Landminen in der Ukraine

„Jede falsche Bewegung kann eine tödliche Explosion auslösen“

Räumung einer Panzermine bei Donezk.

Räumung einer Panzermine bei Donezk.

Cherson/Kiew. Die ukrainische Armee hat nach dem Rückzug der russischen Armee aus dem Gebiet um die Stadt Cherson das Gebiet nördlich des Flusses Dnepr unter ihre Kontrolle gebracht. Doch mit ihrem Abzug lässt die russische Besatzung eine nahezu unsichtbare Gefahr zurück: Landminen, die verborgen in Ruinen, Feldern oder Spielplätzen liegen und bei Kontakt detonieren können. Vor allem für Zivilistinnen und Zivilisten bedeuten die Minen eine große Gefahr. Sie können schwerste Verletzungen und lebenslange Behinderungen verursachen oder sogar töten.

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Betroffen ist nicht nur Cherson, auch andere Gebiete in der Ukraine sind mit Landminen verseucht. Laut dem ukrainischen Präsidenten Wolodomyr Selenskyj ist die Minenräumung „die erste und grundlegende Aufgabe“. Er habe oft Schätzungen gehört, dass die Räumung der Ukraine von russischen Minen Jahrzehnte dauern werde.

75 Prozent der Opfer stammen aus der Zivilbevölkerung

Weltweit sind allein im Jahr 2021 mehr als 5540 Menschen durch Landminen verletzt oder getötet worden, wie die Organisation Handicap International in ihrem Landminen-Monitor 2022 berichtet. Demnach sind 75 Prozent der Opfer Zivilistinnen und Zivilisten, darunter zahlreiche Kinder und Jugendliche. „Anlässlich des 25. Jahrestags der Ottawa-Konvention ist der erneute Einsatz von Antipersonen-Minen ein Rückschlag. Die Menschen in den betroffenen Ländern müssen noch Jahrzehnte mit der Bedrohung von Minen und Blindgängern leben. „Die Zahl der Opfer ist erneut hoch, aber die Unterstützung für die betroffenen Menschen ist extrem gesunken“, sagt Eva-Maria Fischer. Die Leiterin der politischen Abteilung von Handicap International Deutschland forderte die Vertragsstaaten auf, sich mehr zu engagieren und die Konvention konsequent umzusetzen.

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Der Landminen-Monitor 2022 dokumentiert neue Einsätze von Antipersonen-Minen durch zwei Staaten, die nicht dem Ottawa-Vertrag angehören, nämlich Russland und Myanmar. Im Monitor wird auch erwähnt, dass Russland in der Ukraine mindestens sieben Arten von Antipersonen-Minen eingesetzt hat. Es gebe bestätigte Hinweise dafür, dass russische Streitkräfte auch Sprengfallen und improvisierte Sprengsätze an zahlreichen Orten platziert haben.

Minen überdauern Generationen, wenn sie nicht entschärft werden. Nicht nur an Land, sondern auch unter Wasser: In der Nord- und Ostsee verrotten noch immer tonnenweise Seeminen aus dem Zweiten Weltkrieg.

Wie viele Jahre bleiben die Sprengkörper eine Gefahr? Ist der Einsatz von Landminen überhaupt erlaubt? Und wie ist die Situation in anderen Ländern? Ein Überblick zu einer tückischen Hinterlassenschaft von Kriegen.

Internationaler Vertrag über das Verbot von Antipersonenminen

Die auf dem Land eingesetzten Minen lassen sich grob in zwei Gruppen einteilen: Fahrzeugabwehrminen und Antipersonenminen. „Viele klassische Antipersonenminen sind so konstruiert, dass sie Menschen verletzen und nicht töten – denn ein verletzter Soldat beschäftigt mehrere andere Soldaten“, sagt Fischer. Und verletzte Zivilistinnen und Zivilisten bräuchten medizinische und soziale Unterstützung und fielen häufig als Ernährer ihrer Familien aus. Aber auch Fahrzeugabwehrminen treffen laut der Friedensaktivistin in vielen Fällen die Zivilbevölkerung, dürfen aber nach wie vor eingesetzt werden.

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Antipersonenminen sind hingegen seit 1997 international geächtet. Das Ottawa-Abkommen verbietet den Einsatz, die Herstellung, die Weitergabe und die Lagerung von Antipersonenminen. Der internationale Vertrag ist seit 1999 in Kraft und wurde von 164 Staaten unterzeichnet. Auch Nicht-Unterzeichner wie die USA halten sich laut Handicap International faktisch an das Verbot. Die Vertragsstaaten haben sich zum Ziel gesetzt, bis 2025 eine minenfreie Welt zu erreichen, wie die Organisation in ihrem Report erklärt.

