nach sich ziehen. „Wenn die ‚FSO Safer‘ in der nun kommenden stürmischen Herbst- und Winterzeit auseinanderbrechen sollte, wird sich die humanitäre Situation vor allem der Menschen im Nordjemen noch einmal drastisch verschlechtern“, so Heibach. Beispielsweise werde der Schiffsverkehr mit Hilfslieferungen eingeschränkt und der Fischfang nicht mehr möglich sein.

Rebellen könnten an Boden gewinnen

Die Waffenruhe im Jemen lief am vergangenen Wochenende ohne erneute Verlängerung aus, Verhandlungen blieben ohne Erfolg. Der Waffenstillstand galt seit Anfang April und wurde seitdem zweimal verlängert. Doch der war keineswegs ein „paradiesischer Zustand“, betonte Wenzel Michalski, Direktor von Human Rights Watch in Deutschland. Auch die vergangenen Monate seien furchtbar gewesen. Menschen starben durch Minen, wurden gefoltert und sind verschwunden.

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Der Konflikt im Jemen ist das Ergebnis des gescheiteren Arabischen Frühlings im Land. Auf der einen Seite steht eine Militärkoalition unter der Führung Saudi-Arabiens, die die international anerkannte Hadi-Regierung unterstützt. Auf der anderen Seite stehen die Huthi-Rebellen, unterstützt von Saudi-Arabiens Erzfeind Iran. Seit 2015 kämpfen die Konfliktparteien um die Vorherrschaft in dem arabischen Land. Beide begehen Kriegs­verbrechen und greifen zivile Ziele an, wie Krankenhäuser und Wohngegenden, so Michalski. Die Unruhen im Land stärkten zudem Gruppierungen der Terrororganisationen Al-Kaida und IS.

ARCHIV - 24.11.2021, Jemen, Sanaa: Bewaffnete Huthi-Kämpfer nehmen an einem Trauerzug für Rebellen teil, die bei den jüngsten Kämpfen mit Kräften der international anerkannten jemenitischen Regierung getötet wurden.

ARCHIV - 24.11.2021, Jemen, Sanaa: Bewaffnete Huthi-Kämpfer nehmen an einem Trauerzug für Rebellen teil, die bei den jüngsten Kämpfen mit Kräften der international anerkannten jemenitischen Regierung getötet wurden.

Dass die Verhandlungen zur Verlängerung der Waffenruhe scheiterten, liege, nach Einschätzung Heibachs, vor allem an den Huthi. Denn die Rebellen seien überzeugt, nun militärisch an Boden gewinnen zu können. „Sie sehen sich in einer Position der Stärke – und sind es auch, wenn man ihre Position mit der der international anerkannten Regierung vergleicht“, so der Jemen-Experte.

Frauen und Mädchen sind besonders gefährdet

Wie es nun mit den Zivilisten weitergeht, das könne sich Michalski kaum vorstellen. „Menschen, die jetzt hungern, werden verhungern“, sagte der Direktor. Denn auch schon vor der Waffenruhe erreichten Hilfslieferungen die Menschen nicht immer oder nur schwer.

ARCHIV - 02.09.2018, Jemen, Sanaa: Ein unterernährtes vierjähriges Mädchen sitzt auf einem Bett in einem Krankenhaus in Sanaa. Konflikte, Wirtschaftskrisen und Wetterextreme haben 2021 die Zahl hungernder Menschen weiter in die Höhe getrieben.

ARCHIV - 02.09.2018, Jemen, Sanaa: Ein unterernährtes vierjähriges Mädchen sitzt auf einem Bett in einem Krankenhaus in Sanaa. Konflikte, Wirtschaftskrisen und Wetterextreme haben 2021 die Zahl hungernder Menschen weiter in die Höhe getrieben.

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Hinzu komme, dass jemenitische Frauen seit April zunehmend Schwierigkeiten haben, in den von den Huthi kontrollierten Gebieten ohne einen männlichen Vormund humanitäre Hilfe zu leisten. Die Folge: Reisen in die Projekte vor Ort und Hilfslieferungen mussten abgesagt werden, was sich direkt auf den Zugang zu Hilfe insbesondere für Frauen und Mädchen auswirke, sagte Diala Haidar, Jemen-Expertin von Amnesty International.

19 Millionen Menschen könnten hungern

Laut dem Amt der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten waren im März dieses Jahres über 23 Millionen Jemeniten Hunger, Krankheiten und anderen lebensbedrohlichen Risiken ausgesetzt. Bis zum Ende des Jahres könnten laut dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) 19 Millionen Menschen im Jemen an Hunger leiden.

Nach Angaben des Analyseprojektes Armed Conflict Location & Event Data Project (Acled) sind zwischen dem 1. Januar 2015 und dem 23. September 2022 – also innerhalb von knapp acht Jahren – 15.200 Zivilistinnen und Zivilisten allein bei Angriffen ums Leben gekommen. Hinzu kommen indirekte Todesfälle wegen fehlender Nahrung, Gesund­heits­versorgung und Infrastruktur.

Flucht aus dem Jemen ist sehr schwierig

Und trotz dieser humanitären Katastrophe gibt es kaum Flüchtlinge aus dem Jemen – denn die Flucht auf dem Landweg ist laut Heibach sehr schwierig. Barrieren machten es den Jemeniten fast unmöglich, das Land über die Nachbarländer Saudi-Arabien oder den Oman zu verlassen.

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18.01.2022, Jemen, Sanaa: Männer inspizieren Schäden an einem Gebäude nach einem Luftangriff. Nach der tödlichen Attacke in der emiratischen Hauptstadt Abu Dhabi hat das von Saudi-Arabien angeführte Militärbündnis im Jemen die Huthi-Rebellen schwer bombardiert.

18.01.2022, Jemen, Sanaa: Männer inspizieren Schäden an einem Gebäude nach einem Luftangriff. Nach der tödlichen Attacke in der emiratischen Hauptstadt Abu Dhabi hat das von Saudi-Arabien angeführte Militärbündnis im Jemen die Huthi-Rebellen schwer bombardiert.

„Der Flugverkehr wurde seit Kriegsbeginn massiv eingeschränkt und teils völlig unterbunden, sodass diese Möglichkeit ebenfalls oft nicht gegeben war – zumal sie ohnehin nur den Jemenitinnen und Jemeniten offenstand, die die Kosten hierfür aufbringen konnten“, erklärte der Experte. Auch der Seeweg sei für jene, die die Flucht ergreifen wollen, weitgehend versperrt. Und dennoch: „Es gibt viele Verzweifelte, die den Weg über das Meer zum Beispiel nach Dschibuti oder Somalia wählen – und umgekehrt“, so Heibach.

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