Nach tödlichem Luftangriff auf Dnipro

Interessiert uns der Putin-Horror nicht mehr?

Bergungsarbeiten in Dnipro: Eine russische Rakete mit einem 1000-Kilo-Sprengkopf riss am Sonntag nach jüngsten Zahlen mehr 40 Menschen in ihren Apartments in den Tod. 25 wurden am Dienstagmorgen noch vermisst.

Bergungsarbeiten in Dnipro: Eine russische Rakete mit einem 1000-Kilo-Sprengkopf riss am Sonntag nach jüngsten Zahlen mehr 40 Menschen in ihren Apartments in den Tod. 25 wurden am Dienstagmorgen noch vermisst.

Das Schlimmste, sagen Augenzeugen, waren die Schreie. Sie waren von Weitem zu hören, schon auf der Straße, bei der Annäherung an den von der Feuerwehr beleuchteten rauchenden Trümmerhaufen in Dnipro, wo zuvor ein Apartmenthaus mit neun Etagen gestanden hatte.

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Die lautesten Hilferufe kamen von Menschen in den oberen Stockwerken. Plötzlich steckten sie fest, ohne Zugang zu Treppen, in einsturzgefährdeten Wohnungen mit aufgerissenen Außenwänden.

Gedämpfter waren Schreie von Eingeschlossenen, die tief unten ums Überleben rangen, unter Beton und Geröll in zugeschütteten Hohlräumen.

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Makabre „Momente der Stille“

Besonders beklemmend wurde es, als die eintreffenden Retter und Retterinnen um „Momente der Stille“ baten: Sie wollten auf keinen Fall jene überhören, deren Kraft nur noch zu einem leisen Stöhnen reicht, zu einem Kratzen oder Klopfen.

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Wladimir Putin hatte in dieser Nacht den Horror nach Dnipro gebracht. Die Stadt mit ihren knapp eine Million Einwohnerinnen und Einwohnern liegt 400 Kilometer südöstlich von Kiew. Dnipro hatte in jüngster Zeit weniger Luftangriffe erlebt als andere ukrainische Großstädte. Doch die schüchterne Hoffnung, dies werde vielleicht so weiter gehen, trog.

Fassungslos berichtete ein Augenzeuge Reportern der „Washington Post“ von einem toten Mann, dessen Leiche zu Beginn der Bergungsaktionen noch an einer aufgesprengten Hauswand in Dnipro hing, mit aufgerissenem Gedärm. Ein Teil des Geschreis in den ersten Minuten hatte wohl auch mit alptraumhaften Anblicken wie diesem zu tun.

1000 Kilo Hexogen auf ein Hochhaus

Russlands Staatschef will überall in der Ukraine Angst verbreiten und den Mut der Menschen brechen. Es werde Zeit, trommelte Putins oberster Propagandist Wladimir Solowjow immer wieder im russischen Staatsfernsehen, „den Bastarden Respekt vor Russland beizubringen“.

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Und so zerstörte die Supermacht in Dnipro ein großes Haus mit vielen kleinen Wohnungen. Die blutige Bilanz des Luftangriffs, Stand 16. Januar:

  • 40 Tote mit weiter steigender Tendenz
  • 25 Vermisste
  • 75 Verletzte, darunter zwölf in einem immer noch lebensbedrohlichen Zustand
  • 230 beschädigte Apartments, 72 vollständig zerstörte Apartments

In der Liste spektakulärer russischer Kriegsverbrechen dürfte die Attacke eines Tages einen prominenten Rang einnehmen, vergleichbar mit der Bombardierung von Menschenmengen auf Bahnhöfen (Kramatorsk, 8. April 2022) oder in Einkaufszentren (Krementschuk, 27. Juni).

Nach den Maßstäben Putins, dem es um die Maximierung zivilen Leids geht, war die Attacke in Dnipro ein voller Erfolg, zumal ein einziges Geschoss dies alles bewirkte. Moskau benutzte diesmal die Kh-22, in den Sechziger Jahren entwickelt für Angriffe auf Flugzeugträger. Ihr 1000-Kilo-Gefechtskopf ist mit Hexogen gefüllt, einer Chemikalie mit besonders hoher Sprengwirkung. Putin persönlich hatte sich bereits im März zu Attacken auf zivile Ziele bekannt und hinzugefügt, man müsse auch mal fragen, wer damit angefangen hat.

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Am Montag behauptete Moskau, die russische Rakete sei erst durch ukrainische Antiraketengeschosse in das Wohnhaus gelenkt worden. Kiew wies die Darstellung zurück und erklärte, die Ukraine habe gar keine Systeme, die gegen die Kh-22 etwas ausrichten könnte. Zudem sei dieser Raketentyp bekanntermaßen schwer zu steuern, schon das bloße Abfeuern von Raketen dieser Art auf Städte sei ein Verbrechen.

Live-Schalte nach Lützerath, Meldung plus Foto zu Dnipro: "Tagesschau" vom 14. Januar 2023.

Live-Schalte nach Lützerath, Meldung plus Foto zu Dnipro: "Tagesschau" vom 14. Januar 2023.

In die deutsche „Tagesschau“ um 20 Uhr schafften es die bewegenden Bewegtbilder aus Dnipro zunächst nicht. Lützerath hatte am Tag des Luftangriffs Vorrang, mit langem Bericht und Liveschalte. Zu Dnipro verlas Susanne Daubner am 14. Januar nur eine kleine Meldung, hinter sich ein Foto.