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Russland setzt Antipersonenminen ein

Dieses Ziel bringt der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine nun wohl zum Scheitern. Russland gehört zu den Staaten, die das Ottawa-Abkommen nicht unterzeichnet haben – und setzt nach Recherchen von Human Rights Watch und Amnesty International auch die geächteten Antipersonenminen in der Ukraine ein. Dies ist besonders brisant, da die Ukraine Mitglied im Ottawa-Abkommen ist. Human Rights Watch bezeichnet den Angriff mit Landminen auf ein Vertragsmitglied als einen „seltenen Fall“.

„Russland ist dem Verbotsvertrag nicht beigetreten. Das heißt, ihr Einsatz von Antipersonenminen ist kein Vertragsbruch, aber er bricht ein Tabu, an das sich mittlerweile die meisten Länder der Welt halten“, sagt Fischer von Handicap International.

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Bereits im März hatten Kräfte der ukrainischen Kampfmittelbeseitigung Antipersonenminen geortet. Laut den Recherchen von Human Rights Watch wurden sieben verschiedene Typen von Antipersonenminen verwendet, darunter ein neu entwickelter Typ mit dem Namen POM-3, der in Charkiw entdeckt wurde. Die Landmine ist demnach mit einem seismischen Sensor ausgestattet und wird mit Raketenwerfern abgefeuert. „Diese neuartige Mine ist besonders gefährlich, da sie nicht durch Berührung, sondern schon durch die Anwesenheit einer Person ausgelöst wird mit einer Reichweite von 16 Metern“, erklärt Friedensaktivistin Fischer.

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Noch im November 2020 erklärte Russland laut Human Rights Watch vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen, dass es zwar die Ziele einer minenfreien Welt unterstützte, aber dennoch Antipersonenminen „als ein wirksames Mittel zur Gewährleistung der Sicherheit der russischen Grenzen“ betrachte.

„Jede falsche Bewegung kann eine tödliche Explosion auslösen“

Sind die Landminen erstmal verlegt, bedeutet ihre Entfernung eine aufwendige und gefährliche Aufgabe. „Der einzige Weg, die Gefahr durch Landminen vollständig zu vermeiden, ist die humanitäre Minenräumung“, erklärt Fischer. Entminungsteams suchen dabei Zentimeter um Zentimeter des kontaminierten Gebietes ab. Mit Metalldetektoren finden und inspizieren sie jedes Metallstück, prüfen mit Minensuchnadeln die Umrisse und versuchen dann, vermeintlich gefährliche Gegenstände vorsichtig freizulegen, erklärt die Friedensaktivistin. Die Entschärfung der Waffen erfolge dabei in der Regel vor Ort durch das Entfernen des Zünders oder durch die gezielte Sprengung mit einer Schlagladung. Die Kräfte müssen sich bei dieser lebensbedrohlichen Aufgabe stark konzentrieren. „Jede falsche Bewegung kann eine tödliche Explosion auslösen“, sagt Fischer.

Darüber hinaus setzt Handicap International in manchen Ländern ferngesteuerte Minenräumgeräte ein, etwa im Tschad oder im Senegal. „Und wir haben erfolgreich Drohnen getestet – mit ihrer Hilfe können verdächtige Objekte durch Infrarotkameras geortet oder Karten erstellt werden, um die Einsatzorte für die Minenräumer und Minenräumerinnen besser zu definieren“, erläutert die Leiterin der politischen Abteilung von Handicap International Deutschland.

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Dass die Räumung von Minen und Blindgängern in der Ukraine Jahrzehnte dauern wird, davon gehen laut Fischer auch die Entminungsfachleute von Handicap International aus. Schon vor dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine war das Land stark mit Landminen aus dem Zweiten Weltkrieg sowie durch die Annexion der Krim belastet. Zwischen 2014 und 2019 dokumentierte der Landminen-Monitor von Handicap International 2727 Opfer von Landminen.

Zu den aktuellen Opferzahlen gebe es noch keine gesicherten Angaben. „In jedem Fall werden in einem aktuellen Konflikt immer besonders viele Menschen getroffen, da sie die Gefahren noch nicht kennen und sich oft auf der Flucht durch unbekanntes Gebiet bewegen“, sagt Fischer. Daher sei die Risikoaufklärung insbesondere für Kinder sehr wichtig.

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