Zwei Tote und viele Fragen

Dramatische Stunden in dunklen Zeiten: Wie der Westen auf den Raketenkrater in Polen reagierte

Nach dem Einschlag einer Rakete in Polen kommen am Morgen Joe Biden, Präsident der USA, (von links) Bundeskanzler Olaf Scholz, Pedro Sánchez, Ministerpräsident von Spanien, Emmanuel Macron, Präsident von Frankreich, Rishi Sunak, Premierminister von Großbritannien, und Justin Trudeau, Premierminister von Kanada, am Rande des G20-Gipfels für Beratungen zusammen.

Nach dem Einschlag einer Rakete in Polen kommen am Morgen Joe Biden, Präsident der USA, (von links) Bundeskanzler Olaf Scholz, Pedro Sánchez, Ministerpräsident von Spanien, Emmanuel Macron, Präsident von Frankreich, Rishi Sunak, Premierminister von Großbritannien, und Justin Trudeau, Premierminister von Kanada, am Rande des G20-Gipfels für Beratungen zusammen.

Als der Tod nach Przewodów kam, saß Bogdan C. auf seinem Traktor und brachte eine Fuhre Mais in die Getreidetrocknungsanlage des ostpolnischen Weilers. Boguslaw W. arbeitete im Lager. Beide wurden mit demselben Spitznamen angesprochen: Bodzio. 60 und 62 Jahre alt waren sie. So berichten es polnische Medien, deren Reporter neben den Polizisten und Spezialisten verschiedenster Dienste am Mittwoch in das kleine Dorf im Grenzgebiet zur Ukraine geströmt sind. Mit dem Krieg im Nachbarland hat man hier wenig zu tun gehabt, auch wenn die Grenze nicht einmal fünf Kilometer Luftlinie entfernt ist. Bis zum Dienstagnachmittag.

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Es sind dramatische Stunden in ohnehin dunklen Zeiten. Anwohner berichten von zwei „seltsamen, schnell fallenden Objekten“ und einer sehr lauten Detonation. Fotos zeigen einen umgestürzten Traktor mit Anhänger auf dem Gelände des landwirtschaftlichen Betriebs, auf dem Boguslaw W. und Bogdan C. arbeiteten.

+++ Alle Entwicklungen zum Krieg gegen die Ukraine im Liveblog +++

Über Nacht wird klar: Noch nie ist der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine der Nato so nahe gekommen. Ein Mitgliedsland hat Tote auf eigenem Boden zu beklagen. Alle stellen sich am Mittwoch dieselben Fragen: Hat die russische Armee eine Rakete abgefeuert, vielleicht sogar gezielt? Will der Kreml die Nato in den Krieg hineinziehen? Oder war es eine Rakete der ukrainischen Luftabwehr, die sich nach Polen verirrt hat? War es also gewissermaßen ein Unfall?

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Auch Jens Stoltenberg muss jetzt eine Antwort geben. Der Generalsekretär des westlichen Verteidigungsbündnisses stellt sich am Mittwochmittag an ein Rednerpult im Nato-Hauptquartier in Brüssel. Er muss sagen, wie es weitergeht. Er muss erklären, wie bedrohlich der Raketeneinschlag in Przewodów ist. Ein Dorf, das nun zum Sinnbild dafür geworden ist, wie schnell der Krieg eskalieren könnte. Ein paar Minuten vor Stoltenbergs Auftritt hat der polnische Präsident Andrzej Duda die Stimmung schon etwas entspannt. „Nichts, absolut nichts, deutet darauf hin, dass es sich um einen absichtlichen Angriff auf Polen handelte“, sagt Duda in Warschau.

Nato-Generalsekretär: keinen „bewussten Angriff“ auf polnisches Territorium

Der Einschlag einer Rakete auf polnischem Boden am Dienstagnachmittag beschäftigt die Nato-Bündnispartner.

Das wiederholt Stoltenberg nun in Brüssel mit etwas anderen Worten, aber gleichem Inhalt. Es gebe keine Hinweise darauf, dass der Raketeneinschlag in Polens Grenzgebiet zur Ukraine ein vorsätzlicher Angriff gewesen sei, sagt der Norweger. Das hätte aller Wahrscheinlichkeit nach eine Reaktion der Nato zur Folge gehabt.

