Rekordinflation führt zu immer mehr Armut

„Die Zeiten sind hart“: immer mehr Menschen in Großbritannien auf die Tafeln angewiesen

Bedürftige bedienen sich an den Lebensmitteln bei der Tafel.

Bedürftige bedienen sich an den Lebensmitteln bei der Tafel in Deutschland (Symbolbild).

London. Haferflocken, Dosenthunfisch, Toilettenpapier: Charles stellt seine gefüllte Plastiktüte neben einen Stuhl und seinen Energie-Shake vor sich auf den Tisch. Dann setzt er sich. „Die Zeiten sind hart“, sagt der durchtrainierte Mann im blauen Trainingsanzug. Der 62-jährige Vater eines Teenagers kommt immer mal wieder in die Tafel im Londoner Stadtteil Hackney im Nordosten der Stadt, seit der frühere IT-Experte in der Folge eines Herzinfarktes den Anschluss in der Branche verloren hatte. Aufgeben wollte er nicht. Er begann, Sport zu machen, und will nun als Personal Trainer Arbeit finden.

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Bis es so weit ist, muss er schauen, wo er bleibt. Denn die staatlichen Leistungen reichen Arbeitssuchenden auf der Insel zum Leben und Überleben längst nicht mehr aus. Familien gerieten in so einer Situation schnell ins Straucheln, erklärt die Leiterin der Tafel, Pat Fitzsimons. Doch nicht nur Menschen ohne Beschäftigung sind häufiger auf Hilfsorganisationen angewiesen. Auch Angestellte kommen immer öfter, weil sie sich den Einkauf im Supermarkt trotz zusätzlicher Hilfen durch den Staat nicht mehr leisten können.

Tafel gibt mehr Notfallpakete aus als jemals zuvor

„Dies belegen auch die Zahlen“, wie Fitzsimons, mit dem Finger über steigende Graphen wandernd, erklärt. Laut der britischen Wohltätigkeitsorganisation Trussell Trust, zu der ihre Tafel gehört, wurden zwischen April und September dieses Jahres rund 1,3 Millionen Notfallpakete ausgegeben, mehr als jemals zuvor. 320.000 Menschen kamen zum ersten Mal.

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Die Nachfrage nach Lebensmitteln überstieg damit erstmals das Angebot an Spenden. Besonders hart trifft dies Kinder. Immer mehr Schulleiter berichten von erbärmlichen Lunchpaketen. „Ich bin jetzt seit 2006 im Bildungswesen tätig und habe so etwas noch nie erlebt“ – nicht einmal während der Pandemie, sagte Sarah Livesey, Schulleiterin der Oasis Academy Leesbrook in der Nähe von Manchester gegenüber Journalisten.

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Der Grund für die Situation in Großbritannien ist auf den ersten Blick derselbe wie überall in Europa: Die gestiegenen Lebenshaltungskosten und Energiepreise haben dazu geführt, dass den Menschen das Geld ausgeht. Erschwerend hinzu kommt aber die schlechtere Ausgangslage. „Großbritannien hat die höchste Inflation seit vier Jahrzehnten. Das Niveau der Sozialleistungen ist jedoch real niedriger als in den 1990er-Jahren“, erklärt Kartik Raj von der NGO Human Rights Watch.

Außerdem wurde der gesetzliche Mindestlohn unter der konservativen Regierung von umgerechnet rund 10,30 Euro pro Stunde bis zuletzt nicht weiter angehoben und die Gehälter im öffentlichen Dienst deutlich langsamer als in der freien Wirtschaft erhöht. In der Folge ist die Ungleichheit größer als in vielen anderen Ländern, wie Experten betonen. Zusätzlich schuf der Brexit ein wirtschaftlich unsicheres Klima. Ausländische Unternehmen investierten in den vergangenen Jahren auf der Insel weniger, der Mangel von Fachkräften wurde verstärkt. Darunter litten das Wachstum und der Wohlstand.

ARCHIV - 11.06.2019, USA, Permbecken: Ein Pumpe arbeitet in einem Ölfeld. Angesichts rasant gestiegener Energiepreise hat US-Präsident Joe Biden die Freigabe von 50 Millionen Barrel Öl aus der strategischen Reserve angeordnet. (zu dpa "Biden öffnet wegen gestiegener Ölpreise strategische Reserven") Foto: Jacob Ford/Odessa American/AP/dpa - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung und nur mit vollständiger Nennung des vorstehenden Credits +++ dpa-Bildfunk +++

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Weitere Unsicherheit schufen die vielen Wechsel in der Tory-Regierung mit immer neuen Ideen und Konzepten, wie Anna Valero von der London School of Economics and Political Science (LSE) betonte. Zuletzt wollte die Ex-Premierministerin Liz Truss durch massive Steuersenkungen für Wachstum sorgen. Finanziert werden sollte dies insbesondere durch neue Schulden. Ein Plan, den Experten in der aktuellen Lage als „Schwachsinn“ bezeichneten. Ausländische Investoren reagierten skeptisch und zogen sich aus dem britischen Markt zurück, was die wirtschaftliche Lage im Land weiter verschärfte.

Sunaks Gratwanderung

In einer Situation, in der das System längst am Limit ist, wird der neu gewählte Premierminister Rishi Sunak am Donnerstag verkünden, wie er das Loch im Haushalt von umgerechnet rund 65 Milliarden Euro stopfen und überdies der Krise begegnen will. Die Ankündigung ist eine harte Probe für den Regierungschef. Denn er muss einen Mittelweg zwischen Sparmaßnahmen und Hilfsleistungen finden, ohne dabei die Inflation weiter anzutreiben.

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Geplant sind Steuererhöhungen für Besserverdienende, eine Anhebung des Mindestlohns sowie zusätzliche Zahlungen für jene, die auf staatliche Hilfen angewiesen sind. „Ich denke, es ist eine Tragödie, dass Menschen Tafeln benötigen“, sagte Sunak diese Woche. Das müsse sich ändern. Pat Fitzsimons rechnet jedoch nicht damit, dass sich die Lage bald verbessert. „Wir eröffnen demnächst eine neue Tafel, um der steigenden Nachfrage gerecht zu werden.“ Und auch Charles stellt sich auf einen harten Winter ein. Wie er damit umgeht? „Ich werde weitermachen. Man hat ja keine Wahl.“

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