Kommentar

Wer eine Dienstpflicht fordert, dem fehlt es an Einfühlungsvermögen für die junge Generation

Erlebt der Zivildienst eine Rückkehr? Die Meinungen dazu fallen gemischt aus – vor allem im Hinblick darauf, ob der Dienst verplfichtend sein soll.

Soll es eine soziale Pflichtzeit für alle geben? Die Debatte darüber ist angelaufen.

Berlin. Der Bundespräsident hat es gut gemeint – keine Frage. Und es stimmt ja auch: Es tut dem Land gut, wenn sich Menschen, egal, welchen Geschlechts, eine Zeit lang in den Dienst der Gesellschaft stellen und anderen helfen. Wenn sie dabei auch „aus der eigenen Blase“ herauskommen, wie Frank-Walter Steinmeier es nennt, ist das umso besser. Dennoch ist seine Schlussfolgerung falsch, dass ein Pflichtdienst eine gute Idee ist.

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Jemanden zu zwingen, eine bestimmte Zeit – ob es nun um sechs Monate, ein ganzes Jahr oder mehr geht – einen Dienst zu leisten, ist ein drastischer Freiheitseingriff. Dafür braucht es einen unabweisbaren Grund, wie es ihn zu Zeiten des Kalten Krieges für die Wehrpflicht gab. Rechtfertigungen nach der Devise „Das hat noch keinem geschadet“ reichen nicht.

Wir brauchen eine moderne Armee

Die Wehrpflicht ist aus guten Gründen ausgesetzt. Sie bleibt auch jetzt, da es durch die russische Kriegspolitik eine andere Bedrohungslage in Europa gibt, weiter überflüssig. Wir brauchen eine moderne Armee von Profis. Angesichts der bisherigen Unterfinanzierung ist das selbst mit dem Sondervermögen von 100 Milliarden Euro nicht sofort zu bewerkstelligen.

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Eine Armee, in der es an warmen Jacken und Unterhosen fehlt, kann auf Wehrdienstleistende in großer Zahl bestens verzichten. Die juristische Begründung des Zivildienstes wiederum lag allein darin, dass er der Ersatzdienst war für diejenigen, die den Dienst an der Waffe verweigerten.

In Zeiten des Fachkräftemangels wäre es geradezu verrückt, wieder ganze Jahrgänge verspätet in das Studium, die Ausbildung und den Beruf starten zu lassen. Und das auch noch mit dem zu befürchtenden Nebeneffekt, dass durch die Dienstleistenden Löhne in sozialen Berufen gedrückt würden – was diese noch unattraktiver machen würde.

Der Kummer in der Pandemie

Jenseits von solchen wirtschaftlichen Erwägungen gilt: Aus Sicht der jungen Generation – die sich bei den immer wiederkehrenden Debatten in der Regel angesprochen fühlen darf – käme eine Dienstpflicht gerade zum schlechtesten Zeitpunkt.

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In der Pandemie mussten sich junge Menschen mehr als zwei Jahre lang immer wieder einschränken. Sie mussten im Distanzunterricht lernen. Sie haben ihre Freunde viel zu wenig gesehen, konnten nicht im Club tanzen gehen und oft nicht mal ihren Abschluss gebührend feiern. Und sie haben das getan, um die ältere Generation zu schützen, in der es noch immer zu viele Impfverweigerer gibt.

Diese jungen Menschen haben es verdient, selbst zu entscheiden, ob sie direkt nach der Schule mit Studium oder Ausbildung beginnen oder zum Beispiel einen Freiwilligendienst leisten wollen. Oder ob sie – wenn sie es irgendwie finanziert bekommen, auch mit Arbeit unterwegs – mit dem Rucksack durch Lateinamerika ziehen. Wer das nicht versteht, dem fehlt es an Einfühlungs­vermögen für die junge Generation.

Der Vorteil der Freiwilligkeit

Die Lebenserfahrung, die viele aus einem Pflichtdienst mitgenommen haben, ist umso wertvoller, wenn sie in einem Freiwilligendienst erworben wird – also aus eigenem Antrieb. Die Politik darf nicht immer nur darüber reden, dass diese Dienste attraktiver werden müssen. Sie muss auch dafür sorgen.

Allen, die argumentieren, junge Menschen könnten mit durch einen obligatorischen Dienst lernen, dass es auch Pflichten gibt, sei gesagt: Der Bundespräsident hat gar nicht über ein konkretes Alter der Dienstleistenden gesprochen. Er wollte eine offene Debatte anstoßen.

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Jeder, der eine Dienstplicht für rüstige Rentner fordert, würde allerdings schnell feststellen: Die Zustimmung in der Bevölkerung würde rasch schrumpfen. Eine gute Regel ist: Fordere keinen Dienst für andere, den du nicht selbst zu leisten bereit bist.

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