Journalistische Entscheidungen wie diese sind immer irgendwie begründbar. Lützerath regte aus diesen oder jenen Gründen hierzulande viele Leute auf. Und die Zahl der aus Dnipro offiziell gemeldeten Toten lag anfangs erst bei fünf. Auch andere deutsche Medien erweiterten erst nach und nach ihre Berichterstattung.

Überlebende nach Russlands Raketenterror in Dnipro gerettet

Am Tag nach dem russischen Angriff wurden in den Trümmern eines Wohnhauses noch Dutzende Menschen vermisst.

Abstumpfung – ein primitiver Reflex

Unverkennbar ist zugleich aber auch ein wachsender Abstumpfungseffekt im Westen mit Blick auf die Ukraine. Viele können oder mögen das Leid in der Ukraine nicht mehr sehen. Rufe nach einem Themenwechsel werden laut. Doch hinter der modernen Pose verbirgt sich ein primitiver Reflex.

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Der Göttinger Angstforscher Borwin Bandelow erklärt das Phänomen der Gewöhnung mit urzeitlichen Erfahrungen, die bis heute psychologische Verhaltensmuster von Menschen prägen. Taucht eine neue Gefahr auf, werden wir starr und spitzen die Ohren. So war es zu Beginn der Corona-Krise, so war es zu Beginn des Ukraine-Kriegs. Nach und nach aber verlieren alle das Interesse, wenn sich die Erfahrung wiederholt, dass das wie auch immer geartete Geschehen nicht ihnen selbst schadet.

Immer mehr Leid dort, nachlassendes Mitgefühl hier? An dieser Stelle zeigt sich der kühl kalkulierte Zweck der auf den ersten Blick sinnlos erscheinenden russischen Horrorattacken. Jeder Angriff, der die Menschen in der Ukraine und im übrigen Europa emotional weiter auseinander treibt, liegt in Putins Interesse. Würden eines Tages, nach immer neuen Attacken, die Ukrainer und Ukrainerinnen ihren Mut sinken lassen und die Westeuropäer und -europäerinnen nur noch wegsehen, hätte Putin gewonnen.

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Das Gegenmittel liegt im Zusammenrücken, in neuer Aufmerksamkeit, in neuer Solidarität. Ideal ist es, wenn dabei die Zivilgesellschaft vorangeht. Die ukrainische Social-Media-Aktivistin Maria Avdeeva zum Beispiel liefert dazu wichtige Beiträge.

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Zu Dnipro veröffentlichte Avdeeva Fotos, die Menschen zeigen, die bei der Attacke starben, zum Beispiel die befreundeten jungen Ärztinnen Olha Usova und Irina Salamatenko. Zugleich erzählt Avdeeva die Geschichte der taubstummen Kateryna Zelenskaya, die verschüttet war, niemanden hörte und auch nicht selbst um Hilfe rufen konnte. Am Montag wurde sie gerettet. Ende gut, alles gut? Leider nein: Rettungskräfte suchen weiter nach ihrem einjährigen Sohn und ihrem Ehemann.

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Jeder, der sich näher einlässt auf das Geschehene in Dnipro, stellt fest: Das war nicht etwa nur ein Anschlag auf die Ukraine. Es war ein Anschlag auf die Menschlichkeit.

Macht uns Dnipro „älter und klüger“?

Seinen Roman „Falling Man“ über den 11. September 2001 in New York beginnt der amerikanische Schriftsteller Don DeLillo mit den Worten: „Es war keine Straße mehr, sondern eine Welt, eine Zeit und ein Raum von fallender Asche und beinaher Nacht.“

Später lässt DeLillo eine Romanfigur darüber sprechen, dass alles kein Unfall gewesen sei: „Als das zweite Flugzeug auftaucht, sind wir alle ein Stückchen älter und klüger.“

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"Ein Raum von fallender Asche" wie am 11. September 2001 in New York: Bergungsarbeiten in Dnipro.

"Ein Raum von fallender Asche" wie am 11. September 2001 in New York: Bergungsarbeiten in Dnipro.

Auch über den Trümmern von Dnipro liegt etwas Unheimliches und Universelles. Doch heute wie damals ist offen, ob der Terror, wenn schon seine Opfer nicht mehr lebendig werden, wenigstens die Überlebenden wirklich „älter und klüger“ macht.

Während viele Deutsche zum Abschalten tendieren, gibt es andere, denen das zerstörte Apartmenthaus in Dnipro seit Sonntag keine Ruhe lässt. Jan Ole Unger von der Hamburger Feuerwehr hat im März dieses Jahres beim Kollaps einer Ziegelfassade auf einer Baustelle nahe dem Millerntorplatz miterlebt, was eine Verschüttung von Verletzten bedeutet: „Das ist für alle, auch für die Retter, psychisch extrem belastend, denn man will schnell helfen und kommt nicht ran.“ Das zentrale Problem sei die schwer zu beurteilende statische Lage: „Ein falscher Schritt kann den Eingeklemmten den Tod bringen.“

In der Ukraine, fügt Unger hinzu, komme derzeit noch die Gefahr der Erfrierung hinzu – was wiederum zur Eile zwinge und damit das Drama noch erhöhe. „Wenn so etwas hier bei uns in Deutschland passieren würde“, sagt Unger, „durch bloßen Unfall und wohlgemerkt in Friedenszeiten, gäbe es in den Medien kein anderes Thema mehr.“

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