Doch nach vorläufigen Analysen sei der Vorfall wahrscheinlich durch eine ukrainische Flugabwehrrakete verursacht worden, die gegen russische Angriffe mit Marschflugkörpern eingesetzt worden sei, sagt Stoltenberg. Es gebe auch keine Hinweise, dass Russland offensive militärische Aktionen gegen die Nato vorbereite. Ersten Erkenntnissen der Regierung in Warschau zufolge soll es sich bei dem in Polen eingeschlagenen Geschoss um eine S-300-Luftabwehrrakete sowjetischer Bauart gehandelt haben – die sowohl von Russland als von auch der Ukraine genutzt wird.

09.11.2022, Ukraine, Isjum: Die Schäden eines zerstörtes Krankenhauses. Foto: Deml Ondøej/CTK/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Zu Besuch in der Nordukraine: überall nur verbrannte Erde

Bewohnerinnen und Bewohnern des zerstörten Dorfs Nowoseliwka im Norden der Ukraine droht ohne Strom und Heizung der Kältetod. Der schleppende Wiederaufbau in der Nordukraine zeigt, was Menschen in der befreiten Region um Cherson blühen könnte.

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Es gebe vorerst keinen Grund, den Artikel 4 des Nato-Vertrags anzuwenden, sagen die Polen. Und Stoltenberg sieht das ähnlich. Der Artikel 4 sieht Beratungen der Nato-Staaten vor, wenn einer von ihnen die Unversehrtheit seines Gebiets, die politische Unabhängigkeit oder die eigene Sicherheit bedroht sieht. Das kann, muss aber nicht konkrete Reaktionen der Nato zur Folge haben.

Stoltenberg hat in der Nacht mit Duda und US-Präsident Joe Biden telefoniert. Biden ist zu dem Zeitpunkt beim G20-Gipfel auf Bali, wo der Raketeneinschlag Betroffenheit auslöst. Stoltenberg sagt, man sei sich einig gewesen, dass die Nato weiter „wachsam, ruhig und in enger Abstimmung“ vorgehen müsse. Die Ukraine habe zudem jedes Recht, sich gegen die russischen Raketenangriffe zur Wehr zu setzen. Putin sei verantwortlich, sagt Stoltenberg in einer für ihn ungewöhnlich emotionalen Tonlage: „Das ist nicht die Schuld der Ukraine.“ Russland sei es, das seinen illegalen Krieg gegen die Ukraine fortsetze.

Was man der ukrainischen Regierung vorwerfen könnte: Dass sie – anders als der Nato-Staat Polen – nicht besonnen reagiert, sondern entgegen den Ratschlägen von Verbündeten wie Bundeskanzler Olaf Scholz voreilige Schlüsse gezogen hat. Keine sieben Stunden nach dem Raketeneinschlag legt sich der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bereits fest: „Dieser russische Angriff auf die kollektive Sicherheit im euro-atlantischen Raum stellt eine erhebliche Eskalation dar“, schreibt er in einem auf Polnisch verfassten Tweet, in dem er dem Nachbarland Beileid bekundet und Solidarität ausspricht.

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Auch Selenskyjs Außenminister Dmytro Kuleba prescht vor und spricht sich für eine harte kollektive Antwort „auf das russische Vorgehen“ aus. Er verknüpft das mit einer ganzen Reihe von Forderungen: Zu den „Sofortmaßnahmen“ müsse die Einberufung eines Nato-Gipfels unter Beteiligung der Ukraine gehören. Dort müssten Maßnahmen erarbeitet werden, „die Russland zwingen, seinen Eskalationskurs zu ändern“, schreibt Kuleba auf Twitter. Außerdem verlangt er die Lieferung von Kampfjets vom Typ F-15 und F-16 sowie weitere Luftabwehrsysteme an die Ukraine. „Heute bedeutet der Schutz des ukrainischen Luftraums den Schutz der Nato.“

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Kuleba macht Russland verantwortlich

Kuleba tut es als „Verschwörungstheorie“ ab, dass es eine ukrainische Luftabwehrrakete gewesen sein könnte, die in Polen eingeschlagen ist. „Das ist nicht wahr“, schreibt er. Niemand solle auf die „russische Propaganda“ reinfallen.

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Russland hat im Krieg gegen die Ukraine zuletzt nur noch Niederlagen einstecken müssen: Ob militärisch beim Rückzug aus Cherson, der einzigen Regionalhauptstadt, die die Besatzer seit dem Einmarsch in die Ukraine überhaupt einnehmen konnten. Oder diplomatisch beim G20-Gipfel auf Bali, von dem Außenminister Sergej Lawrow vorzeitig abgereist und dem Präsident Wladimir Putin gleich ganz ferngeblieben ist.

