Ersten Flüge bereits gelandet

Israel bereitet sich auf 100.000 jüdische Migranten aus der Ukraine vor

04.03.2022, Israel, Jerusalem: Ein ultraorthodoxer jüdischer Mann, der in ukrainische und israelische Nationalflaggen gehüllt ist, betet am Freitag an der Klagemauer, der heiligsten Stätte, an der Juden beten können, in der Jerusalemer Altstadt.

04.03.2022, Israel, Jerusalem: Ein ultraorthodoxer jüdischer Mann, der in ukrainische und israelische Nationalflaggen gehüllt ist, betet am Freitag an der Klagemauer, der heiligsten Stätte, an der Juden beten können, in der Jerusalemer Altstadt.

Tel Aviv/Nof Hagalil. Flora Bonzelas jüngste Tochter Nofit ist nicht viel älter als der Krieg Russlands in der Ukraine. „Ich habe meine Tochter zur Welt gebracht, und als wir aus dem Krankenhaus nach Hause kamen, sind wir direkt in den Keller gegangen“ – da habe es bereits Beschuss gegeben, erzählt die Frau aus dem Ort Winnyzja bei Kiew. Zwei Wochen später ist die jüdische Familie in Israel. Die sechs Menschen sind gekommen, um zu bleiben. „Ich werde nicht zurückgehen“, sagt die 37-Jährige.

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Israels Innenministerin Ajelet Schaked erwartet in den kommenden Monaten rund 100.000 Menschen aus der Ukraine, die jüdisch sind oder jüdische Verwandte haben – und deshalb zur Einwanderung nach Israel berechtigt sind. Die ersten organisierten Flüge mit Hunderten Passagieren aus ukrainischen Nachbarländern sind bereits gelandet.

Flora Bonzela und ihre Familie konnten mit Hilfe der jüdischen Gemeinde in der Ukraine das Land verlassen – mit zwei Koffern. „Wir sind mit nichts weggegangen“, erzählt Bonzela auf Englisch am Telefon. Von Moldawien aus ging es demnach nach Israel und weiter in den Ort Nof Hagalil im Norden des Landes. Bonzelas Ehemann habe ausreisen dürfen, weil die Familie vier Kinder habe. Die Ukraine verbietet den meisten Männern zwischen 18 und 60 Jahren wegen der Wehrpflicht die Ausreise.

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Der Bürgermeister von Nof Hagalil – wo eine Mehrheit der Einwohner russisch spricht – hat Einwanderer auf Facebook in seine Stadt eingeladen. Hunderte Hotelzimmer und Apartments stehen laut Stadtverwaltung bereit.

Die Zionistische Weltorganisation hat angekündigt, in ganz Israel rund 1000 große und dauerhafte Wohnwagen als Unterkünfte für rund 1000 ukrainisch-jüdische Familien aufzustellen. Migranten aus der Ukraine erhalten zudem umgerechnet bis zu knapp 4200 Euro Starthilfe vom Staat.

Die für Einwanderung zuständige Jewish Agency hilft aktuell jüdischen Ukrainern und ihren Familien in der Ukraine, mit Bussen in Nachbarländer zu kommen. Dort hat die Agentur nach eigenen Angaben insgesamt mehr als 4000 Betten in Unterkünften angemietet, um die Menschen zeitweise unterzubringen und dabei ihren Anspruch auf Alija – die Einwanderung von Juden nach Israel – zu überprüfen.

„Es ist wirklich eine große humanitäre Katastrophe“, sagt Roman Polonsky, Regionaldirektor der Jewish Agency. „Ich nenne es den Frauen-Exodus. Wir sehen hier Frauen mit kleinen Kindern, Frauen, die herumwandern, Frauen in Zügen, wo in einem Waggon 40 Menschen sein sollten, aber 400 Menschen drin sind.“

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Israels Erfahrung mit Einwanderern aus Ukraine

Das israelische Einwanderungsministerium spricht von mehr als 7000 Ukrainern, die sich bereits für Alija angemeldet hätten. In der Ukraine lebten nach Angaben der Jewish Agency vor dem Krieg rund 43.000 Juden. Die Zahl derjenigen, die aufgrund jüdischer Verwandter nach Israel einwandern könnten, liegt aber bei rund 200.000.

Die wohl bekannteste Einwanderin mit ukrainischem Hintergrund ist Ex-Ministerpräsidentin Golda Meir, die allerdings lange vor der Staatsgründung kam. Das 1948 nach dem Holocaust gegründete Israel hat Erfahrung mit der Aufnahme einer Vielzahl an Migranten in kurzer Zeit. In Wellen kamen jüdische Einwanderer aus verschiedenen Teilen der Welt in das Land am Mittelmeer.

Die größte Einwanderungswelle aus ehemaligen Ostblock-Staaten gab es in den 1990er Jahren mit rund einer Million Menschen, die nach Israel kamen. Der große Zustrom vieler gut ausgebildeter Menschen gilt als ein wichtiger Beitrag zum Aufstieg Israels zur „Start-up-Nation“.

Im Vergleich zu den 1990er Jahren geht Polonsky davon aus, dass die Eingliederung der Menschen rein zahlenmäßig leichter wird. Er verweist auch auf die vorhandenen Strukturen für Neuankömmlinge mit kostenlosen Hebräisch-Sprachkurse und der staatlichen Krankenversicherung. Zudem gibt es im ersten Jahr fortlaufende finanzielle Unterstützung, Mietzuschüsse, Steuernachlässe und günstige Kredite.

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Polonsky sagt allerdings, der Krieg bringe nicht nur Einwanderer aus der Ukraine. „Die ganze Region bebt“, sagt er. Die Jewish Agency stelle auch ein verstärktes Interesse von potenziellen Einwanderern aus Russland fest. Dort leben demnach rund 500.000 berechtigte Menschen – in den früheren Ostblock-Staaten insgesamt sogar 900.000.

RND/dpa

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