Die wahrscheinlich voreiligen Anschuldigungen Kiews könnten nun zu einem Sieg Moskaus an der PR-Front werden. Dabei hat Russland spätestens seit dem Überfall auf die Ukraine eigentlich jede Glaubwürdigkeit verspielt. Die Dementis, wonach russische Besatzer in der Ukraine keine Kriegsverbrechen begehen, nimmt Moskau im Westen längst niemand mehr ab.

G20-Gipfel verurteilt Russland und fordert freien Welthandel

Die Teilnehmer des G20-Gipfels haben sich nach langen Diskussionen auf eine Abschlusserklärung geeinigt.

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Für die Ukraine ist nicht nur bitter, dass sich die Regierung in Kiew nun vermutlich zu weit aus dem Fenster gelehnt hat und damit selbst Glaubwürdigkeit eingebüßt haben dürfte. Der Vorfall hat außerdem die internationale Aufmerksamkeit von den jüngsten massiven Luftschlägen Russlands gegen die Ukraine vom Dienstag abgelenkt. Nach ukrainischen Militärangaben hat es sich um die schwersten russischen Angriffe auf die Energieversorgung des Landes seit Kriegsbeginn am 24. Februar gehandelt – mit verheerenden Folgen für die Zivilbevölkerung.

Zwar gelingt es der Ukraine inzwischen, die meisten der russischen Raketen und Drohnen abzuschießen. Das ist den westlichen Luftabwehrsystemen zu verdanken, besonders loben die Ukrainer immer wieder das deutsche System Iris‑T. Eine hundertprozentige Abschussquote kann aber keine noch so moderne Luftabwehr bieten, und auch am Dienstag sind wieder russische Raketen durchgekommen.

Nach Angaben von Präsident Selenskyj sind nach den jüngsten Luftangriffen Russlands zeitweise rund zehn Millionen Ukrainer ohne Strom gewesen – fast jeder vierte Mensch im Land. Der CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen spricht am Mittwoch von „verbrecherischen Angriffen auf die Zivilbevölkerung. Das ist ja durch Russland kaum noch Kriegsführung gegen den militärischen Gegner“, sagt er im Deutschlandfunk. „Stattdessen antwortet es mit Zerstörung und Vernichtung der Zivilbevölkerung und der zivilen Strukturen, das sind wirkliche Kriegsverbrechen.“

Auch die Hauptstadt Kiew ist wieder von den Luftangriffen betroffen. Der frühere Botschafter der Ukraine in Deutschland, Andrij Melnyk, sagt dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) am Dienstagabend aus Kiew, das Mobilfunknetz sei ausgefallen, es gebe keinen Strom und kein Wasser. Die Situation sei „echt gruselig“. Und weiter: „Noch nie war es in Kiew so stockdunkel.“

Am Dienstagabend fiel in Kiew der Strom aus.

Am Dienstagabend fiel in Kiew der Strom aus.

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Selenskyj wirft Moskau „Raketenterror“ vor. Er wertet die Angriffe als eine Reaktion auf seinen „Friedensplan“, den er zuvor per Videoschalte beim G20-Gipfel vorgestellt hatte – und als „zynische Ohrfeige“ ins Gesicht der G20 und der Welt. Selenskyjs Vorschlag sieht neben einem Abzug aller russischen Truppen unter anderem Reparationen wegen Kriegsschäden und ein „Sondertribunal“ wegen Kriegsverbrechen vor. Dass Kremlchef Putin diese Punkte niemals akzeptieren würde, weiß auch der ukrainische Präsident – es wäre nichts anderes als das Eingeständnis einer russischen Niederlage. Der Vorstoß dürfte Forderungen aus dem Westen geschuldet sein, dass sich die Ukraine verhandlungsbereit zeigen soll.

Dass der Krieg bald am Verhandlungstisch endet, ist nicht zu erwarten. Fast neun Monate sind seit dem russischen Einmarsch in der Ukraine am 24. Februar vergangen, eine Zeit, in der Nato-Generalsekretär Stoltenberg zahlreiche dramatische Momente erlebt hat. Der Mittwoch ist einer der dramatischsten davon gewesen. Eigentlich wäre Stoltenberg schon seit einigen Wochen wieder zu Hause in Norwegen. Er sollte Chef der Zentralbank in Oslo werden. Doch dann fegte der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine seine Karrierepläne beiseite.

Stoltenberg muss noch bis Ende September nächsten Jahres in Brüssel bleiben. Es ist alles andere als sicher, dass der Krieg bis dahin zu Ende ist. Und mit tödlichen Ereignissen wie jenem in Przewodów muss auch weiter gerechnet werden.

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